Erhöhtes Risiko für Alzheimer? Der DNA-Test verräts

Die US-Firma 23 and Me darf neu einen Gentest für zehn Krankheiten anbieten – ohne ärztliche Konsultation.

Die 23 Chromosomenpaare des Menschen.

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Möchten Sie wissen, ob Sie ein erhöhtes Risiko haben, später im Leben an Alzheimer zu erkranken? An Parkinson? Oder an einer Blutgerinnungsstörung wie Alpha-1-Antitrypsin-Mangel oder Thrombophilie? Und dies alles, ohne einen Arzt oder einen genetischen Berater aufzusuchen? Kein Problem, Sie müssen nur den neuen Do-it-yourself-Gentest der Consumer-Genetics-Firma 23 and Me bestellen, mit einem Wattestäbchen etwas Speichel von der Innenseite der Wange abstreichen und das Stäbchen ins Labor nach Kalifornien zurückschicken. Für 199 Dollar ist man dabei.

Ende letzter Woche hat 23 and Me von der US-Gesundheitsbehörde FDA grünes Licht erhalten, den neuen Test für zehn verschiedene genetisch bedingte Krankheiten, darunter die oben genannten, zu vermarkten. Noch 2013 untersagte das FDA der Gentest-Firma um Gründerin Anne Wojcicki, einen Test für 240 Gesundheitsmarker zu verkaufen, weil die Behörde fürchtete, die Konsumenten könnten allein aufgrund der Gentestdaten und ohne einen Arzt zu konsultieren medizinische Entscheidungen treffen. Seit 2015 darf 23 and Me aber auf 36 genetische Veranlagungen wie Zystische Fibrose oder erblichen Hörverlust testen, die Betroffene möglicherweise an spätere Generationen weitergeben könnten.

Der Entscheid des FDA wird die Debatte über den Sinn von Konsumenten-Gentests für ernsthafte medizinische Probleme neu entflammen. Denn genetische Informationen sind erstens nicht einfach zu interpretieren. Erfährt zum Beispiel ein Konsument, dass er ein dreifach erhöhtes Risiko hat, an Parkinson zu erkranken, ist dies nicht weiter tragisch. Denn das Risiko in der Allgemeinbevölkerung beträgt 0,3 Prozent, mit der entsprechenden Genvariante knapp 1 Prozent. Wenn hingegen jemand zwei Kopien des ApoE4-Gens trägt, ist die Sache schon ernster, denn er oder sie erkrankt mit einer Wahrscheinlichkeit von 87 Prozent im Verlaufe des Lebens an Alzheimer. Ohne diese Genvarianten beträgt das Alzheimerrisiko «nur »9 Prozent.

Gentests ohne Zuzug eines genetischen Beraters sind heikel

Zweitens sind die genetischen Varianten in aller Regel nicht alleine entscheidend, ob jemand an einem bestimmten Leiden erkrankt. Der Gesundheitszustand spielt dabei auch eine Rolle, ebenso der Lebensstil und Umwelteinflüsse. Deshalb warnt selbst das FDA, dass Testresultate von 23 and Me (und anderen Anbietern) nicht für eine Diagnose von Krankheiten oder einen Entscheid für bestimmte Behandlungen verwendet werden sollen.

Die Konsumenten, befürchtet der Bioethiker Hank Greely von der Stanford University, würden die limitierte Aussagekraft solcher Gentests ohne Konsultation eines genetischen Beraters oder Arztes nicht verstehen. «Ich bin kein grosser Fan davon, den Mittelsmann auszuschliessen, wenn der Mittelsmann ein ausgebildeter Experte ist und die meisten Menschen sowieso wenig über Gesundheit wissen», sagte Greely dem Fachmagazin «Nature News».

In der Schweiz dürfen Gentests im Prinzip nur unter ärztlicher Kontrolle durchgeführt werden. Allerdings existiert in diesem Bereich eine rechtliche Grauzone. Daher kann zum Beispiel der Anbieter Progenom aus Pfäffikon SZ einen DNA-Gesundheitstest vermarkten, der zum Ziel hat, den Konsumenten aufgrund seiner genetischen Veranlagungen zu einem gesünderen Verhalten zu motivieren.

Der neue Test von 23 and Me ist zurzeit noch nicht erhältlich, die Firma verspricht aber, die Daten allen Kunden nachzuliefern, die den Test schon vorher bestellt haben.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.04.2017, 18:55 Uhr

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