Gefahr durch Haustiere

Das in der Veterinärmedizin bekannte Bakterium Staphylococcus pseudintermedius ist gegen fast alle Antibiotika resistent. Berner Forscher haben es vor kurzem auch beim Menschen gefunden.

Können multiresistente Bakterien auf sich haben, die auf den Menschen übergehen können: Kleintiere wie Katzen.

Können multiresistente Bakterien auf sich haben, die auf den Menschen übergehen können: Kleintiere wie Katzen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit tränenden Augen, Kopfschmerzen und einem kleinen Ödem ging der Patient zum Arzt. Er litt unter einer immer wiederkehrenden Entzündung der Schleimhaut der Nasennebenhöhlen. Bereits drei operative Eingriffe hatte er hinter sich, den letzten im Jahr 2005. Vier Jahre später war erneut eine Operation notwendig.

Doch dieses Mal entzündete sich die noch nicht verheilte Wunde stark. Der Patient hatte offenbar Bakterien aufgeschnappt. Und dies, obwohl er mehrmals am Tag regelmässig zwei verschiedene Antibiotika einnahm. Als fünf Wochen nach der Operation die Wunde zunehmend eiterte, erhielt er zehn Tage lang drei andere Antibiotika. Auch dies ohne Erfolg.

Mehrfach resistenter Erreger

«Erst ein Abstrich von der Wunde und eine anschliessende Analyse schafften Klarheit, sodass er richtig behandelt werden konnte», sagt Vincent Perreten vom Institut für Veterinärbakteriologie der Universität Bern, der den Fall zusammen mit anderen Experten vor kurzem in der Fachzeitschrift «Journal of Antimicrobial Chemotherapy» veröffentlichte. Der Patient hatte multiresistente Bakterien gehabt, die man nur von Hunden und Katzen kannte.

Es handelte sich um ein unbewegliches, kugelförmiges Bakterium. Dieses mehrfach resistente Staphylococcus pseudintermedius trat erstmals im Jahr 2005 auf und hat sich seither mehr und mehr unter Haustieren in Europa verbreitet. Es verursacht bei ihnen vor allem Entzündungen der Haut und eitrige Infektionen von Operationswunden.

«Wir konnten jetzt erstmals zeigen, dass diese multiresistenten Erreger auch auf den Menschen übergehen», erklärt Vincent Perreten. Besorgniserregend sei, dass man die Patienten irgendwann nur noch mit Reserveantibiotika behandeln kann. Im Klartext heisst dies, dass dann die letzten zur Verfügung stehenden Waffen der Medizin eingesetzt werden müssen. Wenn jedoch auch Tierärzte diese wertvollen Wirkstoffe zur Behandlung von Kleintieren benutzen, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis neue Stämme von Bakterien auch dagegen resistent werden.

Arznei für Mensch und Tier

Zum Glück hätten die Humanantibiotika beim Patienten angeschlagen, betont Vincent Perreten. Doch die Infektion mit einem solchen Erreger sei eine deutliche Warnung an alle Tierärzte, dass man derartige Antibiotika aus der Humanmedizin nicht ohne weiteres auch für Hunde und Katzen verwenden soll. Denn das Risiko für weitere Resistenzbildungen sei zu gross.

Auch in den USA wurde vor einem Jahr in der medizinischen Zeitschrift «The American Journal of the Medical Sciences» von einem ähnlichen Fall berichtet. Eine 28-jährige Besitzerin einer Bulldogge hatte auf ihrer Operationswunde mehrfach resistente Staphylokokken, die nachweislich von ihrem Hund stammten. Nur durch den Einsatz der Reserveantibiotika Vancomycin und Linezolid liess sich die Operationswunde zum Verheilen bringen. Die Frau hatte laut der Studie einen sehr engen Kontakt zu ihrem Hund, der sie manchmal sogar auch im Gesicht ableckte.

Diabetes, Warzen und Tumor

Ob auch der Patient aus der Schweiz die Erreger von seinem Hund hatte, liess sich im Nachhinein nicht mehr überprüfen. Da das schwer kranke Tier – das Diabetes, Warzen und einen Tumor am Bauch hatte – noch vor dem Verdacht als möglicher Überträger der Staphylokokken eingeschläfert werden musste. Es konnte von ihm also keine Probe mehr entnommen und untersucht werden.

Allerdings liess sich zeigen, dass der Hund zuvor mehrere Antibiotikabehandlungen in verschiedenen Tierkliniken erhalten hatte und dass der beim Patienten mithilfe genetischer Analysen identifizierte Bakterienstamm genau demjenigen entspricht, der häufig bei Hunden in Europa vorkommt.

«Der letzte Beweis fehlt uns zwar», sagt Vincent Perreten. Doch alles spreche dafür, dass der Patient sich bei seinem eigenen Hund angesteckt habe. Dies würde deutlich machen, dass Tierärzte in Zukunft vermehrt auf solche gefährlichen, multiresistenten Bakterien achten müssten und dementsprechend dann auch bei Heimtieren Hygiene- und Quarantänemassnahmen durchführen – ähnlich wie bei Menschen im Spital.

Erstellt: 07.11.2010, 07:39 Uhr

Blogs

Geldblog Wie man auch mit wenig Geld weltweit investiert

Mamablog Langzeitverabredungen? Schrecklich!

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Klebriger Protest: Eine PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Aktivistin protestiert im Vorfeld der Mailänder Fashion Week gegen die Lederindustrie indem sie sich mit schwarzem Schleim übergiesst. (18. Februar 2020)
(Bild: Flavio Lo Scalzo) Mehr...