«Eine Depression verursacht oft Konzentrationsstörungen»

Am Donnerstag wurde bekannt, dass der Chauffeur im Walliser Car-Dramas täglich ein Antidepressivum einnahm. Ein Experte erklärt, ob man trotzdem fahren kann und ob Depressive überhaupt Verantwortung übernehmen können.

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Herr Hasler, wie wirkt sich Paroxetin auf die Fahrtauglichkeit eines Patienten aus?
Alle Medikamente werden auf ihr Risiko der Fahrunfähigkeit hin beurteilt und in eine Skala eingeteilt. Moderne Antidepressiva sind der geringsten Risikoklasse zugeteilt. Paroxetin in einer konstanten Dosierung hat also kein bis ein geringes Risiko, die Fahrfähigkeit zu beeinträchtigen.

Was heisst das, wenn man von einem geringen Risiko spricht?
Das bedeutet, dass bisher in keiner Studie ein Risiko nachgewiesen werden konnte. Allgemein spricht man bei modernen Antidepressiva eigentlich von einem Nullrisiko, doch weil man es nie ganz ausschliessen kann, geht man davon aus, dass sie ein geringes Risiko bergen können.

Wie macht sich eine Fahruntauglichkeit bemerkbar?
Ein Hauptproblem ist die mangelnde Konzentration. Antidepressiva verbessern die Konzentration im Allgemeinen aber eher. Es konnte auch gezeigt werden, dass die Fahrtauglichkeit bei Menschen mit psychischen Störungen unter Behandlung mit modernen Antidepressiva besser ist als unbehandelt.

Welche Nebenwirkungen können bei der Einnahme von Paroxetin auftreten?
Es kann sein, dass die Leute etwas müde werden. Doch in Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass diese Müdigkeit nicht zu Fahrproblemen führt. In den ersten zwei Wochen können zudem Schwindelgefühl und Sehstörungen auftreten. Diese Symptome verschwinden aber, wenn sich das Medikament eingependelt hat. Wäre dies nicht so, könnte man das Medikament nicht langfristig einsetzen, das würde kein Patient in Kauf nehmen.

Heisst das, Paroxetin ist im Zusammenhang mit der Fahrtüchtigkeit völlig unproblematisch?
Nein, in den ersten zwei Wochen der Einnahme raten wir ganz klar davon ab, Auto zu fahren. Denn in dieser Zeit können die oben genannten Nebenwirkungen auftreten. Es macht also einen Unterschied, ob jemand erst neu mit der Therapie begonnen hat oder das Medikament bereits seit längerer Zeit regelmässig einnimmt. Das Autofahren unter Antidepressivum zu verbieten wäre aber fatal, dann würden sehr viele Menschen nicht mehr fahren können.

Hätten Sie dem Berufsfahrer davon abgeraten, Bus zu fahren?
Wenn man sieht, dass ein Carchauffeur aus ganz anderen Gründen als dem Fahren oder der beruflichen Belastung depressiv wurde, in der Vergangenheit noch nie Probleme im Verkehr hatte und bei der kognitiven Testung eine normale Leistung zeigt, ist es vertretbar, dass er seinen Beruf weiterhin ausübt – sofern sich das Antidepressivum gut eingependelt hat. Ich weiss allerdings nicht, wie lange der belgische Carchauffeur das Medikament schon einnahm. Wenn der Mann aber an einer schweren Depression litt, könnte dies die Fahrfähigkeit beeinträchtigt haben. Denn eine Depression verursacht oft Konzentrationsstörungen.

Ist es üblich, dass man das Medikament täglich einnimmt?
Ja, denn wenn man es zwischendurch absetzt und dann wieder einnimmt, beginnt die Gewöhnungszeit für den Körper jedes Mal wieder von Neuem. Dies wäre für die Fahrtauglichkeit schlecht. Wenn bei einem Patient die Dosierung geändert wird, muss man ihm ebenfalls für zwei Wochen davon abraten, sich hinter das Steuer zu setzen.

Der Untersuchungsbericht zeigte auch, dass der Fahrer an einer Herzschwäche, einer sogenannten Atherosklerose, gelitten hat. Ist es möglich, dass es hier zu einer Wechselwirkung mit dem Medikament gekommen ist?
Paroxetin kann zwar zu leichten Veränderungen im EKG führen, das Risiko für gefährliche Herzrhythmusstörungen ist aber extrem gering. Deshalb wird Paroxetin oft bei Patientinnen und Patienten mit Herzkrankheiten verschrieben.

Die Herzschwäche des Unfallfahrers ist ja genau mit Herzrhythmusstörungen verbunden. Kann es sein, dass die Symptome durch das Medikament noch verstärkt wurden?
Das ist nicht auszuschliessen. Wenn unsere Patienten schwere Herzkrankheiten haben, ziehen wir einen Kardiologen zur Beurteilung bei. Meistens wird das Risiko als gering eingeschätzt und man gibt das Medikament trotzdem. Man testet in der Regel aber eine solche Wechselwirkung, indem man den Patienten vor und nach der Einnahme des Medikamentes einem EKG anschliesst. Wenn das EKG dann unauffällig ausfällt, kann dieser Zusammenhang ausgeschlossen werden. Wenn die Herzkrankheit aber nicht bekannt ist, macht man den Check nicht routinemässig, weil die Substanz so sicher ist.

Wie beurteilen Sie die Frage nach der Verantwortung? Ist ein depressiver Mensch überhaupt fähig, diese für einen voll besetzten Bus zu übernehmen?
Es kommt darauf an, wie schwer die Depression ist. Wenn jemand schwer depressiv ist, kann er diese Verantwortung nicht übernehmen. Aber Paroxetin wird von vielen Menschen eingenommen, die irgendwann im Leben mal eine depressive Episode erlebten. Um einen erneuten Schub zu verhindern, nehmen sie das Medikament weiterhin ein. Diese Personen können eine solche Verantwortung sehr wohl übernehmen, weil sie stabil sind und keine depressiven Symptome haben. Wenn der Buschauffeur jahrelang mit dem Paroxetin stabil war, war es nicht unbedingt ein Fehler, ihn mit der Gruppe der Kinder zu betrauen. Für die Beurteilung müsste man aber seine Vorgeschichte kennen.

Ist es denn möglich, dass durch die langen Arbeitszeiten und durch den Stress wieder ein Depressionsschub ausgelöst wird oder verhindert dies das Medikament komplett?
Nein, Stress bleibt ein Risikofaktor. Dies ist aber sehr stark von der Person abhängig. Es gibt Menschen, die rasch depressiv werden, wenn sie Verantwortung übernehmen müssen oder einen unregelmässigen Tag-Nacht-Rhythmus haben. Andere Patienten tolerieren dies trotz Depressionsrisiko gut. Ich nehme an, dass diese Frage beim Unfallfahrer in der Behandlung evaluiert wurde.

Der Unfallfahrer soll gemäss Untersuchungsbericht zeitweise noch einen Zweitjob ausgeübt haben. Übernimmt sich denn ein Mensch, der zu Depressionen neigt, dabei nicht?
Das ist schwer zu beurteilen. Wenn er beispielsweise an beiden Orten nur 20 Prozent gearbeitet hat, wäre dies kein Problem. Zwei Jobs sind nicht generell ein Faktor, der das Depressionsrisiko erhöht. Wenn jemand aber zu viel arbeitet und eine solch verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen muss, ist dies sicherlich ungünstig – unabhängig davon, ob er oder sie an einer Depression leidet. Die Arbeitsbelastung wird im Rahmen einer Therapie über einen gewissen Zeitraum hinweg beobachtet. Wenn der Patient eine hohe Arbeitsbelastung aushält und in der Beobachtungsphase stabil bleibt, kann man davon ausgehen, dass er auch später stabil bleiben wird. Wenn jemand in dieser Zeit aber wieder depressiv wird, muss geklärt werden, was dazu geführt hat. Da kommen verschiede Auslöser infrage. Jemand kann zum Beispiel gelangweilt sein oder eine Ehekrise haben und dadurch eine Depression erleiden. Bei der Therapie wird aber stark auch in die Vergangenheit geschaut, welche Umstände für einen Patienten problematisch sind. In der Schweiz ist beispielsweise der häufigste Grund für eine Depression die Arbeitslosigkeit und nicht die Arbeit an sich.

Erstellt: 31.08.2012, 16:59 Uhr

Prof. Dr. med. Gregor Hasler ist Chefarzt für Soziale Psychiatrie an der Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie Bern (UPD). Der 44-Jährige hat Humanmedizin in Zürich, Lausanne, Paris und London studiert. (Bild: Zvg)

Ergebnisse des Obduktionsberichtes

Der Bericht legt dar, dass der Fahrer an den Verletzungen, die er sich beim Unfall zugezogen hat, gestorben ist. Die Obduktion zeigte aber, dass der Lenker unter einer Atherosklerose – eine verstärkte Fettablagerung – des linken Herzkranzgefässes mit einer Verengung litt.

Die toxikologischen Abklärungen schliessen aus, dass der Lenker unter Einfluss von Alkohol oder Betäubungsmitteln stand. Es wurden hingegen Spuren des Antidepressivums Paroxetin im Blut nachgewiesen. Noch unklar ist, wie hoch die Konzentration zum Zeitpunkt des Unfalls war. Ob der Fahrer das Medikament am Unfalltag eingenommen hat, kann also noch nicht abschliessend beantwortet werden.

Paroxetin

Paroxetin ist ein modernes Antidepressivum und gehört zu den sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Es wird zur Behandlung von Depressionen, Zwangsstörungen, Panikstörungen, sozialen Angststörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen eingesetzt, vor allem aber bei einer Depression.

Das Medikament erhöht den Serotoninspiegel in den Synapsen und hebt somit die Stimmung an. Richtig dosiert verbessert es den Schlaf und die Konzentration und bewirkt, dass die Leute weniger ängstlich sind.

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