Interview

«Es gibt zu viele unnötige klinische Studien»

Viele Studien untersuchen laut Fachleuten die falschen Fragen. Peter Meier-Abt, Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, äussert sich zur Kritik an seinem Fach.

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Das angesehene Fachjournal «Lancet» hat diese Woche mit deutlichen Worten die Qualität medizinischer Studien kritisiert. Steckt die medizinische Forschung in einer Glaubwürdigkeitskrise, wie jetzt behauptet wird?
Ja, man kann diesen Eindruck kriegen. Zumindest droht eine Glaubwürdigkeitskrise, wenn wir die Situation nicht verbessern können. Es ist tatsächlich so, dass sehr viele klinische Studien von mangelhafter Qualität sind. Nur eine Minderheit ist wirklich sehr gut. Dass es soweit nun ist, ist allerdings nicht überraschend. Man sah es kommen. Wir von der Akademie kämpfen schon lange für die Qualität der Forschung, vor allem der klinischen Forschung. Es hat sich auch bereits vieles verbessert, gerade in der Schweiz.

Das klingt sehr dramatisch, wenn Sie sagen, dass die meisten klinischen Studien qualitativ ungenügend sind.
Es ist einfach ein Fakt. Man muss das bekämpfen. Das Phänomen ist nicht neu. Was sich geändert hat, ist die Menge. Diese Art Forschung hat in den letzten Jahr sehr stark zugenommen. Zudem sind die Erwartungen enorm gestiegen. Man hat vor allem in der Grundlagenforschung grosse Fortschritte gemacht und erwartet nun, dass sich das in der Klinik bei den Patienten rasch umsetzen lässt. Da wird man halt oft enttäuscht. Jeder Forscher will positive Resultate und zum Fortschritt beitragen – und damit berühmt werden. Es gibt solche, die das sehr gut können. Und dann gibt es Fragestellungen und Forschungsbereiche, die leichter bearbeitbar sind als andere. Das biologische System ist aber unwahrscheinlich komplex und wir unterschätzen diese grandiose und Ehrfurcht erheischende Komplexität immer wieder.

Die Autoren im «Lancet» kritisieren insbesondere, dass viele Studien so mangelhaft konzipiert sind, dass ihre Resultate keine Aussagekraft haben – unabhängig davon, ob sie positiv oder negativ ausfallen.
Es ist die Aufgabe der Ethikkommissionen, sicherzustellen, dass die Methoden in einer klinischen Studie genügen, um die Fragestellung zu beantworten. Was die Ethikkommissionen nicht testen können, ist, wie sinnvoll, respektive notwendig ein Projekt ist. Es gibt zu viele unnötige klinische Studien. Diese können aber nur durch zeitaufwendige Metaanalysen und systematische Übersichtsarbeiten vermieden werden.

Oft werden Studien aber gestartet, ohne dass die Forscher richtig geschaut haben, was bereits untersucht worden ist. Müssten das nicht die Ethikkommissionen einfordern?
Das ist ein häufiger Fehler der Wissenschaftler, aber auch des Wissenschaftssystems. Unter dem Publikationsdruck wird oft zu wenig genau hingeschaut. Da haben wir ganz klaren Verbesserungsbedarf. Vielleicht müssten wir bei den Ethikkommissionen auch mehr den Mut haben, durchschnittliche und schlechte Studien abzulehnen. Dadurch könnten wir die kompetenten und qualifizierten klinisch Forschenden mehr unterstützen. Sie bekommen mehr Freiheitsgrade, wenn das System nicht mit schlechten Studien verstopft wird. Ein Problem ist allerdings auch, dass Ärzte ausserhalb der Universitäten und Forschungsspitälern meist keinen Gratiszugang zu der wichtigsten Forschungsliteratur haben. Dies ist nicht nur für die Forschung wichtig, sondern auch um herauszufinden, welches die richtige Behandlung für die Patienten ist. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaft versucht, dies zu ändern.

Was nützt ein besserer Zugang, wenn selbst die Forschung, die publiziert wird, nur ein Ausschnitt aller Studien ist, die tatsächlich durchgeführt wurde? Man spricht davon, dass rund 50 Prozent aller Studien gar nie veröffentlicht werden. Dadurch wird das vorhandene Wissen beispielsweise zu einem Medikament unter Umständen massiv verfälscht.
Auch das muss sich ändern. International und in der Schweiz ist man gerade dabei, sicherzustellen, dass alle Forschung künftig transparent und in Registern zugänglich wird. Allerdings ist das so viel, wird das dann auch alles gelesen?

Durch die Registrierung ist ja die Nachvollziehbarkeit von Studien noch nicht gegeben. Das bekannteste Beispiel ist das Grippemittel Tamiflu, bei dem viele Studien gar nie veröffentlicht wurden. Forscher, die die Wirksamkeit des Medikaments zu analysieren versuchen, bemühen sich seit Jahren vergeblich, an die Daten des Herstellers Roche zu kommen. Müssten solche Daten nicht einfach zugänglich sein?
Unbedingt. Es sind inzwischen auch enorme Bemühungen im Gang, meines Wissens auch auf der Industrieseite. Klar ist, dass alle klinische Forschung in Zukunft zugänglich sein muss, und zwar auch die negativen Studien. In der Schweiz schreibt das neue Humanforschungsgesetz vor, dass diese Transparenz sichergestellt wird.

Sie sind also zuversichtlich, dass man die massiven Probleme in absehbarer Zeit im Griff haben wird?
Es ist richtig, wenn jetzt gefordert wird, eine Denkpause einzulegen. Wir sollten darüber nachdenken, was wir überhaupt machen. Von der Akademie aus tun wir zurzeit einiges in diese Richtung. Wir haben uns mehrfach auch mit unseren Partnern in Deutschland und Österreich ausgetauscht und möchten nun eine Liste mit Punkten aufstellen, bei denen man ansetzen sollte. Allerdings gibt es auf der anderen Seite die reale Welt. Der Druck auf den einzelnen Forscher zu publizieren ist enorm gross geworden. Da muss sich etwas ändern. Wenn Wissenschaftler nur überleben, wenn sie möglichst viel und in den besten Journals publizieren können, dann versuchen die Leute dieses Ziel auch mit allen Mitteln zu erreichen. Manche nehmen es dann nicht mehr so genau mit dem Wahrheitsgehalt der Daten. Das ist alles allzu menschlich. Wenn es so weiter geht, dann bin ich nicht sehr optimistisch. Die Wissenschaftskultur muss sich ändern.

Wie lässt sich so etwas bewerkstelligen?
Das ist die grosse Frage. Es braucht viele kleine Schritte und ein Umdenken. Man muss wieder wegkommen von der zu einseitigen Gewichtung von rein quantitativen bibliometrischen Faktoren die angeben, wie viel beachtet jemand publiziert. Und wir müssen die Ärzte und die anderen in Studien involvierten Personen besser ausbilden und ihnen Zeit geben, damit sie klinische Forschung machen können. Qualifizierte Leute sollten mindestens 50 Prozent von den klinischen Dienstleistungen freigestellt werden, damit sie Forschungsprojekte sorgfältig durchführen können. Gute klinische Forschung braucht vor allem genügend Zeit.

Die Kultur zu ändern, ist ein grosses, langfristiges Projekt. Sehen Sie Massnahmen, die man innert vernünftiger Zeit umsetzen könnte, die auch etwas verbessern würden?
Man sollte den Nachwuchs in klinischer Forschung besser ausbilden und ihm geeignete Karrieremöglichkeiten bieten. Vor allem aber muss man dem Nachwuchs Zeit geben, damit er sich entwickeln kann. Und vermitteln, dass die biomedizinischen Probleme viel komplexer sind, als wir meinen. Wir können nicht so rasch Erfolg erwarten. Manchmal tritt er ein. Aber der Erwartungsdruck ist zu hoch, auch weil der ökonomische Druck so stark geworden ist. Man kann nicht immer den Gewinn maximieren. Es braucht Entschleunigung und Geduld. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2014, 17:20 Uhr

«Wir sollten darüber nachdenken, was wir überhaupt machen»: Peter Meier-Abt, Jahrgang 1947, ist Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften und der Kantonalen Ethikkommission Kanton Zürich. (Bild: PD)

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