Gefährliche Weichmacher

Bisphenol A in Kunststoffen stört das menschliche Hormonsystem. Nun zeigt sich: Auch BPA-freie Produkte sind bedenklich.

Trinkflaschen enthalten oft die kontroverse Chemikalie Bisphenol A. Das Label «BPA-frei» gilt heute deshalb als Qualitätsmerkmal – doch die Alternativen scheinen nicht besser zu sein. Foto: Getty Images

Trinkflaschen enthalten oft die kontroverse Chemikalie Bisphenol A. Das Label «BPA-frei» gilt heute deshalb als Qualitätsmerkmal – doch die Alternativen scheinen nicht besser zu sein. Foto: Getty Images

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Das Urteil des Gerichts der Europäischen Union war unmissverständlich: Der Weichmacher Bisphenol A (BPA) sei weiterhin als «besonders besorgniserregender Stoff» zu behandeln, urteilten die Richter diesen Sommer. Sie wiesen damit eine Klage des Branchenverbands Plastics Europe ab, der die Bewertung der Chemikalie angefochten hatte, und bestätigten stattdessen die Einschätzung der Europäischen Chemikalienagentur, die BPA 2016 als «reproduktionstoxisch» eingestuft hatte.

Bisphenol A zählt zu den «endokrinen Disruptoren», jenen Stoffen, denen eine hormonverändernde Wirkung zugeschrieben wird. In zahlreichen Studien wurde dokumentiert, dass BPA das Hormonsystem beeinträchtigen und neben dem Einfluss auf die Fruchtbarkeit oder die Gehirnentwicklung etwa auch Übergewicht, Wachstumsstörungen oder psychische Erkrankungen verursachen kann. Zu diesem Schluss kommen ausserdem Gutachten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder der Europäischen Lebensmittelbehörde (Efsa). Und obwohl noch strittig ist, ab welcher Menge die Substanz schädlich ist, wird die generelle Hormonaktivität von BPA kaum mehr bezweifelt.

Entsprechend wird es aus Produkten mehr und mehr verbannt. Das Label «BPA-frei», oft auf Trinkflaschen zu finden, gilt gemeinhin als Qualitätsmerkmal. Durch welchen Stoff BPA jedoch ersetzt wurde, das wird dort meist nicht angegeben. Mittlerweile nutzt die Industrie statt BPA zum Beispiel vermehrt Alternativen wie Bisphenol F (BPF) oder Bisphenol S (BPS) zur Herstellung verschiedenster Plastikprodukte, Flammschutzmittel oder Lacke. Auch in Lebensmittelverpackungen oder Thermopapieren, beispielsweise für Kassenbons, kommen BPF und BPS zum Einsatz. Doch sind diese Alternativen weniger schädlich?

Ersatzstoffe finden sich im Urin von Übergewichtigen

Wie eine kürzlich veröffentlichte Studie im «Journal of the Endocrine Society» nahelegt, weisen auch diese Chemikalien eine hormonverändernde Wirkung auf. «Ersetzt man BPA durch BPS oder BPF, vermindert das die gesundheitlichen Gefahren überhaupt nicht», sagt Studienautorin Melanie Jacobson von der NYU School of Medicine in New York in einer Mitteilung. Im Verbund mit anderen Forschern verglich Jacobson bei mehr als 1800 Probanden im Alter von 6 bis 19 Jahren die Konzentration von BPS und BPF im Urin mit dem Body-Mass-Index. Dazu griffen die Forscher auf Daten der nationalen Gesundheits- und Ernährungsstatistiken der USA zurück. Das Fazit der Wissenschaftler: Wer eine höhere Konzentration an BPS und BPF im Urin hatte, der litt mit höherer Wahrscheinlichkeit an Übergewicht.

Für Joëlle Rüegg ist das Ergebnis der Studie keine Überraschung. Sie ist Professorin für Umwelttoxikologie an der schwedischen Universität in Uppsala und forscht selbst seit vielen Jahren zu den gesundheitlichen Folgen hormonverändernder Chemikalien. Sie weiss daher aber auch um die Schwächen solcher Studien: «Was man bei diesen Publikationen stets bedenken muss, ist die Frage nach Ursache und Wirkung. Aus der Studie geht nicht hervor, ob die Fett­leibigkeit der Probanden auf den erhöhten Bisphenol-Konzentrationen beruht oder ob sie wegen ihrer Fettleibigkeit höhere Werte aufweisen, weil sie beispielsweise vermehrt mit Bisphenol versetzte Nahrungsmittel konsumieren.»

BPF und BPS sind strukturell sehr ähnlich wie BPA, und auch die Wirkmechanismen im Körper unterscheiden sich nur geringfügig.Joëlle Rüegg, Toxikologin in Uppsala

Um diese für die Einschätzung des Gefahrenpotenzials einer Substanz essenzielle Unterscheidung machen zu können, brauche es sogenannte Longitudinaldaten. Das seien im vorliegenden Fall Studien, in denen der Urin der Probanden auf Chemikalienbelastung untersucht worden seien, bevor sie phänotypische Merkmale wie Fettleibigkeit entwickelten, erklärt die Forscherin.

In einer solchen noch unveröffentlichten Longitudinalstudie konnte Rüegg mit anderen Forschern den negativen Einfluss endokriner Disruptoren auf die Hirnentwicklung zeigen. Die vermeintlich besseren Alternativen BPF und BPS wiesen dabei ähnliche, teilweise sogar stärkere Effekte auf als BPA. Für Rüegg kam das Ergebnis nicht unerwartet: «BPF und BPS sind strukturell sehr ähnlich wie BPA, und auch die Wirkmechanismen im Körper unterscheiden sich nur geringfügig», sagt die Forscherin. Es sei daher naheliegend, dass sie ein ähnliches Gefährdungspotenzial aufweisen würden.

Bisphenole treten von der Verpackung ins Essen über

Besonders gefährlich sind hormonverändernde Substanzen für ungeborene Kinder. In zahlreichen Studien konnte ein direkter Zusammenhang zwischen der Chemikalienbelastung der Mutter und der späteren Gesundheit des Kindes nachgewiesen werden. Wiesen die Schwangeren erhöhte Werte an BPA oder ähnlichen Chemikalien im Urin auf, traten bei den Kindern vermehrt Übergewicht, Diabetes oder psychische Erkrankungen auf. «Besonders in fötalen Phasen spielen Hormone eine elementare Rolle, etwa für die Hirnentwicklung oder die Bildung der Sexualorgane», sagt Joëlle Rüegg. Es sei «sehr beunruhigend», dass BPS, BPF oder andere Chemi­kalien, die diese Hormone stören, bei schwangeren Frauen nachweisbar sind.

«Vereinfacht gesagt, sollte dafür gesorgt werden, dass Frauen in der Schwangerschaft nicht mit endokrinen Disruptoren in Kontakt kommen», sagt die Toxikologin. Nur: Das ist schlicht unmöglich. Grundsätzlich sind hormonverändernde Chemikalien in der Umwelt allgegenwärtig, selbst in der Arktis wurden Bestandteile mancher Substanzen gefunden. Neben phenolartigen Verbindungen wie BPA zählen zu den hormonaktiven Stoffen Phthalate, perfluorierte Chemikalien und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, aber auch Schwermetalle wie Cadmium oder Blei sowie natürlich vorkommende Phytoöstrogene, zum Beispiel Isoflavone. Sie sind Bestandteil von Kunststoffen, Elektroartikeln, Kosmetikprodukten oder Textilien, werden als Baustoff und Lösemittel in der Industrie verwendet oder fungieren als Pestizide.

Kassiererinnen mit hohen BPA-Werten im Blut

Die vermeintlich grösste Gefahr für den Menschen, mit endo­krinen Disruptoren in Kontakt zu kommen, besteht nach Angaben der Europäischen Lebensmittelbehörde über die Nahrung. So sind etwa zahlreiche Lebensmittelverpackungen mit BPA versetzt, wobei der Stoff nicht chemisch gebunden ist und so an das jeweilige Lebensmittel abgegeben werden kann. Besonders leicht lösen sich die Chemikalien, wenn die Verpackung erhitzt wird.

Ebenfalls nicht unbedenklich sind laut der Efsa Kassenzettel oder Fahrkarten. Diese werden oft aus Thermopapier hergestellt, das aus einem Rohpapier besteht und mit Phenolen, meist BPA, beschichtet ist. Bei Hitze ändert diese Beschichtung die Farbe, wodurch das Papier «bedruckt» wird. Hält man das Papier in der Hand, kann sich BPA lösen und durch die Haut in den Körper gelangen.

Wissenschaftler des «Cincinnati Children’s Hospital Medical Center» zeigten 2014 in einer Studie, dass bei Kassierern die Konzentration an BPA im Blut stark erhöht ist. 2016 hat die EU ein Gesetz auf den Weg gebracht, wonach Kassenzettel maximal 0,02 Prozent BPA enthalten dürfen, was praktisch einem Verbot gleichkommt. Rechtlich bindend ist das Gesetz jedoch erst ab 2020. Dennoch haben viele Unternehmen ihre Kassen­rollen bereits umgestellt – und Bisphenol A mit Bisphenol S ausgetauscht.

Erstellt: 22.11.2019, 15:11 Uhr

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