Forscher verkündet Geburt von Designer-Babys

Ein chinesischer Wissenschaftler behauptet, vor kurzem seien erstmals Babys nach einer Genmanipulation zur Welt gekommen.

Der Wissenschaftler He Jiankui im Labor in Shenzhen. (10. Oktober 2018)

Der Wissenschaftler He Jiankui im Labor in Shenzhen. (10. Oktober 2018) Bild: Mark Schiefelbein/Keystone

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«Zwei wunderschöne kleine chinesische Mädchen namens Lulu und Nana kamen vor einigen Wochen weinend und so gesund wie jedes andere Baby zur Welt», sagte der Forscher He Jiankui in einem am Sonntag auf Youtube verbreiteten Video. Wie die Nachrichtenagentur AP am Montag berichtete, hatte der an Embryonen vorgenommene Eingriff mit dem noch sehr jungen Verfahren Crispr/Cas9 das Ziel, die Kinder resistent gegen HIV zu machen.

Eine unabhängige Bestätigung für He's Behauptung oder eine geprüfte wissenschaftliche Veröffentlichung zu den Eingriffen gibt es noch nicht. Es existiert lediglich ein Eintrag in einem chinesischen Register für klinische Tests.

Unverantwortliches Experiment

Wenn sich die Behauptungen des chinesischen Forschers bewahrheiten sollten, wäre das unverantwortlich, sagt Nikola Biller-Andorno, Leiterin des Instituts für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der Universität Zürich im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

«Es hätte Alternativen gegeben, um die Kinder vor HIV zu schützen. Das ist ein Experiment mit hohem Risiko, besonders für das Wohl dieser Kinder, bei gleichzeitig fragwürdigem Nutzen.»

Video: Crispr – erklärt

Mit Crispr/Cas9 lässt sich die DNA verändern und reparieren. Doch wie funktioniert das?

Wie die Nachrichtenagentur AP berichtete, rekrutierten He und sein Team mehrere Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, bei denen der Mann HIV-infiziert ist. Da das Virus bei ihnen durch Medikamente unterdrückt war, war eine Übertragung auf den Nachwuchs ohnehin sehr unwahrscheinlich. Es ging vielmehr darum, den Paaren die Chance zu geben, ihr Kind vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. HIV sei ein grosses Problem in China, betonte He gegenüber AP.

Bei der künstlichen Befruchtung brachten die chinesischen Forscher die Gen-Schere Crispr/Cas9 in die Embryos ein, um ein Gen namens CCR5 auszuschalten. Dieses codiert den Bauplan für ein Protein, das als eine Art Pforte dem HI-Virus ermöglicht, in eine Zelle einzudringen.

Ohne diese Eintrittspforte bleibt dem Virus der Zugang versperrt, eine AIDS-Erkrankung wird verhindert. Von 22 so behandelten Embryos enthielten laut AP-Bericht 16 die gewünschte Veränderung, 11 davon wurden den teilnehmenden Frauen in sechs Versuchen eingepflanzt, bis es nun zur Geburt der Zwillinge kam.

Infografik: Crispr/Cas9 – eine Schere fürs ErbgutZum Vergrössern klicken.

Da jeder Mensch zwei Sätze Chromosomen besitzt und somit auch zwei Kopien der Gene – eine vom Vater und eine von der Mutter – mussten die Forscher mit Crispr/Cas9 in beiden Kopien der Eintrittspforte eliminieren.

Bei dem einen der nun geborenen Mädchen sei dies gelungen, beim anderen sei nur die eine Kopie ausgeschaltet, hiess es. Dies schütze nicht komplett vor der HIV-Infektion, verlangsame aber das Fortschreiten der Aids-Erkrankung.

Folgen nicht absehbar

«Es geht hier nicht um die Heilung von Erbkrankheiten, sondern das ist ganz klar eine Optimierung - diesen Kindern soll ein Vorteil über das Normale hinaus gegeben werden», betonte Biller-Andorno gegenüber Keystone-SDA.

Die gesundheitlichen Folgen für die beiden Mädchen sind indes nicht abzusehen. Dem Schutz vor HIV durch das manipulierte CCR5-Gen steht womöglich ein erhöhtes Risiko für andere Viruserkrankungen gegenüber.

«Dass es nun Crispr-manipuliert Babys geben soll - auch wenn es noch nicht bestätigt ist - kommt nicht ganz unerwartet», sagte die Ethikerin Biller-Andorno. Es habe schon vorher solche Versuche gegeben, das Erbgut menschlicher Embryos mit Crispr zu manipulieren, allerdings wurden diese nach wenigen Tagen bis Wochen gezielt abgebrochen. Das Problem: Diese Genomveränderungen betreffen nicht nur das Kind selbst, sondern auch seine Keimbahn, die Sperma- oder Eizellen, und damit auch künftige Generationen.

«Die Gruppe derjenigen, die davon profitieren könnten, äusserst klein»Nikola Biller-Andorno, Ethikerin

«Überraschend ist dieses Vorpreschen, dass so rasch entschieden wurde, die genmanipulierten Embryos auch austragen zu lassen», so Biller-Andorno. Die Wissenschaftsgemeinschaft hat sich selbst ein Moratorium auferlegt, um erst die Risiken dieses Eingriffs in die menschliche Keimbahn besser zu erforschen. Zudem gilt die Genmanipulation mit der Gen-Schere nicht als fehlerfrei.

«Selbst wenn man sich nach deutlich mehr Forschung dafür entscheiden sollte, solche Eingriffe zur Heilung von Erbkrankheiten zuzulassen, so ist doch die Gruppe derjenigen, die davon über das bestehende Angebot hinaus profitieren könnten, äusserst klein», betonte die Ethikerin. Mit der Präimplantationsdiagnostik hätten Hochrisikopaare bereits jetzt eine Möglichkeit, die Weitergabe einer schweren Erbkrankheit zu vermeiden. (sep/sda)

Erstellt: 26.11.2018, 11:20 Uhr

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