Eine Chirurgin im ewigen Eis

Die Ärztin Birgit Steckelberg leitet eine Forschungsstation in der Antarktis. Jetzt ist gerade der Winter zu Ende gegangen.

Als ihre Kinder ausgezogen waren, wollte die Chirurgin nochmal etwas anderes machen. Und ging auf Expedition in die Antarktis. Foto: PD

Als ihre Kinder ausgezogen waren, wollte die Chirurgin nochmal etwas anderes machen. Und ging auf Expedition in die Antarktis. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ruckzuck ist Birgit Steckelberg am Telefon. Draussen habe sie noch schnell das Flugfeld fertig gemacht, sagt sie. Eine merkwürdige Aufgabe für eine Chirurgin. Doch Steckelberg arbeitet zurzeit an einem ungewöhnlichen Ort: an der Atka-Bucht auf dem 200 Meter dicken Ekström-Schelfeis – in der Antarktis. Dort steht die deutsche Forschungsstation Neumayer 3, die vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven betreut wird. Steckelberg leitet seit Februar die Station. In den folgenden Wochen wird das Forscherteam auf bis zu 70 Menschen anwachsen.

Die Vorbereitungen für die Gastforscher laufen jetzt an. Letzte Woche landeten kanadische Piloten auf der eigens präparierten Schneepiste, die ersten Fremden, die das Team nach acht Monaten sah. Am 28. Februar flog das letzte Versorgungsflugzeug ab. Seitdem waren Steckelberg und ihre fünf Kollegen und drei Kolleginnen – Wissenschaftler, Ingenieure und eine Köchin – auf sich allein gestellt. Eine Aufgabe der Ärztin war, zu untersuchen, wie sich Menschen an die Isolationsphase anpassen. Sie sammelte Blut- und Urinproben und führte Kognitionstests mit den Mitarbeitern durch. Steckelberg hat die Verantwortung für die körperliche und seelische Gesundheit des Teams. «Grössere Probleme sind bisher zum Glück nicht aufgetreten», sagt die Ärztin.

Ein bisschen Haut lugte hervor – und fror sogleich ab

Wird so ein Job nicht langweilig? Schliesslich war Steckelberg über 20 Jahre lang als Chirurgin in Spitälern in Hannover tätig. «Nein, im Gegenteil, ich konnte meine Hirnzellen mal auf die andere Seite pusten», sagt sie. Die härteste Zeit während der Polarnächte, in denen zwischen dem 20. Mai und dem 22. Juli die Sonne nicht aufging, hat das Team gut überstanden. «Wir waren sehr gut darauf vorbereitet», sagt Steckelberg. Zudem gab es so viel zu tun, dass sie kaum zum Nachdenken kam, «was gut war».

Einmal, als es eine Woche lang ­stürmte, konnte das Team die Schneeschmelze nicht nachfüllen, das Wasser wurde knapp. «Die kälteste gemessene Temperatur in diesem Winter war minus 43,6 Grad am 11. August», sagt Steckelberg. «Wenn man sich da beim Rausgehen nicht sehr sorgfältig anzieht, kann es schnell zu Erfrierungen kommen.» Das erlebte sogar sie selbst, als nur ein Quadratzentimeter im Gesicht herausschaute. Sie war auf dem Weg zum 500 Meter entfernten Container, in dem die Crew Gemüse und «irre Salate» züchtet, ein ­Forschungsprojekt.

Am faszinierendsten ist für die Ärztin die Natur: die Eiswüste, die Eisberge und die Tiere. Ganz in der Nähe brütet eine Kolonie von Kaiserpinguinen. Sie habe aber die Robben noch lieber. Kürzlich fuhr sie über das Eis beim Sonnenuntergang, «unbeschreiblich schön» sei das gewesen. Die grösste Herausforderung? «Das war am ­Anfang, als wir einen Zugang vom Schelfeis zum Meereis finden mussten, wo die Forscher ihre Messungen durchführen.» Das Schelfeis ragt wie eine Steilküste über das Meereis. «Ich war an den Pistenbulli angeseilt, als wir die Rampe austesteten.»

Lediglich ihre vier Kinder vermisst die 54-Jährige «wirklich sehr». Dabei sind ihre drei Söhne und die Tochter bereits erwachsen, und als sie auszogen, war das ein Grund für Steckelberg, noch einmal etwas ganz anderes zu anzufangen.

Erstellt: 27.10.2019, 18:45 Uhr

Artikel zum Thema

Ewiges Eis gibt 160-jähriges Expeditionsschiff frei

Sogar die Queen gratuliert: Ein ferngesteuertes U-Boot fand eines von zwei verschollenen Schiffen des Polarforschers John Franklin. Mehr...

Der Südpol schmilzt

Seit 2014 ist die Fläche des Meereises rund um die Antarktis um etwa 1,8 Millionen Quadratkilometer geschrumpft. Der massive Schwund ist erstaunlich. Mehr...

Saurier-Fussabdruck in Antarktis entdeckt

Forscher haben einen rund 200 Millionen Jahre alten versteinerten Saurier-Fussabdruck entdeckt. Hierbei handelt es sich um die erste Spur von Dinosauriern im nördlichen Viktorialand. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss So wichtig ist Vitamin D

Mamablog «Trennungen werden noch immer tabuisiert»

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fliegende Körner: Ein Bauer erntet Reis auf einem Feld in Nepal. (15. November 2019) A farmer harvests rice on a field in Lalitpur, Nepal November 15, 2019.
(Bild: Navesh Chitrakar ) Mehr...