Gefühle sind ihr Erfolgsgeheimnis

Zürcher Wissenschaftler haben das Hirn von Schauspielern erforscht und Erstaunliches entdeckt: Berühmte Bühnenkünstler können Gefühle im Spiel neu aufleben lassen. Das hilft auch dem Gedächtnis.

Gute Schauspieler fühlen ihre Rolle, wie wenn es das echte Leben wäre: Audrey Hepburn und George Peppard im Film «Breakfast at Tiffany’s» (1961). Foto: Photo 12 (AFP)

Gute Schauspieler fühlen ihre Rolle, wie wenn es das echte Leben wäre: Audrey Hepburn und George Peppard im Film «Breakfast at Tiffany’s» (1961). Foto: Photo 12 (AFP)

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Ein unterhaltsameres Referat haben Neurowissenschaftler noch selten erlebt. Schauspieler der Zürcher Hochschule der Künste lassen die am Brain Forum Ende Mai in Lausanne versammelten Hirnforscher mit Shakespeares «Romeo und Julia» schmachten. «Die Nacht verschleiert mein Gesicht, sonst färbte Morgenröte meine Wangen», seufzt Julia in Capulets Garten, als Romeo heimlich um sie herumschleicht. Doch dann unterbricht der Neurowissenschaftler Thomas Grunwald abrupt die Szene: Die Wangenrötung, so doziert er trocken, sei eine unwillkürliche physiologische Antwort des Gehirns auf Gefühle, um deren Echtheit zu signalisieren. Und so geht es das ganze Stück weiter. Die Schauspieler überbieten sich mit gefühlsintensivem Spiel, der Neurowissenschaftler erklärt die biologischen Hintergründe der Emotionen.

Thomas Grunwald ist Forscher am Schweizerischen Epilepsiezentrum in Zürich. Zusammen mit Anton Rey, Regisseur und Theaterwissenschaftler an der Zürcher Hochschule der Künste, hat Grunwald die neuronalen Grundlagen der Emotionen mithilfe von Schauspielern erforscht. «Schauspieler sind ideale Testpersonen», erklärt Rey, «denn sie sind absolute Profis im Darstellen von Gefühlen.» Bereits in der Ausbildung lernen sie, dass sie nur glaubwürdig auftreten können, wenn sie voll dabei sind. Und auf der Bühne oder im Film müssen sie die Gefühle, welche ihnen die Rolle vorgibt, auf Knopfdruck hervorrufen.

Überraschende Hirnbilder

Diese Fähigkeit zu einer Art geplanten Spontaneität machten sich die Forscher zunutze. Sie schoben die Schauspieler, zum einen Schüler der Kunsthochschule, aber auch bekannte Bühnen- und Filmkünstler wie Stefan Kurt oder Hanspeter Müller-Drossaart, in einen Hirnscanner mit dem Auftrag, eine bekannte Theaterszene aus dem Gedächtnis mechanisch herzusagen. Spielen konnten sie die Szene wegen der beengten Verhältnisse im Magnetresonanztomografen natürlich nicht. Derweil nahm der Apparat ein sogenanntes FMRI-Bild ihres Gehirns auf und kartierte so die aktiven Areale. In einem zweiten Durchgang mussten die Schauspieler dieselbe Sequenz durchdenken, diesmal jedoch mit allen Gefühlen, die sie auch auf der Bühne in die Szene legen würden. Der Unterschied im Aktivitätsmuster zwischen den beiden Durchgängen war frappant. Vor allem bei den erfahrenen und bekannten Schauspielern zeigten die Gefühlsmodule im Gehirn eine deutliche Aktivität.

Offenbar aktivieren etablierte Bühnenkünstler beim Spiel die emotionalen Zentren. «Erfahrene Schauspieler erschaffen die Welt und den Charakter, den sie spielen, immer wieder neu. Sie drücken nicht einfach nur eine Play-Taste im Sinne einer Wiedergabe», erklärt Anton Rey. Jungschauspieler dagegen spielen eher aus dem Gedächtnis heraus. Hirnregionen, in denen Emotionen neu geschaffen werden, nutzen sie weniger.

Wie es die Schauspieler schaffen, die Gefühle trotz unzähligen Proben immer wieder neu aufleben zu lassen, ist noch unklar. In den Schauspielschulen kennt man heute zwei grundsätzlich verschiedene Methoden. Bei der ersten, welche auf Stanislawski oder Strasberg zurückgeht, horchen die Schauspieler in sich hinein und versuchen, die Gefühle von innen heraus, quasi aus einem emotionalen Gedächtnis aufzubauen. Bei der zweiten, Brecht’schen Methode lernen die Schauspieler, über Körpermimik und -haltung auf ihre Gefühle zurück­zugreifen. Sie verziehen zum Beispiel den Mund zum Lachen, um fröhlich zu werden. «Dies ist aber mehr als ein simples Faken», sagt Rey. «Der Schauspieler kann den körperlichen Zustand so steuern, dass das Gefühl auch da ist.»

Die Forscher wollten deshalb auch noch wissen, welche Methode im Hirnbild zu stärkeren Aktivitäten in den emotionalen Zentren des Gehirns führt. Doch für einmal half die Hirnforschung nicht weiter: Gute Schauspieler schaffen es unabhängig von ihrer bevorzugten Methodik, die Gefühlszentren gleichermassen zu aktivieren.

Witze reissen vor dem Drama

«Die Frage, ob die Gefühle auf der Bühne echt oder falsch sind, ist meiner Meinung nach obsolet», sagt Anton Rey. Gute Schauspieler leben ein Stück, ohne sich zu verleugnen. Rey kennt namhafte Künstler, die vor der traurigsten Szene noch hinter der Bühne über einen Witz lachen können, im nächsten Moment aber diese Szene so herzergreifend spielen, dass jedermann im Saal heult.

Doch die Versuche hatten noch ein anderes Ziel. «Wir wollten auch herausfinden, was Schauspieler besser können als andere Menschen», sagt Rey. «Dabei treten erstaunliche Expertisen zutage, zum Beispiel, wenn ein 80-jähriger Schauspieler den ganzen Text des‹Königs Lear› ohne Probleme auswendig kann.» Haben das Spiel mit den Emotionen und das gute Gedächtnis womöglich einen Zusammenhang?

Viele Erkenntnisse über das Gedächtnis stammen aus der Epilepsieforschung, in der Thomas Grunwald tätig ist. Bei der häufigsten Form dieser Krankheit werden die Anfälle meistens im Hippocampus ausgelöst. Jeder Mensch hat zwei dieser Hirnregionen, jeweils einen im Schläfenlappen. Als ­Patienten früher in diesem Bereich operiert wurden, folgte manchmal eine wahre «Gedächtniskatastrophe». Heute weiss man, dass der Hippocampus für das deklarative Gedächtnis entscheidend ist, also für diejenigen Erinnerungen, über die wir auch berichten können. «Heute können wir ziemlich gut im Voraus feststellen, welche bewussten Gedächtnisfunktionen von einem epilepsiechirurgischen Eingriff betroffen sind, und raten manchmal auch von einer Operation ab», sagt Grunwald. «Der Beitrag der Emotionen an das Gedächtnis ist jedoch viel weniger erforscht.» Hier, so die Hoffnung, sollen die Versuche mit den Bühnenkünstlern ein besseres Verständnis bringen.

Neue Lernstrategie

Ein emotionales Zentrum findet sich im Mandelkern, auch Amygdala genannt. Das ist eine kleine, fingerkuppengrosse Region direkt unter dem Hippocampus im stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns, dem limbischen System. Dass die Gefühle für das Erinnerungsvermögen eine zentrale Rolle spielen, ist unbestritten. Wir merken uns Inhalte, wenn sie für uns relevant sind. Und relevant wird etwas, wenn es einerseits neu ist und anderseits mit Emotionen verbunden ist. Ein Übermass an Gefühlen allerdings, zum Beispiel bei einem traumatischen Erlebnis, kann das Gedächtnis auch beeinträchtigen.

Je mehr man über das komplexe Zusammenspiel von Emotionen und Gedächtnis weiss, desto klarer erkennen die Forscher, dass diese bei vielen Krankheiten eine Rolle spielen: bei Demenz, Schlaganfällen oder Tumoren im Gehirn. Und selbst für den Alltag sind die Befunde nicht nutzlos. «Untersuchungen haben gezeigt, dass ältere Personen meist schlechter abschneiden als jüngere, wenn sie Wortlisten auswendig lernen müssen», erklärt Thomas Grunwald. «Wenn man die Wörter aber emotional wichtig macht und die Probanden sich inhaltlich damit auseinandersetzen, verschwinden die Unterschiede.» Fachleute sprechen von «elaboriertem Encodieren». Schauspieler schaffen es offensichtlich mit viel Emotionen, auch fremde Texte für sich relevant werden lassen, dass sie sie nicht vergessen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2016, 20:54 Uhr

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