«Für Transmänner ist das Pinkeln im Stehen sehr wichtig»

Chirurg Oliver Markovsky erklärt, wie er Geschlechtsangleichungen macht.

Hat letztes Jahr 750 geschlechtsangleichende Operationen begleitet: Oliver Markovsky. Foto: Robert Haas

Hat letztes Jahr 750 geschlechtsangleichende Operationen begleitet: Oliver Markovsky. Foto: Robert Haas

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Oliver Markovsky (41) ist Leiter des Zentrums für geschlechtsangleichende Chirurgie an der chirurgischen Klinik München-Bogenhausen. Im weissen Kittel kommt er in den Besprechungsraum, in der Brusttasche ein paar Filzstifte. Die braucht er, wenn er seinen Patienten erklärt, was man als Laie nur schwer versteht – wie aus einer Vagina ein Penis werden kann und umgekehrt. Dann malt er auf einer Flipchart die Anatomie des Menschen auf. Erklärt. Zeigt Bilder. 750 geschlechtsangleichende Operationen haben Markovsky und sein Team 2018 durchgeführt. 2010 waren es rund 150.

Herr Markovsky, können Sie sich noch an Ihre erste geschlechtsangleichende Operation erinnern?
Sehr gut sogar. Das war im Jahr 2006. Ich war neu hier an der Klinik und hatte zum ersten Mal eine Patientin, die biologisch gesehen ein Mann war, sich aber als Frau definierte. Für mich war das wahnsinnig spannend.

Inwiefern?
Ich wollte die Wahrnehmung der Patienten verstehen. Wie es ist, im falschen Körper zu leben und ein Organ abstossend zu finden, das nicht krank ist, sich aber falsch anfühlt, wie ein Fremdkörper. Und dann ist es für mich als Operateur auch eine schöne OP. Aufwendig klar, aber man sieht so viel lebensechte Anatomie, so viele Strukturen wie bei kaum einer anderen urologischen Operation. Damals waren solche Eingriffe auch noch deutlich seltener.

«Es gibt keine Ausbildung, und das ist ein Problem.»

Transfrauen und Transmänner waren in der Öffentlichkeit auch noch nicht so sichtbar wie heute.
Nicht nur das. Selbst wenn sich die Betroffenen getraut haben, über die Diskrepanz zwischen ihrem Körper und ihrer Seele zu sprechen, fehlten häufig die Ärzte mit dem nötigen Wissen und Können. Transchirurgie war einfach kein Thema im Medizinstudium. Ist es bis heute nicht.

Es gibt keine Ausbildung zum Facharzt?
Nein. Man lernt von Kollegen, die sich selbst das Wissen angeeignet und schon häufig angewendet haben. Ich kam 2006 als urologischer Assistenzarzt hier an die Klinik, wollte also Urologe werden, und landete dann zufällig in einer geschlechtsangleichenden Operation. Ab da habe ich im interdisziplinären Team gelernt – von anderen Urologen, Gynäkologen, plastischen Chirurgen. Es gibt keine Ausbildung, und das ist ein Problem.

Heute scheint das Thema Transsexualität präsenter zu sein als damals. Ist die Nachfrage nach geschlechtsangleichenden Operationen gestiegen?
Exponentiell! Hier in der Klinik hatten wir im Jahr 2010 ungefähr 80 Patienten. Heute sind es 400. Übrigens kommen etwas mehr Transmänner zu uns, also biologisch gesehen Frauen, die eine männliche Geschlechtsangleichung wünschen.

«Unsere älteste Patientin war 79 Jahre alt.»

Woran liegt das?
Es gibt weniger Ärzte, die Frau-zu-Mann-Operationen durchführen, weil sie aufwendiger sind. Viele Patienten möchten ihre Gebärmutter, Eierstöcke und Brüste entfernen lassen, die Scheide verschliessen, einen Penoidaufbau vornehmen lassen und eine Erektionsprothese eingesetzt bekommen. Das sind viele anspruchsvolle Einzelschritte. Operateure mit entsprechender Erfahrung sind seltener. In der Gesellschaft ist Transsexualität bei Männern und Frauen aber etwa gleich verteilt.

Welche Hoffnungen haben Menschen, die zu Ihnen kommen?
Unsere Patienten kommen ja in ganz unterschiedlichen Lebensphasen. Unsere älteste Patientin war 79 Jahre alt. Für sie war es ein jahrzehntelang gehegter Lebenstraum, endlich den Körper zu haben, den sie sich immer gewünscht hatte. Andere sind gerade 18, sie machen sich Gedanken über die Funktion ihres neuen Geschlechtsorgans, über den Orgasmus oder die Option, im Stehen pinkeln zu können.

Im Stehen pinkeln?
Ja. Für die meisten Transmänner ist das ein ganz wesentlicher Punkt.

Warum?
Weil man als Mann einfach im Stehen pinkeln kann.

Sie sprechen mit Ihren Patienten also sehr genau über ihre Wünsche.
Das ist sehr wichtig, weil Transsexualität unglaublich vielseitig ist. Viele Transmänner möchten eine Erektionsprothese, mit der sie ihr Penoid für den Geschlechtsverkehr versteifen können. Andere wollen nur eine Art Mikro-Penis. Und dann gibt es Patienten, die einen Penoidaufbau wünschen, ihre Vagina aber behalten wollen.

«Am Ende ist es eine Angleichung, nicht das Original.»

Dann gibt es keine Standard-Operation?
Nein, die gibt es nicht. Wir raten ja niemandem, bestimmte Operationsschritte oder eine komplette Angleichung vornehmen zu lassen. Aber es ist sehr wichtig, dass die Vorstellungen über die Operationsmöglichkeiten und die Ergebnisse realistisch sind.

Was wäre denn unrealistisch?
Es passiert selten, aber manche Menschen stellen sich vor, dass wir eine Art Umwandlung machen. Sie erwarten dann ein Geschlechtsorgan, das genauso aussieht und funktioniert wie ein natürliches. Ich hatte mal einen jungen Transmann, der sehr ungeduldig war und am liebsten alle Einzelschritte auf einmal durchgeführt hätte, was wir aber nicht machen.

Und dann?
Habe ich ihm Originalbilder von Menschen nach der Operation gezeigt, damit er keine falschen Erwartungen hat. Das machen wir in unseren Sprechstunden immer. Es sind Ergebnisse, mit denen auch die Patienten zufrieden waren. Aber für ihn waren die Bilder frustrierend. Das sehe alles so unecht aus, so unnormal. Klar, am Ende ist es eine Angleichung, nicht das Original. Und die meisten Patienten wissen das auch.

«Das ist kein Hype, sondern eine Errungenschaft der Gleichberechtigung.»

Viele Patienten haben ja schon einen langen Weg hinter sich, bevor sie zu Ihnen kommen, nehmen Hormone und versuchen, im Alltag schon im neuen Geschlecht zu leben. Aber wie findet man heraus, ob ein Patient wirklich bereit ist für eine Operation, die ja unumkehrbar ist?
Nicht durch unser Beratungsgespräch allein. Wir brauchen Unterstützung von Psychologen oder Psychiatern, die die Betroffenen betreuen. Sie müssen von ihrer Seite die Diagnose der «Transsexualität» oder «Geschlechtsdysphorie» stellen und die Indikation beschreiben, also die medizinische Notwendigkeit für eine geschlechtsangleichende Operation. Wir müssen von diesen Kollegen auch wissen, dass keine Erkrankungen vorliegen, die eine Geschlechtsdysphorie vortäuschen können.

Dann wäre eine andere Behandlung erforderlich.
Ja. Es wäre fatal, wenn wir einen Menschen körperlich verändern, dem wir dadurch letztlich nicht helfen. Sie müssen sehen: Wir stehen auch unter einem hohen Rechtfertigungsdruck, Reproduktionsorgane zu entfernen, die an sich nicht krank sind.

Kritiker sagen, dass es bei Jugendlichen einen Hype um Geschlechtsangleichungen gibt und dadurch Operationen verharmlost werden. Wie sehen Sie das?
Wenn Leute glauben, dass wir ihnen einen Katalog vorlegen, wo sie sich einfach so einen neuen Körper bestellen können, dann sehe ich auch eine Verharmlosung. Da haben auch wir als Operateure die Aufgabe, ein realistisches Bild zu vermitteln. Aber ich glaube, dass das Thema Transsexualität in der Öffentlichkeit präsenter ist, ist eher eine gesellschaftliche Entwicklung, die man nicht aufhalten sollte und auch nicht aufhalten kann. Es hat schon immer Transmenschen gegeben. Lange war es für viele aber keine Option, sich zu outen. Wenn heute in Filmen, bei der Miss-Universe-Wahl und im Supermarkt an der Kasse Transsexuelle klar erkennbar sind, ist das kein Hype, sondern eine Errungenschaft der Gleichberechtigung.

Erstellt: 20.11.2019, 19:43 Uhr

Der Weg zum neuen Geschlecht

Mann-zu-Frau-Operation
(zwei Eingriffe):

Zunächst entfernen die Ärzte die Hoden sowie die grossen Penisschwellkörper und bilden die Höhle der Neovagina. Dafür verwenden sie die eingestülpte Penisschafthaut und ein Hauttransplantat vom ehemaligen Hodensack. Die Harnröhre bleibt erhalten, die Eichel wird zur Klitoris geformt.

Während des zweiten Eingriffs erweitern die Operateure den Eingang der Neovagina, bilden ein Klitorishäubchen und korrigieren wenn nötig die Schamlippen. Das grösste Risiko liegt darin, den Darm oder die Blase zu verletzen. Die Rate liegt in einem sehr niedrigen Bereich.


Frau-zu-Mann-Operation
(vier bis fünf Eingriffe):

Markovsky und sein Team entfernen zunächst die Brust (vermännlichende Brustoperation). Dann werden die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernt. Anschliessend verschliessen die Ärzte die Scheide und verlängern die Harnröhre. Dann beginnt die Konstruktion des Penoids, ein chirurgisch aufgebauter Penisersatz. Dafür transplantieren die Ärzte Haut und Fettgewebe vom Unterarm oder Oberschenkel und formen daraus das Penoid und die neue Harnröhre.

Beim nächsten Eingriff bilden sie die Eichel. Aus den ehemaligen äusseren Schamlippen entsteht in diesem Schritt zudem der Hodensack, die Harnröhre wird verbunden. In einem letzten Schritt implantiert das Team eine Erektionsprothese. Die grösste Gefahr liegt im «Überleben» des Penoids. Wenn das Gewebe nach dem Transplantieren nicht genügend mit Blut versorgt wird, kann das Penoid absterben. Die Rate liegt nach Angaben von Markovsky bei circa 0,5 Prozent.

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