«Einer der wichtigsten Beiträge in den letzten 10 Jahren»

US-Forscher Craig Venter hat ein Bakterium im Labor zusammengebaut. «Ein Meilenstein», findet Biotechnologe Sven Panke, vor allem für die langwierige Wissenschaft.

Künstlich erzeugt: Eine undatierte Aufnahme eines «Forschungsobjekts» aus J. Craig Venters Labor.

Künstlich erzeugt: Eine undatierte Aufnahme eines «Forschungsobjekts» aus J. Craig Venters Labor. Bild: Keystone

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Herr Panke, wie ist die neuste Leistung von Gen-Pionier Craig Venter zu werten?
Aus meiner Sicht ist es einer der wichtigsten Beiträge in den letzten 10 Jahren im Bereich der Biotechnologie. Aber wie das in der Wissenschaft so ist, kam der Fortschritt nicht über Nacht. Es gab eine Reihe von Vorläufer-Publikationen, die in dieselbe Richtung gingen. Darum ist der Sprung von der letzten Veröffentlichung dieser Art zur aktuellen nicht wahnsinnig gross.

Trotzdem wird er als bahnbrechender Erfolg gefeiert.
Es wird nachhaltig verändern, wie wir Biotechnologie betreiben. Vor 20 Jahren waren wir glücklich darüber, ein Gen sequenzieren zu können. Vor 10 Jahren war es dann schon ein ganzes humanes Genom, und das hat unsere Sicht auf die Biologie komplett verändert. Insofern ist die Herstellung eines Bakteriums mit komplett nachgebautem Erbgut ein technologischer Meilenstein, ein grosser Schritt für die Wissenschaft, für den nichteingeweihten Normalverbraucher jedoch kaum ersichtlich.

Ist das der Beginn einer neuen Ära?
Eine wissenschaftliche Revolution lässt sich nur sehr selten an einzelnen Geschichten festmachen. Ich denke, es ist ein Symbol für eine neue Ära. Aber noch nicht der Moment, in dem sie anbricht. Venters Publikation ermöglicht, auf einem anderen Massstab zu denken. Bisher arbeitete der klassische Gentechniker mit einzelnen Genen, da er technologisch schnell an seine Grenzen stiess. Venter hat nun gezeigt, dass diese Limitation zu überwinden ist. Aber wir müssen auch noch lernen, wie man all diese Gene, die man nun synthetisieren kann, auch mit Inhalt füllt. Da sind wir noch ganz schwach.

Was wird diese Erkenntnis auslösen?
Mittelfristig – ich spreche nicht von den nächsten ein, zwei Jahren – wird die Biotechnologie zuverlässiger und schneller werden als bisher. Die Biotechnologie ist eine wichtige Zukunftstechnologie, die allerdings mit enormen technologischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Schliesslich geht es um komplexe Systeme, in denen viele Bausteine miteinander interagieren. Es ist nicht leicht, die Bausteine so zu beeinflussen, wie man es gerne hätte. Einerseits muss man verstehen, was da passiert. Andererseits muss man die Technologie in der Hand haben, um auf diesem Massstab eingreifen zu können. Das erste Problem ist noch nicht gelöst, das zweite hat nun aber eine ganz neue Dimension bekommen.

Das heisst, man muss es jetzt nur noch umsetzen können?
Wir haben noch das Verständnisproblem zu lösen. Venter hat eine Million Basenpaare DNA schreiben lassen, aber keinen neuen Code, sondern von der Natur abgeschrieben. Das ist eine nicht zu unterschätzende technologische Meisterleistung. Doch andere grosse Schritte bleiben noch zu tun.

Ganz konkret: Was wird dank der Errungenschaft möglich werden?
An den Anwendungen der Biotechnologie wird sich nicht viel ändern. Sie beschäftigt sich seit den 70er-Jahren mit Chemie und Pharmazeutika. Die Frage ist eher, wie effizient das in Zukunft geht. Beispielsweise angesichts wechselnder Rohstoffbasis: Demnächst ist das Öl alle oder wird zu teuer und man wird auf nachwachsende Rohstoffe setzen. Ein Weg führt über die Biotechnologie. Das ist aufwändig und teuer. Aber vielleicht in Zukunft schneller und zuverlässiger.

Dank Venters Fortschritten lassen sich Bakterien herstellen, die aus Sonnenlicht Energie produzieren, heisst es.
Hefe-Arten, die aus Pflanzenzucker Ethanol machen, gibt es jetzt schon. Dieses Anwendungsgebiet ist nicht neu. Die Neuerung ist vielmehr prozessual. Dank Venter lässt sich Entwicklungszeit sparen; nicht jeder hat 20 Jahre Zeit, um auf einen erfolgreichen Bioprozess zu warten.

Wie lange wird es dauern, bis dies erste Früchte trägt?
Bis Venters Erkenntnisse überall angekommen sind, werden sicher fünf bis zehn Jahre vergehen. Aber ich will seine Leistung in keiner Weise abschwächen. Er hat gezeigt, was möglich ist. Im Moment kann das ausser ihm wohl keiner.

Ruft das nun nicht die Ethiker auf den Plan?
Die Eidgenössische Kommission für Ethik hat sich vor wenigen Tagen zur synthetischen Biologie geäussert. Die Mehrheit der Kommission erachtete sie in ihrer momentanen Form für unbedenklich.

Erstellt: 21.05.2010, 16:31 Uhr

«Ein Meilenstein»: Sven Panke ist Professor am Departement für Biosysteme an der ETH Zürich.

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