Früh behandelt, kommen Haare wieder

Wird der Scheitel licht, steckt bei Männern und Frauen meist anlagebedingter Haarausfall dahinter. Was man tun kann, sagt Hautarzt Nedzmidin Pelivani.

Kein Grund zur Panik: Wer merkt, dass übermässig viele Haare in der Bürste hängen bleiben,  dem kann der Arzt meist helfen.

Kein Grund zur Panik: Wer merkt, dass übermässig viele Haare in der Bürste hängen bleiben, dem kann der Arzt meist helfen. Bild: Colourbox

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Herr Pelivani, sind Glatzen bald passé?
Nedzmidin Pelivani: Wie kommen Sie darauf?

Bislang glaubte man, dass an kahlen Stellen die in den Haarbälgen enthaltenen Stammzellen nur in verringerter Zahl vorkommen. Aber vor kurzem fanden Forscher der University of Pennsylvania heraus, dass diese Stammzellen lediglich inaktiv sind.
Eine Gruppe von US-Forschern um George Cotsarelis hat da sehr interessante Erkenntnisse gewonnen. Jetzt stellt sich die Frage, ob sich ein Mittel finden lässt, das diesen nicht aktiven Stammzellen wieder auf die Sprünge hilft. Vielleicht eröffnet sich dadurch ein ganz neuer Forschungszweig.

Lässt sich schon sagen, bis wann Betroffene mit neuen konkreten Behandlungsmöglichkeiten rechnen können?
Nein. Man ist noch sehr weit davon entfernt, aus diesen Erkenntnissen neue Therapien abzuleiten.

Leiden Männer eigentlich sehr darunter, wenn sie die Haare verlieren? Vor zehn Jahren war es doch sogar mal schick, sich eine Glatze zu rasieren.
Im Vergleich zu Frauen macht ihnen der Verlust zwar weniger zu schaffen, aber auch sie leiden darunter. Vor allem junge Männer. Und es ist leider so: Je früher der anlagebedingte Haarausfall einsetzt, umso grösser ist die Wahrscheinlichkeit, mit 45 eine Glatze zu haben.

Aber helfen nicht mittlerweile Mittel wie Finasterid oder Minoxidil ganz gut?
Doch. Je früher Betroffene zum Arzt gehen, umso besser stehen die Chancen, dass die Haare wieder spriessen. Solange der Haarkanal noch offen ist und stimuliert werden kann, lässt sich noch etwas tun. Eine Ausnahme bilden lediglich sogenannte vernarbende Alopezien. Dort kann man das Fortschreiten zwar stoppen, aber an bereits kahlen Stellen wachsen keine Haare mehr.

Was sind die Ursachen für diese vernarbenden Alopezien?
Schwere infektbedingte Krankheiten, die zu einer Entzündung des Haars und damit zu einer Zerstörung des Haarapparats führen. Oder entzündliche Erkrankungen wie etwa Lupus. Eine Ursache können aber auch Verletzungen oder Tumore sein.

Zurück zum anlagebedingten Haarausfall, bei dem eine erhöhte Empfindlichkeit der Haarbälge gegenüber dem männlichen Sexualhormon Dihydrotestosteron gegeben ist. Wie können Sie da heute helfen?
Bei anlagebedingtem Haarausfall ist bei Männern Finasterid das Mittel erster Wahl. Es unterbindet die Umwandlung von Testosteron in Dehydrotestosteron und somit dessen negative Wirkung auf die Haarwurzel.

Wie wird es angewendet?
Betroffene schlucken täglich eine Tablette. Teil der Therapie ist aber auch, die Patienten darüber zu informieren, dass sie Finasterid lebenslang einnehmen müssen, wenn sie ihre Haare behalten wollen. Wer das Medikament absetzt, dem fallen nach drei bis sechs Monaten die Haare wieder aus. Ausserdem bezahlen die Kassen Finasterid nicht.

Warum nicht?
Da der anlagebedingte Haarausfall nicht als Krankheit angesehen wird, muss der Betroffene die Kosten zwischen Fr. 1.80 und Fr. 2.20 pro Tablette täglich selbst zahlen. Ich kläre auch über mögliche Nebenwirkungen wie Potenzstörungen oder verminderte Spermienanzahl auf. Aus diesen Gründen empfehle ich Männern über 45 oder jenen mit Kinderwunsch Minoxidil. Die rund 50 Franken pro Monat müssen sie ebenfalls selbst übernehmen.

Mögliche Nebenwirkungen?
Es wird lokal im Scheitelbereich aufgetragen, wo sich die Glatze bildet. Da die Lösung alkoholhaltig ist, bekommen etwa 5 Prozent davon Kopfhautekzeme. Gelangen Tropfen ins Gesicht oder auf die Schultern, kann es dort zu unerwünschtem Haarwachstum kommen. Deshalb ist es wichtig, nach der Anwendung die Hände zu waschen. In starkem Mass aufgetragen, kann es bei älteren Patienten zu einer Resorption des Mittels ins Blut kommen. Die Folge: Der Blutdruck wird eventuell gesenkt und dadurch erhöht sich das Risiko eines Sturzes.

Und wie behandeln Sie Patientinnen mit Haarausfall? Sie haben erwähnt, dass Frauen sehr darunter leiden.
Ganz ehrlich: Ich habe Frauen noch nie so sehr weinen sehen wie wenn sie in die Haarsprechstunde kommen. Der Leidensdruck ist für sie oft sogar noch höher als das Problem selbst. Viele haben bereits eine Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich, weil sie nicht ernst genommen wurden.

Und was machen Sie anders als manche Ihrer Kollegen?
Ich nehme mir Zeit, lasse mir alle Symptome erklären, frage nach möglichen Ursachen, objektiviere den Befund und lasse die nötigen Abklärungen durchführen.

Wie sieht dann die anschliessende Therapie aus?
Beim diffusen Haarausfall, bei dem Haare im ganzen Kopfbereich ausfallen, wird zwischen der akuten und der chronischen Form unterschieden. Im ersten Fall liefert oft schon ein Gespräch die möglichen Gründe, etwa wenn die Frau in den sechs Monaten davor die Pille abgesetzt, entbunden, einen Unfall oder schwere Belastungen erlitten hat. Liegt kein nachweisbarer Eisenmangel vor, dann gibt sich der akute diffuse Haarausfall oft von selbst wieder.

Kann Eisenmangel allein bei Frauen zu Haarausfall führen?
Es ist ein wichtiger Grund. Für optimales Haarwachstum empfiehlt die Schweizerische Arbeitsgruppe für Trichologie Werte des Eisenspeichers Ferritin von 70 Mikrogramm pro Liter. Vielfach liegen bei Frauen die Eisenwerte jedoch um einiges darunter. Übrigens ist es bei einem Mangel nicht nur wichtig, das Eisen im Moment zu ergänzen, sondern den Wert auch auf lange Sicht hoch zu halten.

Und wenn der diffuse Haarausfall chronisch ist?

Aber auch bei Frauen ist der anlagebedingte Haarausfall der häufigste Grund für lichtes Haar.
Bei ihnen kommt ebenfalls Minoxidil zum Einsatz, allerdings niedriger dosiert. Und ich empfehle auch antiandrogene Präparate wie die Pille. Liegen Hormonprobleme vor, dann arbeite ich mit den Kollegen aus der Gynäkologischen Endokrinologie zusammen, die sich mit Störungen dieser Art befassen. Aber nochmals: Wer merkt, dass viel mehr Haare ausfallen, sollte rasch zum Arzt gehen. Rechtzeitig behandelt, können wieder 20 bis 30 Prozent der Haare nachwachsen.

Was können von Haarausfall Betroffene sonst noch tun, um das Haar zu kräftigen? Zusätzlich B-Vitamine schlucken?
Wer gesund ist und sich ausgewogen ernährt, benötigt keine Nahrungsergänzungsmittel.

Oder nur noch Babyshampoo verwenden, das sehr reizarm ist?
Nein, wer zu trockenen Haaren neigt, benötigt ein entsprechendes Pflegeshampoo, ebenso wie jemand, dessen Haare schnell fetten. Zu häufiges Waschen ist nicht gut, ebenso wie eine zu starke Manipulation der Haare mit Zusatzprodukten wie etwa Gel.

Erstellt: 14.03.2011, 12:31 Uhr

Nedzmidin Pelivani. (Bild: zvg)

Zur Person

Nedzmidin Pelivani, 38, arbeitet als Oberarzt in der dermatologischen Universitätsklinik des Inselspitals. Er kümmert sich hauptsächlich um stationäre Patienten mit schweren Haut- und Haarproblemen.

Weiterbildung

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