Hier geht es um die ganz grossen Fragen

Eine neue Gen-Methode revolutioniert die Biomedizin und macht vielen Kranken Hoffnung. Doch es gibt auch Ängste, die es ernst zu nehmen gilt.

Tiefgekühlte Blutstammzellen: Die Fortschritte in der Biomedizin sind rasant. Foto: Stephan Elleringmann (Laif)

Tiefgekühlte Blutstammzellen: Die Fortschritte in der Biomedizin sind rasant. Foto: Stephan Elleringmann (Laif)

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Gerade mal drei Monate lagen zwischen zwei Ereignissen im Jahr 1999, die nur lose verbunden scheinen. Doch beide erschütterten die Biomedizin. Am 17. Juli hielt der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk seine Elmauer Rede. Er beschwor ein Zeitalter herauf, in dem der Mensch nicht mehr durch Bildung und Erziehung, sondern durch genetische Manipulation domestiziert werde. Und am 17. September starb der 18-jährige Amerikaner Jesse Gelsinger bei einer Gentherapie, die ihn von einer unheilbaren Krankheit hätte kurieren sollen – der junge Mann erlag den Folgen einer Überreaktion seines eigenen Abwehrsystems.

Der Schock sass tief: Der Tod Gelsingers stürzte die Gentherapie-Forschung in eine jahrelange Krise. Der Ansatz, eine Krankheit an ihrer Wurzel, nämlich dem schädlichen Erbgut, zu packen, war an der unendlichen Komplexität des Körpers gescheitert. Der Rückschlag entlarvte gleichzeitig die Utopien des Philosophen als unrealistisch und überzogen. Es war eben doch nicht alles machbar.

Heute ist alles anderes, und Peter Sloterdijks Rede könnte wieder ihre ursprüngliche Sprengkraft erhalten. Der Grund: Erstmals starten Forscher in China einen Gentherapieversuch an Menschen, bei dem sie das neue Genskalpell Crispr/Cas-9 einsetzen. Die Forscher entnehmen den Patienten, die an einer speziellen Form von Lungenkrebs leiden, Abwehrzellen aus dem Blut. Dann korrigieren sie deren Erbgut mit dem neuen «Zauberschwert der Gentechnik» im Reagenzglas und machen die Zellen so «scharf».

Ermutigende Resultate

Das ist erst der Anfang: Weltweit sind zahlreiche weitere Versuche in der Pipeline. Auch in der Schweiz gibt es entsprechende Projekte. Genetisch bedingte Blut- und Stoffwechselkrankheiten, Sichelzellanämie, Beta-Thalassämie und HIV sind aussichtsreiche Ziele. Die Gentherapie erfährt gerade einen neuen Aufschwung. Dabei werden seit einigen Jahren verschiedene ausgeklügelte Ansätze verfolgt – mit ermutigenden Resultaten.

Die neue Wunderwaffe Crispr/Cas-9 hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Sie ist einfach und präzise. In jedem durchschnittlich ausgerüsteten Labor der Welt können Forscher damit das Erbgut so zielgerichtet verändern wie noch nie. Erstmals entdeckt wurde die Genschere in Bakterien, wo sie als Waffe gegen Viren funktioniert und deren Erbgut erkennt und zerstört. Forscher haben dieses molekulare Werkzeug so optimiert, dass es heute in Pflanzen, Tieren und Menschen benutzt werden kann. Bereits gilt die Entdeckung als hoch nobelpreiswürdig.

Präzision bedeutet auch Sicherheit

Die Aussichten sind vielversprechend – gerade für die Gentherapie. Denn Präzision bedeutet auch Sicherheit, weniger Nebenwirkungen, bessere und schnellere Heilung. Das ist die gute Nachricht. Es ist richtig, dass die Methode jetzt in konventionellen Gentherapieversuchen getestet wird und dabei alle Fragen der Sicherheit berücksichtigt werden.

Doch bei aller Euphorie dürfen die Gefahren nicht ausser Acht gelassen werden – überbordende Erwartungen und Ängste in der Öffentlichkeit sind nicht die geringsten davon. Weil das neue Werkzeug so einfach und sicher ist, geraten schon jetzt weit heiklere Projekte ins Blickfeld: die Manipulation von Embryonen oder therapeutische Eingriffe in die Keimbahn. Dabei werden Keimzellen (Spermien oder Eizellen) genetisch verändert, sodass diese Änderungen auch an die Nachkommen weitergegeben werden. Der Schritt zum Designerbaby wäre nicht mehr gross. Und damit die erbliche Optimierung von Intelligenz, Aussehen oder geistiger Leistungsfähigkeit.

Ethik der Empörung

Noch sind solche Eingriffe in vielen Ländern, darunter auch der Schweiz, verboten. Doch Versuche mit (zwar noch lebensunfähigen) Embryonen wurden in China bereits vor einem Jahr gemacht und sind in Grossbritannien angekündigt. Diese umstrittenen Versuche kommen zu früh, angesichts der ungelösten ethischen Probleme, die damit verbunden sind.

Forscher und Wissenschaftler drängen zwar selber darauf, dass diese Fragen auch in der Gesellschaft diskutiert werden. Doch wenn von Designerbabys und Klonen die Rede ist, geht es nicht mehr nur um blosse Wissenschaft. Ängste, Wahrnehmungen, auch Misstrauen gegenüber den Machern im Labor werden die Diskussion beherrschen. Dessen müssen sich die Forscher bewusst sein. Sonst droht die Gefahr, dass eine Ethik der Empörung den hoffnungsvollen Aufbruch der Gentherapie stoppt, bevor deren Segnungen bei den Patienten angekommen sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2016, 21:20 Uhr

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