«Es braucht Kontrollen und wenn nötig Sanktionen»

Patientenvertreterin Erika Ziltener möchte, dass die schwarzen Listen der Mediziner verbindlicher werden.

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Die wichtigsten Unterstützer gegen Überversorgung sind Patienten- und Konsumentenorganisationen. Schieben die Ärzte damit die Verantwortung für unangemessene Therapien auf die Patienten ab?
Es gibt diese Tendenz. Doch halte ich sie für völlig verfehlt. Die Verantwortung für eine Therapie liegt natürlich gerade nicht beim Patienten. Wenn Betagte zu häufig Schlafmittel erhalten, wenn zu viele Antibiotika verschrieben und unnötige Untersuchungen gemacht werden, kann das der Patient gar nicht steuern. Er muss darauf vertrauen können, dass der Arzt das Richtige tut.

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Warum machen Sie dann mit?
Weil es sich um Empfehlungen handelt, die sich am Nutzen für die Patienten orientiert. Zudem sollen trotz allem auch Patienten und die Bevölkerung für unangemessene Therapien sensibilisiert werden. Nicht zuletzt, weil dann auch das Fachpersonal mit kritischen Nachfragen rechnet. Sollten die Listen jedoch für eine Rationierung verwendet werden, würden wir uns vehement wehren.

Gehen die unnötigen und falschen Therapien nicht ins Geld?
Doch natürlich, aber darum geht es nicht in erster Linie. Jede Behandlung muss letztlich für den Patienten mindestens einen zu erwartenden Mehrwert bedeuten, sonst ist sie nicht sinnvoll. Wenn das gegeben ist, dann führt dies tatsächlich unter dem Strich oft zu Einsparungen. Nicht nur von Geld, sondern vor allem von Leid.

«Medizinisch begründbare Abweichungen werden immer möglich sein.»

Bei den Ärzten heisst es oft, dass die Listen Patienten davon abhalten sollen, unnötige Behandlungen und Untersuchungen einzufordern.
Ärzte sollten sicher keine überflüssigen Therapien machen, nur weil die Patienten sie einfordern. Das darf nicht sein. Der Behandler muss dem Patienten erklären, warum eine Therapie nicht angezeigt ist, und sie dann nicht ­durchführen.

Dann wechselt der Patient den Arzt.
Das ist doch kein Argument. Wenn Leistungserbringer untereinander im Wettbewerb oder wirtschaftliche Anreize im Vordergrund stehen, darf dies nicht auf Kosten der korrekten Therapie gehen.

Die Wirkung der Empfehlungen ist bis jetzt bescheiden. Sind Sie trotzdem zuversichtlich?
Wir stehen erst am Anfang. Es dürften jetzt noch zahlreiche weitere Fachgesellschaft hinzukommen, das bringt schon viel. Aber für uns ist klar, dass es mit der Zeit auch mehr Verbindlichkeit braucht. Eine Liste, auf der steht, dass nicht zu viele Schlafmittel verschrieben werden sollen, reicht nicht. Es braucht Kontrollen und wenn nötig Sanktionen.

Die Ärzte möchten jedoch gerade keine starren Regeln, aus denen ihnen dann ein Strick gedreht wird.
Das sind keine starren Regeln. Medizinisch begründbare Abweichungen werden immer möglich sein. Das gilt ja auch bei Behandlungsleitlinien, die es schon lange gibt.

Trotzdem sind viele Ärzte eher skeptisch eingestellt gegenüber «Smarter Medicine». Wäre ihre Zustimmung nicht die wichtigste Voraussetzung für ein Gelingen?
Wenn wir warten, bis die gesamte Ärzteschaft im Boot ist, erleben wir das beide nicht mehr. Es ist wichtig, dass die Allgemeinmediziner vorausgegangen sind und den Tatbeweis erbracht haben. Es wird für die anderen Fachgesellschaften immer schwieriger, sich herauszureden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2017, 14:25 Uhr

Erika Ziltener

Die diplomierte Pflegefachfrau und Historikerin ist Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen und leitet die Patientenstelle Zürich. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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