Forscher warnen: Mehr psychisch Kranke wegen Cannabis

Eine grosse Studie in zehn europäischen Städten zeigt: Täglicher Konsum und hohe THC-Mengen dürften die Zahl der psychischen Erkrankungen deutlich erhöhen.

Die aus der Hanfpflanze gewonnenen Wirkstoffe können heilende Wirkung haben – oder als Unheilsbringer wirken. Foto: Saskia Betz (Plainpicture)

Die aus der Hanfpflanze gewonnenen Wirkstoffe können heilende Wirkung haben – oder als Unheilsbringer wirken. Foto: Saskia Betz (Plainpicture)

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Übermässiges Kiffen kann in einer Psychose enden – darauf deuten zunehmend wissenschaftliche Daten der letzten Jahre hin. Nun zeigt eine grosse Multicenter-Studie in einer brasilianischen und zehn europäischen Städten, wie stark sich mancherorts der Cannabiskonsum auf die Häufigkeit von Psychosen auswirkt.

Über alle untersuchten Städte steht gemäss Studie bei jedem fünften neuen Psychosefall ein Zusammenhang zu täglichem Cannabiskonsum, bei jedem achten zu Cannabis mit einem hohen Gehalt der psychoaktiven Substanz Tetrahydrocannabinol (THC). Die Unterschiede zwischen den Städten sind gross. In Amsterdam sind die Zahlen besonders frappant: Dort stehen 40 Prozent aller neuen Psychosefälle mit täglichem Kiffen in Verbindung, 50 Prozent mit hohem THC-Gehalt.

Einfluss auf Diskussionin der Schweiz

«Unsere Daten zeigen das erste Mal, wie der Cannabiskonsum die Häufigkeit von psychotischen Störungen auf der Bevölkerungsebene beeinflusst», wird Marta Di Forti vom Institut für Psychiatrie, Psychologie und Neuro­wissenschaften am King’s College London in einer Mitteilung zitiert. Sie ist die Erstautorin der Studie, die soeben im Fachblatt «The Lancet Psychiatry» erschienen ist.

Die Ergebnisse dürften in der Schweiz die Diskussionen um eine Gesetzesänderung beeinflussen, welche Gesundheitsminister Alain Berset vor gut drei Wochen ins Parlament zur Beratung überwiesen hat. Ein Experimentierartikel soll Städten erlauben, in begrenztem Rahmen und wissenschaftlich begleitet den Verkauf von Cannabis zu testen. In der Schweiz hat rund jede dritte Person schon einmal Cannabis konsumiert. Bei den 15- bis 24-Jährigen kiffen gegen fünf Prozent nach eigenen Angaben fast täglich.

Die Forscher um Marta Di Forti verglichen 900 Patienten im Alter über 18 Jahre, die erstmalig an einer Psychose erkrankten, mit einer ähnlich grossen Kontrollgruppe. Daraus leiteten sie ab, dass bei täglichen Cannabiskonsumenten das Risiko für eine Psychose dreimal so hoch ist wie bei Cannabisabstinenten. Wer regelmässig hochpotente Produkte verwendete, hatte sogar ein fünffach erhöhtes Risiko. Dabei definierten die Forscher ein THC-Gehalt von über 10 Prozent als «hochpotent». In der Schweiz liegt Marihuana (getrocknete Blütenstände), das von der Polizei sichergestellt wurde, im Durchschnitt knapp unter dieser Grenze – wobei die Schwankungen gross sind. Beim Haschisch (Harz) liegt der Wert im Mittel bei 19 Prozent.

Ohne Cannabis mit hohem THC weniger Psychosen

Ob Cannabis tatsächlich zu Psychosen führt, ist noch nicht ganz sicher entschieden. Die Autoren der aktuellen Studie und viele Wissenschaftler halten jedoch die Hinweise aus zahlreichen Studien für genügend schlüssig. Sie selber fanden den Zusammenhang, dass, je verbreiteter täglicher Konsum und hochpotente Cannabissorten, desto höher die Psychoseraten waren.

Di Forti und Kollegen haben deshalb berechnet, was passieren würde, wenn hochpotentes Cannabis vom Markt verschwinden würde: Insgesamt könnten 12 Prozent der Ersterkrankungen an Psychose verhindert werden, in London bis zu 30 Prozent, in Amsterdam sogar 50 Prozent. «Es ist für die öffentliche Gesundheit wichtig, neben den potenziellen medizinischen Eigenschaften von Cannabisbestandteilen auch die möglichen Nebenwirkungen von täglichem Cannabiskonsum zu berücksichtigen, insbesondere bei hochpotenten Sorten», schreiben die Autoren.

Die britischen Forscher erhalten für ihre Veröffentlichung viel Lob. Auch von Stefan Borgwardt, Chefarzt und stellver­tretender Direktor der Klinik für Erwachsene der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel: «Das ist eine sehr relevante Studie der etabliertesten Forschungsgruppe auf dem Gebiet der Cannabisforschung bei Psychosen.» Sie bestätige, dass täglicher Konsum, hochpotente Pflanzen und ein Beginn im jungen Alter sich negativ auf die Psyche auswirke. «Die grosse Fallzahl dürfte bisherige Zweifler überzeugen», so Borgwardt.

Was ist besser: Restriktion oder Legalisierung?

Der Neuropsychiater geht mit den Studienautoren einig, dass Cannabiskonsum tatsächlich zu Psychosen führen kann. «Es gibt viele Studien, die eine solche Kausalität plausibel erscheinen lassen.» Er sehe es auch in seiner Klinik: Dort konsumiere die Mehrzahl der jungen Psychosepatienten intensiv Cannabis. Trotzdem räumt Borgwardt ein: «Theoretisch ist es aber immer noch möglich, dass die angenommene Kausalität umgekehrt ist, weil Patienten mit einer Veranlagung für eine Psychose häufiger Cannabis konsumieren.»

Die Resultate der Multicenter-Studie seien auch für die Schweiz gültig, sagt Borgwardt. Er betont aber, dass sich daraus nicht ableiten lasse, ob Legalisierung oder Restriktion die richtige Reaktion auf die Risiken von Cannabis seien. Der Neuropsychiater gibt sich diplomatisch: «Die Studie lässt beide Schlüsse zu.»

Erstellt: 20.03.2019, 06:16 Uhr

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