Interview

«Es ist nicht das Ziel, den Leuten den Spass am Sex zu nehmen»

Hollywoodstar Michael Douglas behauptet, vom Oralverkehr Krebs bekommen zu haben. Mediziner Stephan Lautenschlager beurteilt den Fall und erklärt, warum Safer-Sex-Regeln nicht vollständig sicher sind.

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Herr Lautenschlager, anscheinend liegt Oralsex zurzeit im Trend. Das Beispiel von Michael Douglas wirft nun auch die Frage auf, ob wir davon Krebs bekommen.
Ich kann diese Entwicklungen bestätigen: Tatsächlich hat die Popularität von Oralsex in den letzten Jahrzehnten zugenommen, und gleichzeitig wurde auch ein vermehrtes Auftreten von durch sogenannte Papillomaviren (HP-Viren, humanes Papillomavirus) ausgelösten Oropharynx-Tumoren beschrieben. Allerdings wird vermutet, dass nur etwa ein Viertel dieser Tumore durch diese Viren induziert ist.

Welche anderen Ursachen spielen in Bezug auf diese Krebsarten eine Rolle?
Neben der Ansteckung durch entsprechende sexuelle Praktiken sind insbesondere Tabak- und Alkoholkonsum als Risikofaktoren zu nennen.

Insofern ist die Aussage von Michael Douglas mit Vorsicht zu geniessen?
In Unkenntnis des Alkohol- und Nikotinkonsums von Herrn Douglas ist dies schwierig zu beurteilen. Es ist vermutlich problematisch zu sagen, dass sein Tumor alleine bzw. mit Sicherheit auf die Ansteckung mit dem HP-Virus zurückzuführen ist.

Zahlen belegen, dass rund 75 Prozent aller sexuell aktiven Personen Träger des HP-Virus sind.
Ja, das Virus kann bei der grossen Mehrheit der sexuell aktiven Personen irgendwann nachgewiesen werden. Allerdings weisen sie meistens keine Symptome auf. Der Extremfall, also die Entwicklung eines Tumors im Hals- bzw. Mundbereich, im Bereich des Gebärmutterhalses oder auch anal, tritt dabei nur bei einem kleinen Prozentsatz ein. Bei Symptomauftritt können rötliche oder weissliche Herde gesehen werden. Wichtig scheint mir aber in Bezug auf dieses Beispiel, zu betonen, dass die Geschlechtskrankheiten grundsätzlich zugenommen haben, wobei auch der Mund- und Rachenbereich davon betroffen sein kann (wie zum Beispiel bei Syphilis und Gonorrhö.)

Welche Rolle ist dabei spezifisch dem Oralverkehr zuzuschreiben?
Die bekannten Safer-Sex-Regeln zielen vor allem darauf ab, die Ansteckung mit dem HI-Virus zu verhindern. Aber: Auch ohne Kontakt mit Sperma oder Menstruationsblut kann man sich mit den klassischen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Gonorrhö oder Chlamydien anstecken. Oder eben auch mit dem HP-Virus.

Dann fehlt uns in dieser Hinsicht das Bewusstsein? Die Ansicht, nur der Kontakt mit Samenflüssigkeit oder Blut sei gefährlich, scheint doch weit verbreitet zu sein.
Mit diesem Irrglauben in Bezug auf die klassischen Geschlechtskrankheiten sind wir in der Praxis häufig konfrontiert. Ich finde: Jeder hat das Recht, vollkommen informiert zu werden; dann kann das individuelle Risiko eingeschätzt werden. Aber es ist natürlich nicht das Ziel, den Leuten Angst zu machen und den Spass am Sex zu nehmen.

Müssten die Safer-Sex-Regeln entsprechend angepasst werden, um dieses Bewusstsein zu schärfen?
Das ist eine gesundheitspolitische Frage. In erster Linie will natürlich das potenziell fatalste Risiko eingedämmt werden. Das ist nach wie vor die Ansteckung mit dem HI-Virus.

Um nochmals auf den Trend des Oralverkehrs zurückzukommen: Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Dieser Trend scheint zumindest durch die Anfänge der Aids-Epidemie mitbedingt, wo Oralverkehr als sogenannte Ausweichhandlung ausgeführt wurde: Gerade in Bezug auf die Ansteckung mit HIV birgt Oralsex ein deutlich geringeres Risiko als penetrierender Geschlechtsverkehr.

Besonders in den USA wird zwischen dem Akt des Oral- und Geschlechtsverkehrs klar unterschieden.
Bill Clintons Lewinsky-Affäre illustriert dies sehr schön: Danach befragte man amerikanische Studenten, ob Oralverkehr denn nun Sex sei oder nicht. Eine beträchtliche Anzahl war der Meinung, Oralverkehr sei noch kein Sex. Gerade in prüden Kontexten werden Cunnilingus und Fellatio deshalb gerne als legitime Alternative zum vorehelichen Geschlechtsverkehr herangezogen.

Wird es angesichts des Anstiegs der Infektionsraten Zeit für Moral- statt Oralsex?
Wie gesagt: Das Ziel kann nicht sein, den Leuten mit dem erhobenen Zeigefinger zu drohen und ihnen Angst zu machen. Wichtig ist, dass die Leute die Risiken kennen. Dann würden wir diesen Satz vielleicht nicht mehr so oft hören: «Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich das natürlich nicht gemacht.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.06.2013, 08:10 Uhr

Prof. Dr. med Stephan Lautenschlager ist Chefarzt am Dermatologischen Ambulatorium des Stadtspitals Triemli, Zürich. Er hat einen Lehrauftrag an der Universität Zürich und ist seit 2003 Präsident der Stiftung zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Lautenschlager ist Autor diverser Publikationen zum Thema. (Bild: Stadtspital Triemli)

Sprecher: Keine Verbindung zwischen Douglas' Krebs und Oralsex

Hollywoodstar Michael Douglas hat die Darstellung zurückweisen lassen, dass er seinen Kehlkopfkrebs auf Oralsex zurückführt. «Michael hat nicht gesagt, dass Cunnilingus die Ursache seiner Krebserkrankung war», sagte sein Sprecher Allen Burry am Montag.

Zuvor waren Interviewäusserungen des Stars so interpretiert worden, dass er eine eindeutige Verbindung zwischen dem Krebs und der Sexualpraktik gezogen habe. «Ohne ins Detail gehen zu wollen, dieser besondere Krebs wird durch HPV (humane Papillomaviren) verursacht, was letztlich von Cunnilingus kommt», hatte Douglas in einem am Montag in der britischen Zeitung «The Guardian» veröffentlichten Interview gesagt. Der 68-Jährige betonte, die Krebserkrankung habe nichts mit übermässigem Trinken oder Rauchen zu tun.

Burry zufolge wollte Douglas lediglich allgemein auf die Verbindung hinweisen, die Mediziner zwischen HPV, Oralsex und Kehlkopfkrebs ziehen. «Aber er hat nicht gesagt, dass dies der spezifische Auslöser seiner eigenen Krebserkrankung war.» Oralsex sei nicht die Ursache von Douglas' Leiden gewesen.

Verschiedene medizinische Studien weisen auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Oralsex und Rachenkrebs hin. Eine HPV-Infektion ist auch in 99 Prozent der Fälle Auslöser von Gebärmutterhalskrebs. (sda)

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