Hochschule für Hunde

Die Hunde-Uni Bern wurde gegründet, um das Verhalten der Vierbeiner zu studieren. Zum Beispiel jenes einer Hündin, die jahrelang gequält wurde.

Kopfhörer helfen Hunden, Aussenlärm zu dämpfen – etwa von Feuerwerk. Foto: Raffael Waldner

Kopfhörer helfen Hunden, Aussenlärm zu dämpfen – etwa von Feuerwerk. Foto: Raffael Waldner

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Dasty wird in der Berner Kleintierklinik der Puls gefühlt. Wohl ist es der siebenjährigen Hündin dabei nicht. Sie blinzelt und gähnt oft, sie hechelt, wendet den Blick ab, richtet ihre Ohren nach hinten. «Selbst viele Hundehalter wissen nicht, dass dies Stresszeichen sein können», sagt Verhaltensbiologin Stefanie Riemer. Hundeverhalten zu studieren, sei in der Schweiz bisher an keiner Universität verankert. Mit Kolleginnen hat Riemer darum 2016 die Hunde-Uni Bern gegründet. Sie gehört zur ­Abteilung für Tierschutz der Berner Vetsuisse-Fakultät.

Hündin Dasty wird darauf getestet, welches Futter sie als Belohnung bevorzugt. Sie steht in Startposition zwischen den Beinen ihrer Besitzerin. Foto: Raffael Waldner

Heute besucht Dasty die Uni, genauer gesagt das Tierarzttraining. Dieses ist Teil einer Studie. Der erste Besuch dient der «Bestandesaufnahme»: Wie verhält sich der Hund? Kann er von der Tierärztin ein Leckerli annehmen, oder ist er zu gestresst dafür? Wie geht es ihm beim Pulsmessen? «Jetzt zeigt die Hündin das, was umgangssprachlich Stressgrinsen heisst: Ihre Lefzen sind weit nach hinten gezogen, das Maul ist offen, und sie hechelt», sagt Riemer, die alles mit einer kleinen Videokamera filmt.

Projektleiterin Stefanie Riemer hält Dastys Verhalten auf Video fest. Foto: Raffael Waldner

Die Erleichterung ist Dasty anzusehen, als sie nach der Untersuchung dem Ausgang zustrebt, an der Leine von Besitzerin Isabelle Rolli-Gassmann. Nach fünf Minuten Pause folgt «Happy ­Visit». Auf dem Boden des Untersuchungsraums verteilt stehen Eiswürfelformen. Sie sind mit Futter bestückt, das Dasty im Nu schmatzend verzehrt. «Sich das Futter selbst zu erarbeiten, kann Hunden mehr Sicherheit geben, als einfach Leckerli zu erhalten», sagt Riemer.

«Anfangs hatte sie Angst vor Männern, Leinen und Beinen.» Isabelle Rolli-Gassmann, Hundebesitzerin

Als Dasty alles weggeschleckt hat, bietet ihr die Studientierärztin Futter aus einer Lecktube an. Dabei sitzt sie schräg zur Hündin, weil diese Position weniger konfrontativ ist als frontal. Dasty leckt die Tube sofort, läuft aber nochmals zu ihrer Besitzerin, als wolle sie sich vergewissern. Dann saust sie ­erneut zur Lecktube. Dreimal verlassen die Hundebesitzerin und Dasty den Raum, um gleich darauf wiederzu­kommen. Jedes Mal läuft die Hündin zielstrebiger zur Tierärztin. Die Idee: Sie soll den Besuch mit etwas Angenehmem verbinden.

Isabelle Rolli-Gassmann und ihre Hündin auf dem Weg ins Untersuchungszimmer. Foto: Raffael Waldner

Eine Woche später traben Hündin und Besitzerin erneut an. Tatsächlich wirkt Dasty nun entspannt – bis ihr Puls gemessen werden soll. Dabei drückt sie sich an Isabelle Rolli, zittert leicht – und entzieht sich der Kontrolle, indem sie weggeht. Als die Tierärztin aufhört, schüttelt sich Dasty – Stress abschütteln nennen es Fachleute – und nimmt noch einen Schleck aus der Lecktube.

Bei «Happy Visit» darf Dasty Futter aus Eiswürfelformen schlecken. Foto: Raffael Waldner

«Dasty ist nicht die Einfachste», sagt Rolli. Drei Jahre lang lebte die Hündin angekettet in Tschechien. Rolli adoptierte sie. «Anfangs hatte sie Angst vor Männern, Leinen und Beinen.» Mit viel Training fasste der Hund Zutrauen. Dann, 2015, ein Unfall. Dasty lief vor ein Auto und wurde schwer verletzt. Seither machen ihr Tierärzte Angst.

Eigentlich wäre Dasty für heute fertig mit der Hunde-Uni. Für den Fotografen zeigt sie aber, was sie hier auch noch macht: den «Belohnungspräferenztest». Je nachdem, ob sie sich für die linke oder die rechte Futterausgabe an einem Holzkasten entscheidet, bekommt sie immer dieselbe Belohnung oder unterschiedliche. «Wie Hunde am liebsten belohnt werden, ist zum Beispiel für ein effektives Training relevant», erklärt Verhaltensbiologin Riemer.

Beim Belohnungspräferenztest wählt sie meist die Hundewurst. Foto: Raffael Waldner

Dasty wählt rechts – Hundewurst. Noch mal rechts. Wieder rechts. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt dem Loch, aus dem das Futter purzelt. «Etwa die Hälfte der Hunde bevorzugt immer dasselbe Futter als Belohnung, die andere Hälfte möchte Abwechslung», fasst Riemer ihre Beobachtungen zusammen. Nachdem sich Dasty rund 40-mal für «Wurst» und 3-mal für «Variation» entschieden hat, lässt ihr Eifer nach. Müde und zufrieden wirkt die Hündin, als sie am Ende des Tages heimgeht.

www.hundeunibern.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2017, 17:49 Uhr

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