Gefährliche Handschrift

Wenn Ärzte ihre Verschreibungen von Hand erledigen, bekommt der Patient nicht selten das falsche Medikament – oder eine falsche Dosis. Das kann tödlich sein. Ein neues System soll Risiken minimieren.

Handschriftlich ausgestellte Rezepte stiften oft Verwirrung: Arzt stellt in Horgen ein Rezept aus. (Themenbild)

Handschriftlich ausgestellte Rezepte stiften oft Verwirrung: Arzt stellt in Horgen ein Rezept aus. (Themenbild) Bild: Keystone

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Eine gewichtige Fehlerquelle scheint dabei in der oft unleserlichen Handschrift von Ärzten zu liegen. Das zeigt eine Studie am Berner Inselspital. Für die Studie nahmen Forscher den Verschreibungsprozess auf einer Station des Universitätsspitals Bern während eines Monats unter die Lupe. Wie die Forscher im Fachmagazin «BMC Health Services Research» berichten, bestellten und verschrieben in dem Untersuchungszeitraum 16 Ärzte insgesamt 1934 Wirkstoffe für 165 Patienten.

Die Daten für die Studie wurden bereits im Jahr 2005 erhoben. Eine Verschreibung lief damals auf der Station folgendermassen ab: Auf einem Verordnungsblatt hielt der Arzt alle seine Anordnungen handschriftlich fest. Der Krankenpfleger übertrug die Verordnung in eine Pflegedokumentation. Dort wurden später auch abgegebene Medikamente eingetragen.

Diverse Fehler

Insgesamt fanden die Forscher in diesem ganzen Prozess 105 Fehler bei den 1934 verschriebenen Wirkstoffen. Bei 71 der 165 Patienten schlich sich mindestens ein solcher Dokumentationsfehler ein. Das Maximum waren neun Fehler bei einer 86 Jahre alten Frau, die während einem zehn Tage dauernden Aufenthalt 25 Substanzen erhielt.

Von den 105 Unregelmässigkeiten waren 39 Verschreibungsfehler. Dazu gehörten falsche, fehlende oder zweideutige Angaben des Arztes, etwa fehlende Informationen über die Dosis. Nicht untersucht wurde, ob die verschriebenen Medikamente im Einzelfall nötig und richtig waren, wie Studienerstautor Maximilian Hartel auf Anfrage sagte.

56 Fehler betrafen die Übertragung des handschriftlichen Rezeptes in die Pflegedokumentation. In einigen Fällen wurde zum Beispiel die Dosis fehlerhaft übertragen, 28-mal erfolgte sogar überhaupt keine Transkription eines bestellten Medikaments. Ob diese Arzneien den Patienten abgegeben wurden oder nicht, sei unklar, sagte Hartel.

Schlecht leserlich

Schliesslich traten 10 Fehler auf bei der Medikamentenabgabe. Dabei verpassten Pflegende es zum Beispiel, die Abgabe zu dokumentieren – oder wenn sie es taten, waren das Datum oder der Zeitpunkt falsch. Insgesamt sei die Fehlerhäufigkeit gross gewesen, schreiben die Forscher um Hartel, der heute am Universitätsklinikum Hamburg arbeitet.

Um die Gründe für die wichtigste Fehlerquelle – die Übertragung – genauer unter die Lupe zu nehmen, liessen die Forscher drei Zensoren die Lesbarkeit der Verschreibungen beurteilen. Es zeigte sich, dass die beteiligten Ärzte dem schlechten Ruf der Handschrift ihrer Zunft alle Ehre machten.

Nur 2 Prozent der Verschreibungen waren gut leserlich geschrieben. Bei 42 Prozent war die Schrift «mässig», bei 52 Prozent «schlecht» und bei 4 Prozent gar «unleserlich». Die Vermutung liege auf der Hand, dass zumindest ein Teil der Übertragungsfehler auf die unleserliche Handschrift der Ärzte zurückzuführen sei, sagte Hartel.

Prompt reagiert

Allerdings liess sich dieser Zusammenhang in der Studie nicht zweifelsfrei nachweisen. Ob eine Handschrift als leserlich oder unleserlich empfunden wird, hängt nämlich massgeblich vom Leser ab. Gerade deswegen empfehlen die Forscher, handschriftliche Dokumentationsprozesse durch elektronische Systeme zu ersetzen, denn die Schrift am Computer ist immer eindeutig lesbar.

Das Inselspital hat auf die Ergebnisse rasch reagiert. Bereits Ende 2006 wurde eine eigens entwickelte Verschreibungssoftware in einem Pilotprojekt auf einer Station unter der Leitung der Orthopädischen Klinik getestet. Heute sind neben der Orthopädie sieben weitere Kliniken des Spitals an das elektronische System angeschlossen – Tendenz rasch steigend, wie Markus Hächler, Mediensprecher am Inselspital, sagte. (miw/sda)

Erstellt: 07.10.2011, 08:30 Uhr

Mehr Sicherheit dank elektronischen Systemen

Das am Berner Inselspital entwickelte Medikamentenverordnungssystem eMedX wird auch an den Hirslanden-Kliniken und am Kantonsspital Freiburg eingesetzt. Es eliminiert nicht nur Fehler wegen unleserlicher Handschriften, sondern hat auch andere Vorteile.

Mit der Software liessen sich auch weitere grosse Probleme bei der Medikamentenabgabe anpacken, sagte Hendrik Kohlhof, der das Projekt am Inselspital leitet: Unter anderem überprüft die Software, ob die verschriebene Dosierung korrekt ist - oder ob es sich um eine so genannte Überdosierung handelt.

Zudem bemerkt das System, ob zwei oder mehrere Medikamente für einen Patienten eine unerwünschte oder gefährliche Wechselwirkung miteinander verursachen. Insgesamt gebe es rund 46'000 Produkte, die an einem Spital verschrieben werden könnten, sagte Kohlhof. Kein Arzt könne den Überblick über alle Interaktionen, Dosierungen oder Sicherheitshinweise behalten.

In der Schweiz würden Verschreibungen heute in den meisten Spitälern noch handschriftlich und ohne ein solches elektronisches System vorgenommen, sagte Kohlhof. Doch für ihn überwiegen die Vorteile von eMedX: Die Fehlerquote werde damit deutlich gesenkt. Zudem resultiere ein Zeitgewinn und das Pflegepersonal sei auch zufriedener.

Die Verordnungssoftware wurde vom Inselspital gemeinsam mit der Firma Meierhofer im Rahmen eines Projekts entwickelt, das von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) unterstützt wurde. Inzwischen ist daraus ein eigenes Unternehmen entstanden - und die Software wird laut Kohlhof auch nach Deutschland und Frankreich verkauft. (sda)

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