Er hypnotisierte Zürich

Der schillernde Psychiater Auguste Forel führte am Zürcher Burghölzli die Hypnose ein und behandelte eine grosse Zahl von Patienten und sogar sein Personal.

Hypnose fand ab Mitte der 1880er-Jahre zunehmend Verbreitung in der Medizin – durchsetzen konnte sie sich allerdings nicht (Holzstich von 1893).<br />Bild: AKG-Images

Hypnose fand ab Mitte der 1880er-Jahre zunehmend Verbreitung in der Medizin – durchsetzen konnte sie sich allerdings nicht (Holzstich von 1893).
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Überfüllte Zuschauerränge, vorne ein Halbkreis aus bequemen Fauteuils und Polsterbänken, in der Mitte der Gast­geber. Dies war die Bühne, auf der der Psychiater Auguste Forel Ende 19. Jahrhundert seine beliebten Hypnosevorträge vorführte. Der Ablauf war meist gleich: Seine Patienten wurden im Nebenraum untersucht und betraten dann gemeinsam den Raum durch die beiden Seiteneingänge. Nachdem sie auf den weichen Sitzgelegenheiten Platz genommen hatten, wurden sie der Reihe nach vor den Augen aller hypnotisiert. Das Publikum war jedes Mal tief beeindruckt.

Forel ist eine der prägendsten und wohl zwiespältigsten Persönlichkeiten der Schweizer Medizingeschichte. 1848 in Morges VD geboren, gilt der Hirn- und Ameisenforscher als Begründer der Psychiatrie in der Schweiz. Er war weltbekannt, lange bevor er 1931 starb. Heute kennen ihn die meisten wohl von der Tausendfrankennote («Ameisi»), die er lange Jahre zierte. Forel war ein vehementer Verfechter der Alkoholabstinenz und ein Sozialreformer, der die damals revolutionäre Enttabuisierung des Sexuallebens und die Gleichberechtigung der Geschlechter befürwortete. Gleichzeitig propagierte er mit zunehmender Radikalität die Eugenik und damit verbundene Zwangssterilisationen von angeblich erblich Minderwertigen.

Die Hypnosetherapie hat Forel Ende des 19. Jahrhunderts als Direktor der ­Irrenheilanstalt Burghölzli (heute Psychiatrische Universitätsklinik) in Zürich eingeführt. Sie wurde lange Zeit als unwichtiger Randaspekt seines Schaffens belächelt. Zu Unrecht, findet die Historikerin Mirjam Bugmann, die soeben ihre Dissertation dazu veröffentlicht hat («Hypnosepolitik», Böhlau-Verlag). «Die Hypnose war damals eine der ersten psychotherapeutischen Therapieformen überhaupt und gehört zu den wichtigsten Neuerungen, die Forel in die Psychiatrie eingeführt hat», sagt sie.

Paul K. und sein «Spirit»

Tatsächlich sorgte Forels Hypnosetherapie zu seiner Zeit für Aufsehen. Seine Vorführungen am Burghölzli zogen Fachleute wie Laien in den Bann. «Fast atemlos» habe man «den staunenerregenden, wunderbaren Dingen zugehorcht» und «mit grossen Augen die zahlreichen Experimente verfolgt», berichtete damals ein Teilnehmer im «Correspondenz-Blatt für Schweizer Ärzte». Und ein Assistenzarzt Forels erinnerte sich später: «Jede Krankenvorstellung Forels war ein unvergessliches Ereignis.» Die Vorlesungen waren so populär, dass der Zugang zeitweise beschränkt werden musste. Selbst im Zürcher Kantonsrat kam es zu kontroversen Diskussionen zum Hypnotismus am Burghölzli.

Wie bedeutend die Hypnose für Forel war, zeigt sich auch an der Häufigkeit, mit der er die Technik anwandte, nachdem er sie 1887 in Frankreich erlernt hatte. Am Burghölzli versuchte er über die Jahre rund jeden zehnten Patienten mittels Suggestion zu therapieren, wie Bugmann anhand ihrer Recherchen in insgesamt 580 Originalkrankenakten belegt. Die neuartige Behandlung war dabei ein Versuch, dem damals in der Psychiatrie herrschenden sogenannten therapeutischen Nihilismus zu begegnen. Weil es keine Therapie gab, die wirklich nützte, griffen die Ärzte in ihrer Ratlosigkeit oft zu Zwangstherapien wie Eisbäder oder Zwangsjacken. Forel schien mehr Erfolg zu haben: Laut den Krankenakten konnten zwei Drittel der Hypnosepatienten das Burghölzli mit Status «geheilt» oder «verbessert» wieder verlassen. «Wie nachhaltig die Wirkung war, lässt sich rückblickend allerdings nicht feststellen», sagt Bugmann.

Forel zweifelte jedenfalls nicht an der Wirksamkeit. Seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen waren denn auch ­gespickt mit Erfolgsgeschichten. Zum Beispiel der des 39-jährigen Paul K. Der Patient litt unter einem «Spirit», der ihn massenhaft schreiben liess und zu zwanghaften Handlungen trieb. Ein Oberarzt überzeugte ihn kurz nach Klinikeintritt davon, sich hypnotisieren zu lassen. Am nächsten Morgen hakte Forel nach: Dies sei «eine ganz gewöhnliche Geschichte», solche Fälle habe er schon sehr viele gehabt und alle geheilt. Tatsächlich gelang es offenbar, den auf diese Weise eingestimmten Patienten in nur einer Hypnosesitzung zu kurieren.

«Hysterische» Frauen sollten gut ansprechen

Forel ging dabei vor wie meistens: Er schaute dem Patienten tief in die Augen und beförderte ihn mit Worten und leichten Handbewegungen in einen hypnotischen Zustand. Danach redete er Paul K. ein, dass der «Spirit» nun keine Macht mehr über ihn habe, und weckte ihn mit einem Fingerschnippen wieder auf. Paul K. konnte bald darauf die Klinik verlassen. Ob der «Spirit» später wiederkehrte, ist unbekannt.

Die Erkrankung von Paul K. war eher ungewöhnlich für eine Hypnosetherapie. Schwere psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie oder Paranoia galten als angeboren und deswegen nicht behandelbar. Für besonders geeignet hielt man hingegen Suchtkranke, insbesondere Alkoholiker, oder Morphiumabhängige, die sich gleichzeitig einer Abstinenzbehandlung unterzogen. Auch bei der Hysterie, der damaligen Mode­erkrankung bei Frauen, vermutete man ein gutes Ansprechen. Später, nachdem Forel das Burghölzli verlassen hatte und als frei praktizierender Arzt tätig war, verwendete er Hypnose auch bei Schlafstörungen, Kopf- oder Zahnschmerzen und sexuellen Störungen.

Doch Forel wandte die Hypnose nicht nur bei Kranken an, sondern im grossen Stil auch bei seinem Personal. An ihm lotete er die Methode aus und bewies, dass sich auch Gesunde hypnotisieren liessen. «Vor allem aber nutzte er die Technik, um seine Klinik effizient zu steuern», sagt Bugmann. Forel versuchte beispielsweise seine überlasteten Angestellten so zu hypnotisieren, dass sie während des Nachtdiensts gut schlafen konnten und trotzdem aufwachten, wenn ­etwas passierte. «Dabei kam es auch zu Abhängigkeiten», so die Historikerin. Eine Pflegerin litt nach einem Stellenwechsel an Schlafstörungen und sehnte sich nach Forels Hypnosen zurück.

Vorgetäuschte Hypnosen

Forel hielt bis ans Lebensende an der Hypnose fest. In der Medizin durchsetzen konnte sich die Therapieform jedoch nicht. Zwar fand sie ab Mitte der 1880er-Jahre zunehmende Verbreitung, auch dank dem Einsatz des Schweizer Psychiaters. Doch die grosse Mehrheit der Ärzte blieb ablehnend. «Hypnoseärzte standen immer am Rand», sagt Bugmann. Sie mussten sich abgrenzen von Bühnenhypnotiseuren und Scharlatanen, die der Methode einen Anstrich von faulem Zauber gaben. Die Kritiker, die an eine Wirkung glaubten, hatten hingegen teilweise moralische Bedenken. Sie befürchteten, dass Hypnotisierte zu Straftaten manipuliert oder ­sexuell missbraucht würden. Um 1900 war die Therapie wieder weitgehend aus der Psychiatrie verschwunden.

Tatsächlich funktionierte die Hypnose auch bei Forel oft nicht. In den Krankenakten brechen in solchen Fällen die regelmässigen Einträge plötzlich ab. «Für die Ärzte waren Hypnosepatienten interessant und wurden deswegen mehr beachtet und betreut», sagt Bugmann. Für die Behandelten war es aus diesem Grund attraktiv, auf die Hypnose anzusprechen oder bewusst zu simulieren. «Viele vermeintlich erfolgreiche Behandlungen dürften deshalb auf einem Mitspielen der Patienten beruhen», glaubt Bugmann.

So auch bei Wolfgang P. Der morphiumabhängige Fabrikant P. war für einen Entzug mit Hypnosetherapie extra von Frankfurt nach Zürich gekommen. Weil er nicht auf die Behandlung ansprach, simulierte er. «Als Forel davon erfuhr, war er sehr beleidigt und wollte nicht mehr weiter hypnotisieren», erzählt Bugmann. Er liess sich erst besänftigen, als der Patient ihm mitteilte, dass er nur simuliert habe, um keinen Therapie­abbruch zu riskieren. Ob die folgenden Therapiesitzungen die gewünschte Wirkung zeigten, ist nicht überliefert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2015, 20:13 Uhr

Zeitgemässe Therapien

«Die Hypnose erlebt eine Renaissance»

Der Psychologe Björn Rasch* über Problemtrancen und heutige Hypnoseanwendungen.

Welche Rolle spielt die Hypnose heute in der Medizin?
Die Suggestion galt eine gewisse Zeit als sehr vielversprechend, nicht nur im medizinischen Bereich. Sie wurde zum Beispiel auch in Polizeiverhören verwendet, weil man glaubte, dass die Leute dann die Wahrheit sagen würden. Als sich die viel zu hohen Erwartungen nicht erfüllten, wandte man sich von der Methode völlig ab. Heute erlebt die Hypnose mit realistischeren Anwendungen eine Renaissance.

In welchen Bereichen?
Sehr gut belegt ist die Möglichkeit der Schmerzreduktion. Es gibt zum Beispiel Videoaufnahmen von Leuten, die unter Hypnose operiert werden. In der Zahnmedizin lassen sich unter Hypnose in gewissen Fällen die Schmerzmittel reduzieren oder gar weglassen. Es gibt auch Untersuchungen im Bereich Raucherentwöhnung, mit Krebspatienten oder auch zu nachoperativen Schmerzen. Allerdings ist die Studienlage bei der Hypnose allgemein nicht sehr gut. Besonders die schmerzreduzierenden Effekte kennt man zudem auch von anderen tranceartigen Zuständen.

Inwiefern ist dann Hypnose überhaupt ein besonderer Zustand?
Das kann man sich tatsächlich fragen. Wenn mich im Kino ein Film wirklich fesselt, vergesse ich auch die Zeit, meine Sitzposition und meine Schmerzen. Hypnose wird heute definiert als fokussierter Zustand, der die Aufmerksamkeit von anderen Dingen abzieht und einen Zugang zu anderen, vielleicht eher verschlossenen psychischen Bereichen oder Traumata ermöglicht. Die meisten Hypnotherapeuten sind der Ansicht, dass wir im Alltag sehr oft in einer Art hypnotischer Trance sind. Zum Beispiel wenn wir in Panik sind oder ein belastendes Problem haben, dass alle unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Fachleute sprechen dann von Problemtrancen.

Was ist dann der Unterschied zwischen einem Kinobesuch und einer Hypnose?
Bei der therapeutischen Hypnose geben Sie die Kontrolle an einen Therapeuten ab, im Kino an äussere Ereignisse. Sonst sind die Zustände tatsächlich ähnlich.

Gibt es denn die Laienvorstellung eines willenlosen Trancezustandes überhaupt?
Diese Phänomene gibt es tatsächlich. Rund 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung sprechen stark auf Hypnose an und geraten in starke Trance. Das sind dann auch diejenigen, die in Showhypnosen ausgewählt werden. Grundsätzlich ist aber auch diese Fremdsteuerung gar nicht so aussergewöhnlich. Im Kino weint man ja manchmal auch, wenn im Film etwas Trauriges passiert. Wir müssen uns aber auf diese Fremdsteuerung einlassen, sonst geht es nicht. Das gilt auch für die Hypnose.

Wird Hypnose auch in der Psychiatrie wieder angewendet?
Ja, allerdings spielt die Hypnosetherapie zum Beispiel im Vergleich zur Verhaltenstherapie eine untergeordnete Rolle und ist weniger anerkannt. Das Interessante ist, dass gerade die Ver­haltenstherapie, aber auch viele andere Therapiearten häufig hypnoseartige Methoden einbauen.
Interview: Felix Straumann

*Der kognitive Biopsychologe ist Professor an der Universität Freiburg und erforscht unter anderem die Beeinflussung der Schlafqualität durch Hypnose.

(Tages-Anzeiger)

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Auguste Forel

Schweizer Psychiater (1848–1931)

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