Experten warnen vor gefährlichem Hirndoping

Immer mehr gesunde Menschen konsumieren leistungssteigernde Mittel – etwa Medikamente, um effizienter zu lernen oder länger zu arbeiten. Das Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung ist besorgt.

Wird von Erwachsenen als Mittel zur Erhöhung der Konzentration missbraucht: Das Medikament Ritalin zur Behandlung von ADHS.

Wird von Erwachsenen als Mittel zur Erhöhung der Konzentration missbraucht: Das Medikament Ritalin zur Behandlung von ADHS. Bild: Keystone

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Leistungssteigernde Produkte gibt es schon seit Jahrzehnten und Jahrhunderten. Kaffee, Alkohol und Energydrinks zählen ebenso dazu wie Kokain oder Anabolika. Heute greifen gesunde Menschen aber immer öfter auch zu Medikamenten wie Ritalin oder Modafinil, die Konzentration und Aufmerksamkeit steigern sollen.

Aus der Schweiz gebe es momentan keine genauen Zahlen dazu, wie viele Menschen solche Präparate als eine Art Hirndoping einnehmen, sagte Anne Eckhardt von der Firma Risicare, die im Auftrag von TA-SWISS eine Übersichtsstudie zu dem Phänomen verfasste und die Resultate am Dienstag in Bern den Medien vorstellte.

Zahlen aus Deutschland

Umfragen in Deutschland zeigten aber, dass dort inzwischen ein bis zwei Prozent der Berufstätigen rezeptpflichtige Medikamente zur beruflichen Leistungssteigerung einsetzten. Drei bis vier Prozent nehmen zudem nicht rezeptpflichtige Arzneien ein. Am häufigsten handle es sich um Präparate gegen Stress, sagte Eckhardt.

Ob solches «Hirndoping» bei Gesunden überhaupt wirkt, ist unklar. Wissenschaftlich konnte der Nachweis bislang nicht erbracht werden, wie die Studienautoren schreiben. Wer solche Substanzen benutze, empfinde sie aber oft als wirksam. Wie es zu diesem Effekt kommt, ist nicht erforscht.

Substanzen oder Verfahren, mit denen körperliche oder geistige Grenzen nebenwirkungsarm überwunden werden können, sind laut Eckhardt noch nicht in Sicht. Allerdings werden in der Wissenschaft neue Wirkstoffe heiss diskutiert.

So sind Labormäuse und Fruchtfliegen lernfähiger, wenn ihnen bestimmte Stoffe eingeschleust werden. Der Markt für ein solches Produkt wäre lukrativ: Unsere Leistungsgesellschaft könnte das ihre dazu beitragen, dass sich Hirndoping im Alltag rasch durchsetzen könnte.

Diskussion anstossen

TA-SWISS empfiehlt der Politik und den Behörden deshalb, sich des Themas anzunehmen. Politiker stünden vor der Frage, ob sie diese gesellschaftliche Entwicklung und deren Konsequenzen unterstützen wollten. Die Grenze zwischen zulässiger und unzulässiger Leistungssteigerung müsse geklärt werden.

Studienmitautor Bernhard Rütsche von der Universität Luzern ging darauf ein, wie eine solche Regulierung aussehen könnte. Wichtig sei die Frage, wie stark der Druck auf den Einzelnen wäre, ein Präparat zu nehmen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten – in der Gesellschaft oder gegenüber Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt.

Rütsche sprach sich aber dagegen aus, die Präparate generell zu verbieten. Es bestehe die Gefahr, dass dies als eine Bevormundung ausgelegt würde, sagte er. Ihm zufolge gilt es aber, die Benutzer zu schützen: Risiken der Präparate müssten genau abgeklärt werden, und die Hersteller dürften nicht mit irreführenden Informationen für ihre Produkte werben. (pbe/sda)

Erstellt: 24.05.2011, 13:40 Uhr

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