«Es würde genügen, die Übertragung von Ebola zu halbieren»

Der Schweizer Epidemiologe Christian Althaus hat berechnet, dass die Krankheit gar nicht so ansteckend ist.

Tödliche Seuche: Bis zu 500'000 Ebola-Betroffene sind in den nächsten vier Monaten zu befürchten. Foto: NYT/Redux/Laif

Tödliche Seuche: Bis zu 500'000 Ebola-Betroffene sind in den nächsten vier Monaten zu befürchten. Foto: NYT/Redux/Laif

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100'000 Ebola-Fälle in den nächsten drei Monaten – mit diesem Szenario haben Sie Anfang September im Fachmagazin «Science» und in der «Washington Post» die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Gibt es inzwischen Hoffnung, dass Ihr Szenario zu düster war?
Ich bin pessimistisch. Als ich die Zahl genannt habe, ging die Weltgesundheitsorganisation noch von insgesamt 20'000 Krankheitsfällen aus. Diese Vorhersage war viel zu optimistisch und würde nur eintreffen, wenn ab dem Zeitpunkt sofort im grossen Stil Hilfe getätigt worden wäre. Zurzeit verdoppelt sich in Liberia die Anzahl Fälle fast alle zwei Wochen, was zu einem exponentiellen Anstieg der Krankheitsfälle führt. Eine eben veröffentlichte Studie rechnet im schlimmsten Fall ebenfalls mit 80'000 bis 280'000 Fällen bis Ende Jahr. Inzwischen haben aber die USA konkrete Hilfe zugesagt. Es braucht natürlich Zeit, bis die Hilfe anläuft, aber ich hoffe, dass sich damit die Ansteckung in Liberia, und auch in Guinea und Sierra Leone, in etwa einem Monat reduzieren wird.

Noch nicht bestätigte Schätzungen der amerikanischen ­Gesundheitsbehörden gehen sogar von einer halben Million ­Betroffenen bis Ende Januar aus. Was ist zu befürchten, wenn die Hilfe nicht genügend schnell greift?
Im Moment ist der Ausbruch von Liberia dominiert, vor allem der Hauptstadt Monrovia. Wenn das Ausmass dort eine gewisse Schwelle überschreitet, könnte das zu einem Kollaps des Landes führen, was wiederum einen Einfluss auf die Ansteckungsrate haben dürfte. Die Menschen würden Kontakte vielleicht eher vermeiden. Auf der anderen Seite würde dies aber viele Todesopfer fordern, die nichts mit Ebola zu tun haben. Etwa wegen Nahrungsmittelmangel oder noch schlechterer medizinischer Versorgung.

Ist wenigstens die Entwicklung in anderen betroffenen Ländern erfreulicher?
Liberia hat Guinea und Sierra Leone mit der Anzahl Krankheitsfälle überholt. Doch man hat die Situation auch in diesen beiden Ländern nicht im Griff. Im Frühling und Sommer schwächte sich dort zwar die Zunahme von Ebola-Fällen etwas ab. Aber im letzten Monat sind die Zahlen wieder stärker gestiegen. Das liegt vermutlich daran, dass die Hilfswerke total überlastet sind. Insbesondere Médecins Sans Frontières, welche die meiste Arbeit leisten. Wenn nicht mehr alle Patienten aufgenommen werden können, dann breitet sich die Krankheit schnell weiter aus.

Immerhin ist die Ansteckung in Guinea und Sierra Leone nun ­geringer als zu Beginn.
Im Landesschnitt schon. Es ist jedoch wichtig, dass man sich auch die einzelnen Regionen anschaut. In beiden Ländern gibt es neue, relativ starke Ausbrüche ausgerechnet in den Gegenden, die im Frühling betroffen waren und wo es gelang, die Krankheit zu kontrollieren.

Zurzeit untersuchen Sie den Verlauf des Ebola-Ausbruchs in Nigeria. Zu welchem Schluss kommen Sie?
Es handelt sich um einen kleinen Ausbruch, der nun wahrscheinlich gestoppt werden konnte. Nigeria bleibt damit hoffentlich ein Beispiel, wie mit geeigneten Massnahmen Schlimmeres verhindert werden kann. Am Anfang hatte man noch die Befürchtung, dass das Land die Situation nicht in den Griff bekommt.

Wie gross ist die Gefahr, dass Ebola auch in anderen Ländern Fuss fasst?
Der Ausbruch in Nigeria wurde durch einen Flugzeugpassagier aus Liberia verursacht. Es gibt Studien, welche das ­Risiko einer Ausbreitung durch den Flugverkehr berechnet haben. Dieses ist relativ tief, aber nicht null. Primär muss man sich jedoch auf Länder konzentrieren, die eine direkte Grenze zum Hauptausbruchgebiet haben. Besonders auf die Elfenbeinküste, welche aber gut vorbereitet sein soll.

Aber europäische Länder könnten auch betroffen sein.
Grundsätzlich ist die Gefahr gering. Die Möglichkeit sollte man dennoch in Betracht ziehen und darauf vorbereitet sein. Das Wichtigste ist, dass mit Ebola infizierte Reisende schnell isoliert werden, damit es zu keiner Ausbreitung kommen kann.

Sie analysieren die Zahlen zum aktuellen Ebola-Ausbruch mithilfe von mathematischen Modellen. Können Sie überhaupt etwas zur Bewältigung vor Ort beitragen?
Solche Analysen sind sehr wichtig. Die nun veröffentlichten Studien von verschiedenen Forschern und mir zeigen die dramatischen Konsequenzen auf, welche die WHO und viele andere unterschätzt haben. Das hat sicher dazu beigetragen, dass die Politik jetzt reagiert. Doch Ebola wird uns leider sicher bis tief ins nächste Jahr, wenn nicht sogar länger beschäftigen. Mithilfe unserer Modelle können wir etwa abschätzen, welche Kontrollmassnahmen zu ­einer Reduktion der Infektionsfälle geführt haben.

In Ihrer Studie haben Sie die ­sogenannte Reproduktionszahl von Ebola bestimmt. Was sagt diese aus?
Die Zahl gibt an, wie viele Menschen eine bereits erkrankte Person im Durchschnitt infiziert. Das ist ein wichtiges Mass, um das Potenzial eines Ausbruchs zu bestimmen, und etwas vom Ersten, was man bei einem Ausbruch zu berechnen versucht. Der Zweck von Kontrollmassnahmen ist, die Reproduktionszahl im Laufe eines Ausbruchs zu verringern. Es gibt jedoch eine Basis-Reproduktionszahl, welche beschreibt, wie sich eine Infektion ganz zu Beginn eines Ausbruchs ausbreitet. Jeder Krankheitserreger hat, abhängig von der Bevölkerung, in welcher er sich ausbreitet, einen bestimmten Wert. Masern zum Beispiel sind hochansteckend und haben in einer nicht geimpften Bevölkerung eine Basis-Reproduktionszahl um 15. In meiner Studie konnte ich zeigen, dass beim derzeitigen Ebola-Ausbruch der Wert zwischen 1,5 und 2,5 liegt.

Dann ist Ebola gar nicht so ­ansteckend?
Das ist tatsächlich so, denn für eine Ansteckung braucht es den Kontakt mit Körperflüssigkeiten, Masernviren können über die Luft übertragen werden. Deshalb lässt sich ein Ebola-Ausbruch relativ gut kontrollieren, wenn man früh beginnt, die Infizierten zu isolieren und das Gesundheitspersonal zu schützen. Die tiefe Reproduktionszahl bedeutet auch, dass es bereits genügen würde, die Übertragungsrate zu halbieren, um einen Ausbruch zu stoppen.

Beim aktuellen Ebola-Ausbruch scheint die Sterblichkeit geringer zu sein als erwartet. Anfangs schätzte man, dass bis zu 90 Prozent der Betroffenen eine Infektion nicht überleben. Ist das Ebola-Virus vielleicht weniger gefährlich ­geworden?
Die Angaben zur Sterblichkeit aufgrund von früheren Ausbrüchen sind sehr ungenau. Sie liegen etwa zwischen 40 und 90 Prozent. Der Grund dafür ist, dass die Ausbrüche meist sehr klein waren und sich deswegen die Sterblichkeit nicht zuverlässig bestimmen lässt. In meiner Studie liegt die Sterblichkeit in Guinea und Liberia bei etwa 70 Prozent, in Sierra Leone und Nigeria hingegen ist sie tiefer. Möglich, dass dies durch die unterschiedliche medizinische Versorgung der Patienten bedingt ist. In der Schweiz wäre deswegen die Sterblichkeit bei einem Ebola-Patienten höchstwahrscheinlich unter 50 Prozent. Es gibt Forscher, die vermuten, dass die Sterblichkeit jetzt tiefer ist, weil sich das Ebola-Virus verändert hat und deshalb weniger gefährlich ist, sich aber besser verbreiten kann. Das halte ich für eine Falschinterpretation. Dafür ist die ak­tuelle Datenlage viel zu unsicher. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2014, 20:34 Uhr

Christian Althaus


Der Epidemiologe arbeitet am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern und erforscht die Ausbreitung von Infektionskrankheiten.

Verdachtsfall in der Schweiz

Krankenpfleger eingeflogen

Erstmals seit Ausbruch der Ebola-Epidemie in Westafrika ist eine Person aus dem Krisengebiet in die Schweiz geflogen worden. Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) handelt es sich um einen ausländischen Krankenpfleger, der in Sierra Leone für eine internationale Organisation im Einsatz war. Am Abend des 20. September hatte ihn ein an Ebola erkranktes Kind gebissen. Der Pfleger trug einen Schutzanzug und hatte keine Bisswunde. Als Vorsichtsmassnahme sei er von einer privaten Transportfirma nach Genf geflogen und dort direkt ins Universitätsspital gebracht worden. Das Risiko einer Infektion sei sehr klein, und für die Bevölkerung bestehe keinerlei Gefahr, schreibt das BAG. fes

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