Forschung mit heimlich entnommenen Zellen

Henrietta Lacks wusste 1951 nicht, dass man ihr Krebszellen herausgeschnitten hatte. Heute forschen weltweit unzählige Wissenschaftler mit diesen Zellen.

Ahnungslose Zellenspenderin: Henrietta Lacks mit ihrem Ehemann (ca. 1945).

Ahnungslose Zellenspenderin: Henrietta Lacks mit ihrem Ehemann (ca. 1945). Bild: Lacks Family

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In der Nacht des 4. Oktober 1951 verstarb Henrietta Lacks im Johns Hopkins Hospital in Baltimore an den Folgen von Krebs. Die 31-Jährige hinterliess einen Ehemann und fünf Kinder. Wo genau Henrietta Lacks begraben liegt, ist nicht bekannt. Ihre letzte Ruhestätte blieb ohne Grabstein, der Familie fehlte das Geld dazu.

Doch in jedem grösseren biomedizinischen Labor der Welt liegt zumindest ein Teil von Henrietta Lacks, fein säuberlich mit «HeLa», den Initialen der Spenderin, beschriftet. Noch heute, bald 60 Jahre nach ihrem Tod, arbeiten Forscher mit Tumorzellen der Patientin. Diese Zellen sind quasi unsterblich.

«Wohlwollende Täuschung»

Henrietta wusste nicht, dass ihr wenige Monate vor ihrem Tod Zellen für Forschungszwecke herausgeschnitten worden waren. Als dunkelhäutige Frau, deren Vorfahren als Sklaven auf den Tabakfeldern Virginias geschuftet hatten, musste sie in den USA der Fünfzigerjahre dankbar sein, überhaupt von einem Spital aufgenommen zu werden.

Es sei eine Zeit der «wohlwollenden Täuschung» gewesen, schreibt US-Wissenschaftsjournalistin Rebecca Skloot in ihrem Buch über Henrietta Lacks, das nächste Woche auf Deutsch erscheint.* Ärzte hätten den Kranken oft wichtige Informationen und manchmal sogar die Diagnose vorenthalten. Und nicht selten wurden Patienten ohne ihr Einverständnis von den behandelnden Ärzten als Versuchsobjekte missbraucht.

Zellen im All

Skloot sprach mit Dutzenden von Zeitzeugen, sichtete Archive und studierte die relevante medizinische Literatur. Entstanden ist die berührende Geschichte von tiefreligiösen Menschen aus ärmlichen Verhältnissen, die geglaubt hatten, dass sie die sterblichen Überreste ihrer Ehefrau, Mutter und Cousine eigenhändig zur letzten Ruhe gelegt hatten. Als sie dann 22 Jahre später erfuhren, dass Billionen von Henriettas Zellen in Labors rund um den Globus am Leben sind, waren sie zutiefst erschüttert.

Die Geschichte der HeLa-Zellen ist auch die Geschichte von Kindern, die ihre Mutter nie gekannt hatten und dann plötzlich mit der Tatsache konfrontiert wurden, dass deren Zellen ins All geschossen und der Strahlung von Atombomben ausgesetzt worden waren. Oder von dunkelhäutigen Menschen, die weissen Ärzten misstrauen, und von Forschern, die allzu schnell vergessen, dass sich hinter dem Forschungsobjekt unter ihrem Mikroskop ein menschliches Schicksal verbirgt.

Kostenlose Weitergabe

Schlussendlich dreht sich die Geschichte auch um die ethische Frage: Ist es legitim, dass Forscher und Firmen Geld und Ehre mit etwas verdienen, dass sie Patienten herausgeschnitten haben? Und wem gehört eigentlich unser Körper? Als Henrietta im Sterben lag, kümmerten Ärzte und Forscher solche Fragen nicht. Obwohl bereits 1947 am Nürnberger Kriegsverbrechertribunal der sogenannte Nürnberger Kodex formuliert worden war, der die «freiwillige Zustimmung der Versuchsperson» bereis in der ersten Zeile forderte.

George Gey vom Johns Hopkins Hospital hatte seit vielen Jahren versucht, menschliche Zellen im Labor wachsen zu lassen. Mit Henrietta Lacks Tumorzellen gelang ihm das Kunststück im Februar 1951 endlich. Er stellte die erste quasi unsterbliche menschliche Zellkultur her – und gab die Zellen allen interessierten Forschern kostenlos weiter.

Fortschritte dank HeLa-Zellen

Dank Henriettas Zellen brach in der Medizin ein neues Zeitalter an. Bereits wenige Monate nach ihrem Tod wurden die Zellen im industriellen Stil vermehrt. Mit HeLa-Zellen wurden die Polio-Impfung getestet, Krebsmedikamente entwickelt und die schädliche Wirkung von radioaktiver Strahlung, Chemikalien und anderen Giften untersucht.

Fortschritte in der Gentechnik, Zellbiologie, Aidsforschung und vielen anderen Gebieten verdanken wir HeLa-Zellen. Würde die Forschung mit diesen Zellen heute eingeschränkt, wäre das ein Desaster, erklärt der Biologe Vincent Racaniello von der Columbia University.

Krimineller Sohn

Henriettas Familie plagten ganz andere, nicht nur finanzielle Sorgen. Nach dem Tod ihrer Mutter kamen die Kinder zu einer Verwandten, die sie schlug und misshandelte. Vor allem Henriettas Sohn Joe litt darunter. Joe kam als Jugendlicher ständig mit dem Gesetz in Konflikt und wurde schliesslich mit 19 Jahren zum Mörder.

Nach Henriettas Tod gelang es den Forschern endlich, gesunde und auch tumoröse Zellen von anderen Spendern im Labor zu züchten. Doch dann zeigte sich, dass viele dieser neuen Zellkulturen mit HeLa-Zellen verunreinigt waren. Henriettas Zellen waren derart potent, dass sie sich auch in fremden Zellkulturen vermehren konnten.

Misstrauen gegenüber weissen Ärzten

In der Not erinnerte man sich an Henriettas Familie. Deren Gene sollten das Problem lösen. Mitte 1973 nahm Susan Hsu vom Johns Hopkins Hospital Blutproben von Henriettas Ehemann Day und seinen Kindern. Was genau Hsu ihnen erklärt hat, ist gemäss Skloot unklar. Die Angehörigen glaubten, die Ärzte würden in ihrem Blut nach Krebs suchen. «Das tut mir sehr leid», sagt Hsu heute, «man hätte sie richtig informieren sollen.»

Die Lacks misstrauten, wie viele andere Dunkelhäutige auch, weissen Ärzten – und das nicht ohne Grund. So haben Mediziner in den 1930er-Jahren Hunderte dunkelhäutige Männer, die an Syphilis litten, rekrutiert. Ziel war es, den Krankheitsverlauf genau zu protokollieren. Unter den Augen der Ärzte starben die Versuchspersonen einen langsamen Tod. Die Studie wurde auch dann noch fortgeführt, als längst bekannt war, dass Syphilis leicht mit Penicillin zu behandeln war.

Nicht weniger grausam war das Schicksal jener dunkelhäutigen Frauen, denen die Gebärmutter ohne ihr Wissen entfernt worden war, damit sie keine Kinder mehr bekommen konnten.

Versuche mit Häftlingen

Auch mit HeLa-Zellen führten Ärzte Studien durch, die aus heutiger Sicht unvorstellbar sind. So testete der US-amerikanische Krebsforscher Chester Southam, ob Henriettas Zellen Krebs auslösten. 1954 injizierte er diese Zellen in den Unterarm einer seiner Patientinnen. Später wiederholte er den Versuch an Hunderten von Häftlingen. Southams Versuche lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Als Folge davon wurden in den USA Mitte der 1960er-Jahre verbindliche Regeln zu Patientenrechten diskutiert und später eingeführt.

Für Henrietta und ihre Nachkommen kamen diese Regeln zu spät. Während die Familie kaum ihre Arztrechnungen begleichen konnten, registrierten Forscher und Firmen rund 17 000 Patente über Hela-Zellen beim US-Patentamt. Insgesamt 64 000 wissenschaftliche Arbeiten mit diesen Zellen wurden bis heute veröffentlicht.

Viele wissen nicht, wofür «HeLa »steht

Skloot klagt in ihrem Buch nicht an. Sie macht aber deutlich, dass die internationale Forschung Henrietta und ihre Familie ausgenutzt hat. Nur einmal hat sich ein Wissenschaftler gegenüber den Angehörigen dankbar gezeigt. Der österreichische Krebsforscher Christoph Lengauer lud 2001 Henriettas Tochter und Sohn zu sich ins Labor am Johns Hopkins Hospital ein. Er zeigte ihnen unter dem Mikroskop die Zellen ihrer Mutter.

In Lehrbüchern sei immer nur von «HeLa» die Rede, erklärte er ihnen. Nur wenige wüssten, dass das die Initialen einer Person seien. «Den Menschen dahinter aber kennen sie nicht. Dabei ist dieser Mensch ein wichtiger Teil der Geschichte.»

* Rebecca Skloot, Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks, Irisiana-Verlag, erscheint am 20. September 2010, ca. 35 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2010, 13:48 Uhr

Universität muss Indianerstamm entschädigen

US-Forscher bezahlen Grand-Canyon-Indianern 700'000 Dollar Busse. Sie nutzten Blutproben ohne deren Zustimmung für Abstammungsforschung.

In den USA hat kürzlich der Fall der Havasupai-Indianer für Aufsehen gesorgt. Dieser Indianerstamm lebt mitten im Grand Canyon und ist besonders von Diabetes betroffen. Forscher der Universität des Staates Arizona (Arizona State University) hatten einzelnen Mitgliedern vor 20 Jahren Blutproben entnommen, um den Ursachen der Zivilisationskrankheit auf die Spur zu kommen.

Herkunft der Indianer erforschen wollen

Vor kurzem nun hat sich die Universität nach langen gerichtlichen Auseinandersetzungen bereit erklärt, den Havasupai eine Genugtuungssumme von 700'000 Dollar zu bezahlen. Was war passiert? Jahre später, nachdem die Forscher die Blutproben entnommen hatten, entdeckte ein Mitglied der Indianer, dass die Spenden für genetische Analysen verwendet worden waren, die nichts mehr mit Diabetes zu tun hatten.

In einer Studie ging es um die genetischen Grundlagen der Schizophrenie und in einer weiteren um die Herkunft der Indianer und ihren Weg nach Amerika. Letztere Arbeit kritisierten die Indianer besonders heftig. Denn in dieser Studie hatten die Forscher aufgrund der erwähnten Genanalysen gezeigt, dass die Vorfahren der Indianer über die gefrorene Beringstrasse nach Amerika eingewandert waren.

Diese Herkunftgeschichte widersprach jedoch dem Volksglauben der Indianer, wonach ihr Ursprung im Grand Canyon liege und sie zu Wächtern des tiefen Flusseinschnitts bestimmt seien. Insgesamt waren zwei Dutzend Publikationen veröffentlicht worden, die mithilfe der 1990 gesammelten Blutproben zustande gekommen waren.

Blutproben zurückgegeben

Der Fall zeigt die Brisanz der sogenannten informierten Zustimmung bei eingefrorenen Blutproben, die für weitere Projekte benutzt werden können. Jeder Indianer, der eine Blutprobe abgab, hatte zwar eine breitgefasste Formulierung unterschrieben, wonach die Proben benutzt werden dürften, «um die Gründe von Verhaltens- und Gesundheitsstörungen zu untersuchen». In den Gesprächen mit Stammesführern hatten die Forscher jedoch vor allem den Kampf gegen Diabetes herausgestrichen – eine Forschung, die auch für die Indianer hätte von Nutzen sein können.

Im Rahmen des nun erzielten Vergleichs hat sich die Universität bei den Havasupai-Indianern formell entschuldigt. Zudem werden die in den Kühlschränken der Forschungslabors gelagerten Blutproben zurückgegeben.

Matthias Meili

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