Gibt es Sexsucht überhaupt?

Nein, sagt eine Studie, in der erstmals die Hirne von angeblichen Sexsüchtigen untersucht worden sind.

Ging er denn nun fremd, oder wurde er Opfer seiner Sexsucht? Golfstar Tiger Woods im Juni 2013.

Ging er denn nun fremd, oder wurde er Opfer seiner Sexsucht? Golfstar Tiger Woods im Juni 2013. Bild: Keystone

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Es ist zwar nicht gerade erstrebenswert, an einer Sucht zu leiden. Aber sie hat den immensen Vorteil, dass sie entschuldigt. Man kann halt nichts dafür. Man ist ihr hilflos ausgeliefert. Süchtigen wird deshalb ein gewisses Verständnis entgegengebracht. Und so argumentierten des Fremdgehens überführte prominente Männer wie etwa Tiger Woods gerne damit, sie seien keinesfalls banale Lügner und Betrüger, sondern sie könnten halt nicht anders, weil eben sexsüchtig. Michael Douglas bekannte sich ungefragt dazu, Kanye West auch, und in der Berichterstattung schwang neben Skepsis oft auch unterschwellige Bewunderung mit: Sexsucht, das klang nach ungeheurer Virilität, nach Unmengen von Testosteron, nach einer geballten Ladung Männlichkeit jedenfalls, die sozusagen zu platzen droht, wenn da nicht mittels häufig wechselnder Gespielinnen Abhilfe geschaffen wird.

Zweifel an der Diagnose gab es immer wieder; selbst Fachleute erklärten mitunter, Sexsucht sei bloss die Ausrede von Menschen, die sich nicht mit den Gründen für ihren promisken Lebenswandel auseinandersetzen wollten, zum Beispiel nicht bereit seien, sich einzugestehen, dass sie ein übertriebenes ­Bedürfnis nach Bestätigung hätten. Und in der dritten Ausgabe der psychiatrischen Bibel, dem soeben neu aufgelegten «Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders», kurz DSM-5, taucht die Sexsucht nicht auf. Erstaunlicherweise beruhten die Belege für die angebliche Sexsucht ausschliesslich auf Umfragen bei angeblich Betroffenen.

Jetzt hat sich ein Forscherteam der Universität Los Angeles erstmals wissenschaftlich der Sache angenähert: indem man die Hirnreaktionen Betroffener analysierte, wenn man ihnen einschlägige Bilder zeigte. Zur grossen Verblüffung der Psychiater passierte rein gar nichts – was den gängigen Mustern widersprach, die man sonst von Alkohol- oder Drogenabhängigen kennt, wenn sie Fotos von Wein oder Kokain ­sehen. Von Sucht, schrieben die Autoren deshalb im «Journal of Neuroscience and Psychology» letzte Woche, also von einer Krankheit, könne wohl nicht ­gesprochen werden; es sei zwar zu früh für ein abschliessendes Ergebnis, aber es handle sich vermutlich eher um eine Unfähigkeit, gewisse Impulse kontrollieren zu können. Und das klingt nun wesentlich weniger eindrucksvoll als «sexsüchtig».

Erstellt: 25.07.2013, 17:39 Uhr

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