«Heute würde ich mich impfen lassen»

Neu gilt praktisch die ganze Schweiz als Zecken-Risikogebiet. Dass mit den Blutsaugern nicht zu spassen ist, zeigt die Geschichte von Beat Röthlisberger.

Leidet bis heute an den Folgen eines Zeckenstichs: Beat Röthlisberger in seinem Garten. Foto: Raisa Durandi

Leidet bis heute an den Folgen eines Zeckenstichs: Beat Röthlisberger in seinem Garten. Foto: Raisa Durandi

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«Hier muss es passiert sein.» Beat Röthlisberger deutet auf eine kahle Hecke. Der heute 64-jährige Mann steht in seinem Garten im thurgauischen Tobel-Affeltrangen. «Damals war hier bereits alles grün, und ich war damit beschäftigt, unsere Hecke zu schneiden.»

Damals, das war am Samstag, 1. Juni 2002. Ein Tag, den Beat Röthlisberger nie mehr vergisst. Nach der Gartenarbeit und dem Duschen entdeckte seine Frau Margrit am Abend eine Zecke an der Schulter ihres Mannes. Sie, die in einem Heim auf der Pflege arbeitet, entfernte den Schmarotzer sofort fachgerecht mit einer Zeckenzange. Da die Einstichstelle tags darauf ein bisschen rötlich gefärbt war, riefen die Röthlisbergers am Montag sicherheitshalber ihren Hausarzt an. Der mass dem Vorfall vorerst aber keine besondere Bedeutung bei, zumal Beat Röthlisberger auch keine Beschwerden verspürte.

Kopfschmerzen, Lähmungen

Nach drei Tagen änderte sich das allerdings. Da stellten sich leichte Grippesymptome ein: Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen – etwas völlig Neues für den Mann, der bis dahin nie richtig krank gewesen war. Bald legten sich die Symptome aber wieder. Eine Woche war Beat ­Röthlisberger dann wieder fast beschwerdefrei. Eine kurze Verschnaufpause nur. Zwei Wochen nach dem unliebsamen Zeckenkontakt ging es erst richtig los: extreme Kopfschmerzen, zunehmende Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen. «Ich konnte nicht einmal mehr sprechen und lag nur noch herum», erinnert sich Beat Röthlisberger. Da es wieder Wochenende war und sein Hausarzt keine Sprechstunde hatte, riet dieser den ­Röthlisbergers, das Kantons­spital Frauenfeld aufzusuchen.

Ehefrau Margrit hatte eine andere Idee: Eine ihrer Arbeitskolleginnen im Altersheim musste sich ebenfalls einmal wegen eines Zeckenstichs behandeln lassen – und die empfahl ihr nun, direkt zum bekannten Zeckenspezialisten und Internisten Norbert Satz in Zürich zu gehen. Schon am nächsten Tag hatten die Röthlisbergers einen Termin. Nach verschiedenen neurologischen Tests und einer Rückenmarkspunktion mit Untersuchung des Hirnwassers (Liquor) stand die Diagnose fest: Hirnhautentzündung, in der Fachsprache Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) genannt.

Folge des Klimawandels?

Das ist die gefürchtetste Krankheit, die von Zecken übertragen wird. «Wenn die ersten Symptome auftreten, ist es schon zu spät», erklärt Hansjakob Furrer, Chefarzt Infektiologie am Berner Inselspital. «Es gibt keine Behandlung gegen den Erreger. Man kann nur hoffen, dass der Krankheitsverlauf gutartig ist, und versuchen, die Beschwerden zu lindern.» Im besten Fall gehen diese wieder zurück, im schlechtesten Fall können sie sogar zum Tod führen. Umso wichtiger ist Prävention, insbesondere die Impfung. Aber auch eine schützende Kleidung ist hilfreich.

Zwar tragen hierzulande nur etwa ein bis zwei Prozent der ­Zecken das gefährliche FSME-­Virus in sich. Dennoch registrierte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) letztes Jahr rund 380 Fälle von zeckenbedingter Hirnhautentzündung – ein neuer Rekordwert. 2016 waren es erst halb so viele gewesen und im Jahr 2012 gerade einmal ein Viertel. Die Ursachen dieser Zunahme seien «wahrscheinlich vielfältig», heisst es beim BAG. «Sie umfassen sowohl günstige klimatische Bedingungen für die Zecken als auch das Wetter, das die Menschen vermehrt ins Freie lockt», sagt Sprecher Daniel Dauwalder.

Fast in der ganzen Schweiz wird die Zeckenimpfung empfohlen: Die Gefahrenkarte des Bundes.

Wegen des markanten Anstiegs von Hirnhautentzündungsfällen hat das BAG auf dieses Jahr hin die FSME-Risikogebiete auf nahezu die ganze Schweiz ausgeweitet (ausgenommen sind nur die Kantone Tessin und Genf). Das heisst auch, dass die Impfung neu praktisch allen in der Schweiz lebenden Menschen empfohlen und von den Krankenkassen bezahlt wird. Angesichts dieser Entwicklung gibt es doch auch eine gute Nachricht: In den meisten Fällen ­verläuft eine FSME-Infektion relativ ­milde. Das heisst ähnlich wie eine Grippe, und die Symptome bilden sich wieder vollständig zurück.

Bei Beat Röthlisberger war das leider nicht der Fall. Er gehört zu den rund zehn Prozent, die mit einem schwereren Verlauf rechnen müssen. Nach der Diagnose lag er erst einmal flach. Nur dank Ehefrau Margrit, die sich in medizinischen Dingen auskennt, konnte er zu Hause bleiben. Sie pflegte ihren Mann wochenlang in einem abgedunkelten Raum, verabreichte ihm Schmerzmittel und meldete seinen Zustand täglich an Zeckenarzt Norbert Satz. Neben den ständigen Kopfschmerzen war Beat Röthlisberger auch extrem licht- und lärmempfindlich. «Eine schlimme Zeit», sagt er rückblickend.

Berufsunfähig mit 54

Erst nach drei Monaten ging es ihm etwas besser. Und nach rund einem Jahr versuchte er, an seine Arbeitsstelle zurückzukehren – zuerst nur halbtags. Als Werkstattleiter einer grossen Autogarage nicht einfach. Immer wieder lässt ihn sein Gedächtnis im Stich: Einmal vergisst er, ein Auto abholen zu lassen, ein andermal einen Reparaturauftrag zu erfassen. «Ich konnte mich nur noch schlecht konzentrieren, war ständig müde.»

Einige Jahre kämpfte sich Beat Röthlisberger, unterstützt von seinen Arbeitskollegen und seiner Familie, so noch über die Runden. 2009 musste er seinen Beruf dann aufgeben – mit gerade einmal 54 Jahren. Seither unterstützt ihn die Invalidenversicherung mit einer Rente.

Neben der Hirnhautentzündung gibt es noch eine zweite, in aller Regel aber weniger gefährliche Zeckenkrankheit: die Lyme-Borreliose. Im Gegensatz zur FSME wird sie nicht von einem Virus übertragen, sondern von Bakterien. Diese Borrelien finden sich in bis zu 50 Prozent der hiesigen Zecken, also viel häufiger als das FSME-Virus. Entsprechend sind auch mehr Menschen von Borreliose betroffen: Für letztes Jahr gibt das Bundesamt für Gesundheit rund 16'000 Fälle an. Im Unterschied zur Hirnhautentzündung lässt sich Borreliose aber immerhin mit Antibiotika behandeln – die Zeckenimpfung dagegen schützt nicht vor dieser bakteriellen Krankheit.

Für Hirnhautentzündungs­opfer Beat Röthlisberger ist ­deshalb klar: «Wenn man schon die Möglichkeit hat, sich impfen zu lassen, würde ich es natürlich heute tun – vor 17 Jahren aber war das noch gar kein grosses Thema.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.04.2019, 07:24 Uhr

Mit einer Zange kann die Zecke besser entfernt werden. Foto: iStock

So schützen Sie sich vor Zecken

Die bei uns häufigste Zeckenart ist der Holzbock. Er ist vor allem zwischen April und Oktober aktiv und hält sich bevorzugt im Unterholz, an Wald- und Wegrändern auf. Zecken übertragen zwei Krankheiten: Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), im Volksmund «Hirnhautentzündung» genannt. Genau genommen handelt es sich aber um eine Gehirnentzündung, deshalb auch der manchmal schwere Verlauf. So kann man das Infektionsrisiko reduzieren:

Kleidung: Geschlossene Kleider von heller Farbe tragen (so können Zecken entdeckt und entfernt werden).

Hochrisikozonen: Im Wald, in Gärten und an Wegrändern: Gestrüpp und Unterholz meiden.

Selbstcheck: Nach Aufenthalt im Wald oder Garten den Körper nach Zecken absuchen, ihn mit einem Frottiertuch abrubbeln.

Falls eine Zecke gefunden wird: Möglichst schnell entfernen mit einer Pinzette, Zeckenzange, Zeckenkarte oder notfalls der Hand. Danach desinfizieren. Treten in den folgenden Tagen eine grösser werdende Rötung auf oder grippeähnliche Symptome – einen Arzt aufsuchen.

Gut zu wissen: Kleine Zecken (Nymphen) sind besonders gefährlich, weil ihre Speicheldrüse rund zehnmal mehr FSME-Viren und Borrelien abgibt als die aus­gewachsener Zecken.

Impfen: Die Basisimpfung umfasst drei Dosen in unterschiedlichen Zeitabständen. Die ideale Impfzeit ist der Winter, damit der volle Schutz im Frühling besteht. Doch Experten wie Zeckenarzt Norbert Satz sagen, es sei nie zu spät, sich impfen zu lassen. Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt die Impfung neu allen in der Schweiz lebenden Menschen ab sechs Jahren. Nach aktueller Studien­lage sind unerwünschte Neben­wirkungen sehr selten. Die Kosten von rund 200 Franken übernimmt die Krankenkasse. (sae)

Weitere Infos: www.zeckenliga.ch

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