Gespräche von Frau zu Frau

Das Lindenhofspital Bern beschäftigt neu drei speziell ausgebildete Brustkrebsberaterinnen. «Durch diesen Service fühlt man sich nicht so allein gelassen», sagt eine Patientin.

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Die grosse Frau macht einen gesunden und sportlichen Eindruck. Doch Susann Schmid* ist krank. Sie gehört zu den über 5000 Frauen, die jährlich in der Schweiz an Brustkrebs erkranken. Im Januar wurde der Befund festgestellt und Ende Februar wurde die 44-Jährige operiert. Doch davor führte sie ein Gespräch mit Tonja Habersaat. Die gelernte Pflegefachfrau ist eine von drei Brustkrebsberaterinnen, die seit Januar dieses Jahres im Lindenhofspital neu Patientinnen in allen Fragen rund um die Krankheit zu Seite stehen. Ihr gegenüber konnte Schmid alles ansprechen, was ihr auf dem Herzen lag.

Das Konzept für diese speziell ausgebildeten Profis stammt aus England. Dort fand man zu Recht, dass eine Lücke gefüllt werden müsste. Der Arzt informiert in der Regel nur auf einem rein medizinischen Niveau, während es dem Pflegepersonal meist an Zeit und Ausbildung für längere Gespräche zum Thema fehlt. Wohin also sollten sich Betroffene mit all ihren Fragen und Ängsten wenden? In Grossbritannien helfen bereits seit den 80er-Jahren «breast cancer nurses» Patientinnen bei der Bewältigung alltäglicher Probleme, die sich durch den Krebs ergeben. In Deutschland kann man sich seit 2006 zur Brustkrebsberaterin ausbilden lassen, und in der Schweiz fand 2007 an der Lindenhof-Schule der erste Kurs statt. Dort bildete sich Habersaat zusammen mit 16 anderen Teilnehmerinnen ein Jahr lang unter anderem in Onkologie und Strahlentherapie, OP-Techniken, Prothesenberatung und Gesprächsführung weiter. «Seit Januar führten wir mit Patientinnen rund 60 Erstgespräche. Lediglich neun haben bisher abgelehnt», sagt sie. Es seien vor allem Frauen, die glauben, dass in dieser Situation nicht mehr viel helfe. «Wer nicht möchte, den lassen wir natürlich in Ruhe», so Habersaat. Da sich Ängste und Fragen aber nicht immer an festgelegte Gesprächszeiten halten, können Patientinnen auch unter der Woche zwischen 10 und 18 Uhr die Beraterinnen erreichen.

Von Frau zu Frau

Susann Schmid haben die zwei Gespräche mit Habersaat viel gebracht. Sie konnte Dinge ansprechen, die ihr keine Freundin oder Verwandte hätte beantworten können – es sei denn, sie hätte Ähnliches durchgemacht. Schmid wurde zwar brusterhaltend operiert, aber verlor ihre Haare. Bis zuletzt hatte die dreifache Mutter gehofft, sie behalten zu können. «Während der OP stellte sich heraus, dass ich eine stärkere Chemotherapie benötigen würde.» Habersaat besprach mit ihr mögliche Optionen wie Kopftuch oder Haarersatz und gab ihr die Adresse eines erfahrenen Perückenmachers weiter. Hätte Schmid ihn auf eigene Faust ausfindig machen müssen, wäre viel Zeit vergangen. Heute trägt sie eine blonde Perücke. Sie sagt: «Durch diesen Service fühlt man sich nicht so allein gelassen.» Ausserdem schätzt sie, dass das Gespräch über alle Facetten der Krankheit von Frau zu Frau erfolge.

Emotionale Unterstützung

«Bei anderen Patientinnen müssen wir viel mehr emotionale Unterstützung leisten. Zum Teil verweisen wir sie auch an Psychologen weiter. Frau Schmid ist da schon sehr selbstständig», erzählt Habersaat. Tatsächlich wirkt Susann Schmid wie jemand, den so schnell nichts umwirft, doch die Diagnose habe auch ihr den Boden unter den Füssen weggezogen. «Ich habe den Tumor selbst ertastet, aber bis zuletzt gehofft, dass ich mich geirrt habe», erzählt sie.

In diesem Fall, aber auch sonst geht es Habersaat neben der Weitergabe von hilfreichen Informationen vor allem darum, Ängste abzubauen. Die meisten Fragen drehen sich um Brust- und Haarverlust und das danach. Aber auch, was wäre, wenn der Krebs irgendwann doch wieder zurückkommt? «Brustkrebs ist zwar mittlerweile zur chronischen Erkrankung geworden, mit der man sehr lange leben kann. Aber es bleibt immer ein Unsicherheitsfaktor zurück, da er sogar nach 20 Jahren wieder metastasieren kann», weiss Habersaat, die selbst mit Tod durch Krebs in der eigenen Familie konfrontiert wurde. Aber auch die Frage, wie es in der Partnerschaft nach einer solchen Diagnose und entsprechenden Eingriffen weitergeht, treibe die Frauen um. «Vielen kreist der Gedanke im Kopf : ‹Wenn es mir schon schwer fällt, mich selbst anzusehen, wie kann es dann mein Partner ertragen?›», sagt Tonja Habersaat. Diese Furcht würden die meisten aber nicht offen ansprechen. Sie reagiert darauf mit offenen Fragen. Ob die Patientin denn schon mit ihrem Mann darüber geredet habe? Und ob sie ihn nicht zum nächsten Gespräch mitbringen wolle, falls es ihr schwer falle, das Thema anzuschneiden.

Habersaat, die im Hauptjob Abteilungsleiterin des Ambulatoriums, einer Schnittstelle zwischen Praxis und Krankenhaus, ist, empfindet die neue zusätzliche Aufgabe zuweilen als anstrengend, aber auch als höchst bereichernd: «Nach der ganzen Gerätemedizin ist das wieder ein Bereich, in dem das Zwischenmenschliche eine ganz grosse Rolle spielt.»

* Name geändert (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.09.2008, 16:54 Uhr

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