HIV-Positive verzichten häufiger aufs Kondom

Der Kondom-Gebrauch von HIV-Positiven in der Schweiz sinkt, wie eine neue Studie belegt. Grund für diesen Trend ist offenbar eine brisante Äusserung der Kommission für Aidsfragen.

Kondom-Gebrauch von HIV-Positiven...

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Quelle: sda


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Anfang 2008 hatte die Eidg. Kommission für Aidsfragen (EKAF) festgehalten, dass Sex ohne Kondom für konsequent therapierte HIV-Infizierte möglich sei. Seitdem benutzen HIV-Positive in der Schweiz tatsächlich seltener ein Kondom, wie eine Studie zeigt.

Die Empfehlung der EKAF beruht auf der Feststellung, dass bei vielen behandelten HIV-positiven Menschen über längere Zeit keine Viren mehr im Blut zu finden sind. Für diese Patienten sei Sex ohne Kondom in der Partnerschaft denkbar, wenn sie ihre Therapie fortsetzten und regelmässig überprüften, urteilte die Kommission.

Die Empfehlung stiess zum Teil auf heftige Kritik. So befürchtete die EU-Kommission, damit werde die Botschaft verbreitet, dass Aids eine weniger schlimme Krankheit geworden sei. Das könne die Bedeutung von «safe sex» für die HIV-Prävention unterlaufen. Das heisst: Eine zu lasche Vorsorge könnte die HIV-Zahlen wieder in die Höhe treiben.

Preisgekrönte Studie

Unter der Leitung von Barbara Hasse vom Universitätsspital Zürich haben Schweizer Forscher nun die Folgen der Empfehlung der EKAF untersucht. Beteiligt waren Ärzte und Wissenschaftler von diversen Spitälern, die in der so genannten Schweizer HIV-Kohortenstudie Menschen mit HIV über Jahre hinweg betreuen und untersuchen.

Hasse erhält für die im Fachmagazin «Clinical Infectious Diseases» erschienene Studie am Donnerstag in Interlaken den mit 15'000 Franken dotierten «Janssen Virology Award 2011», wie die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie mitteilte.

Für die Untersuchung befragten die Wissenschaftler 7309 Menschen mit HIV von April 2007 bis März 2009 halbjährlich zu ihrem Sexualverhalten. Insgesamt gaben 80 Prozent der Befragten an, sexuelle Kontakte mit einem festen Partner zu haben, 30 Prozent hatten Gelegenheitssex und 10 Prozent beides.

Unterschiedliche Schutzraten

Beim Kondom-Gebrauch gab es grosse Unterschiede: In festen Partnerschaften hatten die Befragten in 80 Prozent aller Fälle geschützten Sex, mit Gelegenheitspartnern zu 88 Prozent. War der Sexpartner HIV-negativ, lag die Schutzrate bei 89 Prozent, beim Sex mit HIV-Positiven dagegen nur bei 48 Prozent.

Nach der Publikation der EKAF-Empfehlung im Januar 2008 stieg der Anteil ungeschützter sexueller Kontakte bei Befragten mit festen Partnern und bei Homosexuellen mit sporadischen Sexpartnern. Am ausgeprägtesten war der Effekt der Empfehlung bei HIV-Positiven mit festen Partnern, in deren Blut keine Viren mehr nachweisbar waren.

Keine Zunahme der HIV-Fälle

Das zeige, dass die Schweizer Bevölkerung solche komplexe Empfehlungen übernehmen und akzeptieren könne, schreiben Hasse und ihre Kollegen in der Studie. Die Änderung der Richtlinien habe im Übrigen nicht zu einer Zunahme der beobachteten HIV-Fälle in der Schweiz geführt.

Allerdings räumen die Forscher ein, dass sie mit ihrer Studie nicht abschliessend nachweisen können, dass die Empfehlung der EKAF zu einer echten Verhaltensänderung geführt hat. Möglich wäre auch, dass die Studienteilnehmer öfter zugaben, ungeschützten Sex gehabt zu haben, weil der Verzicht auf Kondome seit der Empfehlung nicht mehr so verpönt ist. (miw/sda)

Erstellt: 23.08.2011, 16:51 Uhr

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