Fachmagazin zieht Skandalstudie zurück

Fehler und Schlamperei statt Durchbruch: Forscher erzeugen Stammzellen mit Zitronensäure – die Meldung hatte für Furore gesorgt. Nun muss das Wissenschaftsmagazin «Nature» die Publikation zurückziehen.

Da war noch alles in Ordnung: Die japanische Stammzellenforscherin Haruko Obokata präsentiert am 28. Januar der Weltpresse ihre bahnbrechenden Ergebnisse mit Embryozellen.

Da war noch alles in Ordnung: Die japanische Stammzellenforscherin Haruko Obokata präsentiert am 28. Januar der Weltpresse ihre bahnbrechenden Ergebnisse mit Embryozellen. Bild: Kyodo Kyodo/Reuters

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Die seit langem gesuchte Verjüngungskur für Zellen schien endlich geschafft: Japanische Forscher hatten ausgereifte Körperzellen von Mäusen in ein Zitronensäurebad gelegt. Daraus wurden embryonale Stammzellen, die sich prinzipiell wieder in alle anderen Körperzellen entwickeln könnten. Der Weg zu einer neuen Organersatztherapie für eine ganze Reihe von Krankheiten stand weit offen, als die Biologen um Haruko Obokata Anfang Januar ihre Ergebnisse im renommierten Fachjournal «Nature» veröffentlichten. Nun zieht «Nature» die Studie zurück.

Zuvor hatte eine Untersuchung gezeigt, dass die beiden erschienenen Artikel zu den Experimenten fehlerhafte Daten enthielten. Daraufhin distanzierten sich sämtliche Autoren von den Resultaten und entschuldigten sich für die Fehler.

Zitronensäurebad wirkt doch nicht Wunder

Die Wissenschaftler aus Japan und den USA hatten Ende Januar berichtet, dass sie unter anderem mit Zitronensäure ausgereifte Körperzellen von Mäusen in eine Art embryonalen Zustand zurückversetzt hätten. Eine solche Zellverjüngung hatten Forscher bis dahin nur mit genetischer Manipulation erreicht. Oder mittels therapeutischen Klonens, das aber ethisch heikel ist, weil dabei menschliche Embryonen hergestellt und nach Gebrauch wieder weggeworfen werden müssen. Stap-Zellen dagegen – die Abkürzung steht für «stimulus-triggered acquisition of pluripotency» oder zu Deutsch: durch einen Stimulus ausgelöste Pluripotenz – sind schnell zu einem Hoffnungsträger für eine ethisch unbedenkliche Therapie mit Stammzellen geworden.

Diese Hoffnung hat sich schnell wieder zerschlagen. Das japanische Riken-Institut, an dem die meisten beteiligten Wissenschaftler forschen, entdeckte, dass Aufnahmen in der Studie solchen aus der Doktorarbeit von Erstautorin Haruko Obokata aus dem Jahr 2011 ähnelten. Das renommierte Institut beschuldigte die Forscherin der Manipulation und kündigte an, die Studienresultate in Labortests zu überprüfen, was ein Jahr dauern werde. Die 30-Jährige hatte sich noch im April an einer live übertragenen Pressekonferenz gegen die Vorwürfe verteidigt, allerdings auch Fehler eingeräumt.

Forscherin entschuldigt sich

Nun listen die beteiligten Forscher, darunter auch Obokata selber, in einer Mitteilung an «Nature» Irrtümer in den beiden Papers auf und entschuldigen sich dafür. Sie könnten nicht zweifelsfrei sagen, ob die von ihnen geschilderten Phänomene echt seien. «Laufende Studien untersuchen das Phänomen neu, aber angesichts der umfangreichen Natur der bisher gefundenen Fehler halten wir es für angemessen, beide Artikel zurückzuziehen», schreiben sie.

«Nature» selbst betonte in einem Kommentar, die Zeitschrift habe die Studie von Gutachtern prüfen lassen. «Obwohl Herausgeber und Gutachter die verhängnisvollen Fehler in dieser Arbeit nicht hätten erkennen können, hat dieser Vorgang Schwächen in den Abläufen von ‹Nature› und der mit uns veröffentlichenden Institutionen aufgezeigt.» (mma/sda)

Erstellt: 02.07.2014, 18:21 Uhr

Wozu Stammzellen?

Aus Stammzellen erhofft man sich neue Therapien für Alzheimer, Parkinson, Krebs und viele andere Krankheiten. Eine Stammzelle ist eine Art Ursprungszelle, die sich unbegrenzt vermehren und in verschiedene Zelltypen des Körpers entwickeln kann, etwa in Muskelzellen, Nervenzellen oder Blutzellen. So hoffen die Forscher, geschädigte Organe reparieren oder gar ersetzen zu können. Heute kennt man embryonale Stammzellen und adulte Stammzellen. Letztere sind teilungsfähige Zellen aus Organen und bilden den Nachschub für die entsprechenden Organe. Embryonale Stammzellen finden sich in Embryonen und können sich dank ihrer Totipotenz in alle Organe entwickeln. Entsprechende Therapien sind aber noch nicht ausgereift. Mittels therapeutischen Klonens versuchen Forscher, solche embryonalen Stammzellen herzustellen. Ausgangsmaterial sind normale Körperzellen, deren Erbgut mit einer Eizelle verschmolz. Daraus kann ein Embryo entstehen, aus dem man die embryonalen Stammzellen gewinnt. (mma)

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