«Es ist einfach, gegen Tierversuche zu sein»

In der Forschung komme man nicht um Tierversuche herum, sagt der Präsident der Zürcher Tierversuchskommission, Andreas Pospischil.

Tierversuche 2013 in Zahlen: Für Grossansicht auf Grafik klicken.

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Für die Entdeckung eines inneren Navigationssystems im Gehirn haben Neurologen vergangene Woche den diesjährigen Nobelpreis für Medizin erhalten. Vor allem in Norwegen steht das Ehepaar Moser nun wegen seiner Versuche mit Ratten in der Kritik. Zu Recht?
Ratten sind überwiegend nachtaktive Tiere, ohne ein solches GPS im Kopf würden sie wahrscheinlich gar nicht über­leben. Um dies herauszufinden, kommt man nicht um Tierversuche herum. Wichtig ist ein respektvoller Umgang mit den Versuchstieren. Fast alle Nobelpreise für Medizin sind auf Tierversuche zurückzuführen. Anders ist dies natürlich bei Nobelpreisen für Wirtschaft. Es ist zwar auch Grundlagenforschung. Doch da braucht man, um es mal ganz plakativ zu sagen, keine Versuche mit Tieren, da sie keine Aktien anlegen können.

Ist der Widerstand gegen Tierversuche grösser im Vergleich zu früher?
Das kann ich mit Zahlen nicht belegen. Es ist einfach, sich hinzustellen und generell gegen Tierversuche zu sein. Das weckt Emotionen. Doch die meisten Menschen wollen letztlich auch von den Errungenschaften der modernen Medizin profitieren. Als Gesellschaft erwarten wir, dass uns diese zur Verfügung stehen, wenn wir sie in Notsituationen brauchen. Wenn jemand aus moralischen Gründen dagegen ist, sollte er letztlich auch konsequent in seinem Handeln sein. Zum Vergleich ein Beispiel aus dem medizinischen Alltag: Wer keinen Organspenderausweis hat, sollte auch keine gespendeten Organe annehmen. Dies ist jedoch meine ganz persönliche Meinung.

Seit August sind Sie Präsident der Tierversuchskommission des Kantons Zürich. Haben Sie selbst auch Tierversuche durchgeführt?
Ja, zum Wohl der Tiere.

Wie meinen Sie das genau?
Ich bin Tierarzt und will Tieren helfen. Zum Beispiel, dass Ferkel kurz nach der Geburt nicht mehr unter Durchfall leiden. Um herauszufinden, wie solche Erkrankungen mit bakteriellen, viralen oder parasitären Erregern ablaufen, muss man auch Tiere in Versuchen in­fizieren. Wir haben damals festgestellt, dass die Antikörper in der Erstmilch sehr wichtig zum Schutz gegen solche Magen-Darm-Infektionen sind.

Was hat sich im Vergleich zu früher bei den Tierversuchen getan?
Sehr viel. Wenn man zurückschaut, kann man gut feststellen, dass die grosse Welle der Versuche in der pharmazeutischen Industrie auf den Contergan-Skandal Anfang der 60er-Jahre zurückzuführen ist. Viel zu spät hat man realisiert, dass das rezeptfreie Schlaf- und Beruhigungsmittel Thalidomid während der Schwangerschaft zu Missbildungen führt. Hätte man damals einen Embryotoxizitätstest gemacht, hätte man es verhindern können. Weltweit hat der Contergan-Vorfall Auswirkungen auf den Umgang mit Arzneimittelzulassungen gehabt und Vorschriften massiv verschärft. Dies hat zu einem starken Anstieg von Tierversuchen geführt. Aber auch, weil alle Chemikalien wie etwa Farben oder Lösungsmittel generell auf ihre Verträglichkeit getestet werden müssen.

Und heute? Wie lässt sich die Zahl der Tierversuche weiter reduzieren?
Es gilt der 3-R-Grundsatz: refine, reduce und replace. Dieser hat zum Ziel, nicht nur die Anzahl der Versuchstiere, sondern auch deren Belastung zu reduzieren. Zudem setzt man verstärkt alternative Methoden wie bildgebende Verfahren, Zellkulturen oder Computersimulationen ein. Man muss sich aber auch einmal klarmachen, dass etwa eine Pharmafirma nicht aus Jux und Tollerei Tierversuche macht. Eine Studie über Cancerogenität zum Beispiel kostet zwei Millionen Franken pro Substanz. Allein schon aus ökonomischer Sicht würde sie mit fliegenden Fahnen wechseln, wenn andere Methoden erfolgreich wären.

Was hat Sie motiviert, nach Ihrer Pensionierung das Amt des Präsidenten anzunehmen?
Bis 2013 leitete ich das Institut für Veterinärpathologie, seit mehr als einem Jahr nun bin ich emeritiert, aber weiterhin als Fellow am Collegium Helveticum tätig. Ich wollte der Universität und der ETH Zürich, die mich immer gut und pfleglich behandelt haben, etwas zurückgeben.

Die Tierversuchskommission hat Ende 2006 unter Ihrem Vorvorgänger, dem Ethiker Klaus Peter Rippe, Versuche mit Affen in Zürich gestoppt. Universität und ETH Zürich haben nun erneut ein Gesuch für die Primatenforschung eingereicht. Ist dieses Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?
Zu einem laufenden Verfahren kann ich mich nicht äussern.

Vor drei Jahren gab Rippe seinen Rücktritt als Kommissionspräsident bekannt. In diesen Sommer trat die Veterinärmedizinerin Brigitte von Rechenberg frühzeitig aus diesem Amt. Was ist da los?
Vorsichtig. Warum Klaus Peter Rippe damals genau zurückgetreten ist, weiss ich nicht. Doch zum Rücktritt von Brigitte von Rechenberg kann ich sagen, dass sie es aus beruflichen Gründen getan hat, da sie zur Dekanin der Vetsuisse-Fakultät gewählt worden ist. Dies ist mittlerweile ein Fulltimejob.

Die Tierversuchskommission besteht neben Ihnen aus elf Mitgliedern, darunter hat es aber nur drei Vertreter von Tierschutzorganisationen. Ist das nicht unfair?
Nein, das entspricht genau den Vorgaben des kantonalen Tierschutzgesetzes. Die Tierschutzorganisationen haben bei uns Gewicht und werden ernst genommen. Es findet eine offene, sachliche und konstruktive Diskussion statt. Zudem sitzt auch ein Ethiker in der Kommission.

Was geschieht, wenn Mitglieder der Tierschutzorganisationen gegen ein Gesuch sind?
Als Tierversuchskommission begutachten wir ein Gesuch eines Antragstellers. Wie bei jeder demokratischen Entscheidung ist das Resultat ein Mehrheitsbeschluss. Unser Antrag wird an das kantonale Veterinäramt weitergegeben, auf dessen Grundlage dieses das Gesuch bewilligt oder nicht. Wenn die drei Vertreter der Tierschutzorganisationen nicht mit diesem Beschluss einverstanden sind, können sie einen Rekurs einreichen. Dieser wird an den Regierungsrat weitergeleitet und durchläuft den üblichen Instanzenweg.

Wann gab es die ersten Tierversuche, um die menschliche Anatomie zu erforschen?
Das begann im Mittelalter. Denn aus religiösen Gründen war in dieser Zeit zum Beispiel die Obduktion von menschlichen Leichen nicht statthaft. Die Kirchen hatten es verboten. Aus diesem Grund hat man vermehrt Tiere seziert – zum Beispiel Hunde, Rinder oder Schweine. Viele der daraus gewonnenen Erkenntnisse hat man dann auf den Menschen übertragen. Auch Leonardo da Vinci hat damals bei seinem berühmten Bild zwar einen menschlichen Fötus im Mutterleib gezeichnet. Doch wenn man sich die Darstellung der Plazenta im Detail anschaut, stellt man fest, dass es sich um eine vom Rind handelt. Des weiteren ist aus historischen Überlieferungen bekannt, dass der flämische Arzt Andreas Vesalius in der Renaissance Schweine seziert hat.

Warum ausgerechnet Schweine?
Schweine sind Allesfresser wie wir. Ihre Körperfunktionen sowie die Anatomie sind ähnlich wie bei uns. Nicht umsonst hat man jetzt wieder angefangen, transgene Schweine zu züchten, die eines Tages Organe wie etwa Leber und Niere für eine Transplantation für den Menschen liefern sollen.

Erstellt: 14.10.2014, 23:21 Uhr

Andreas Pospischil

Der Tierarzt leitete bis Juli 2013 das Institut für Veterinärpathologie der Universität Zürich. Seit August ist er Präsident der Tierversuchskommission des Kantons Zürich.

Eine Maus auf der Hand eines Angestellten in einem Labor für Tierversuche im amerikanischen Bar Harbor. Archivbild: Keystone

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