«Ich rate allen, sich impfen zu lassen»

Ein Zeckenbiss kann fatal sein: Immer wieder erkranken Menschen an einer Hirn- und Hirnhautentzündung. Eine Betroffene erzählt.

Gefährliche Zeckenstiche: Mögliche Symptome für eine Hirnhautentzündung sind starke Kopfschmerzen, Nackensteife, Lichtempfindlichkeit, Übelkeit und Verwirrtheit. Foto: iStockphoto

Gefährliche Zeckenstiche: Mögliche Symptome für eine Hirnhautentzündung sind starke Kopfschmerzen, Nackensteife, Lichtempfindlichkeit, Übelkeit und Verwirrtheit. Foto: iStockphoto

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Als sich Anna Hauser (Name geändert) nach einem Waldspaziergang unter die Dusche stellte, entdeckte sie einen schwarzen Punkt auf ihrem Bauch. Eine Zecke, wie sich herausstellte. Die Sportartikelverkäuferin entfernte das blutsaugende Tier mit einer Pinzette und verschwendete keinen Gedanken mehr an den Vorfall. Rund eine Woche später fing ihr Kopf heftig an zu schmerzen, und sie bekam hohes Fieber. Sie suchte ihre Hausärztin auf. Diese sah den Zeckenstich, führte die Beschwerden aber auf eine Sommergrippe zurück. «Sie empfahl mir Bettruhe und schickte mich wieder nach Hause.» Diese Diagnose sollte sich als Irrtum erweisen.

Die Beschwerden verschwanden zwar nach einigen Tagen. Doch bald kamen sie mit voller Wucht zurück. «Mein Kopf und Nacken schmerzten unbeschreiblich. Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten», erinnert sich Anna Hauser, 21, an den anderthalb Jahre zurückliegenden Vorfall. Als das Fieber auf 41 Grad stieg und sie sich mehrmals übergeben musste, brachte ihre Mutter sie in die Notaufnahme des nächsten Spitals. Untersuchungen zeigten, dass sich die Hirnhäute sowie Teile ihres Gehirns entzündet hatten. Um die Ursache herauszufinden, entnahmen die Ärzte ihr Blut sowie Hirnwasser aus dem Rückenmark. Die Analyse ergab, dass sie an einer sogenannten Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) litt. Dabei handelt es sich um eine viral bedingte Hirn- und Hirnhautentzündung. Das FSME-Virus wird durch den Stich einer infizierten Zecke übertragen.

Zecken mögen Wärme

FSME-Erkrankungen werden in der Schweiz seit 1988 registriert. 2017 erreichten sie einen Höchststand. Es traten 273 Fälle auf, in den Jahren davor schwankte die Zahl zwischen 100 und 200. «Warum die FSME-Erkrankungen derart zugenommen haben, wissen wir nicht», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung für übertragbare Krankheiten des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Womöglich trage das Wetter seinen Teil dazu bei: «Ist der Sommer schön, halten sich mehr Menschen im Wald auf.» Und mildere Temperaturen im Herbst bedeuten, dass Zecken länger aktiv sind. Denn Zecken mögen es gerne warm, unter sieben Grad Celsius verfallen sie in eine Winterstarre.

Verlauf der FSME-Fälle seit 2007

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In der Schweiz kommen Zecken nahezu überall unter 1500 Höhenmetern vor. Meist sind sie aber nur in bestimmten Gebieten mit dem FSME-Virus befallen (siehe Hinweis am Schluss des Textes). Fachleute schätzen, dass in solchen Regionen 3 von 100 Zecken das Virus in sich tragen. Aber nicht jeder Mensch, der von einer infizierten Zecke gestochen wird, erkrankt ernsthaft. «In rund neunzig von hundert Fällen verläuft eine Infektion unbemerkt oder nur mit grippeähnlichen Symptomen», sagt die Infektiologin Katia Boggian vom Kantonsspital St. Gallen. «Danach sind die Menschen lebenslang immun gegen die Krankheit.»

Bei rund 10 von 100 infizierten Patienten kommt es jedoch, wie bei Anna Hauser, zu einer zweiten Krankheitsphase, in der sich Hirnhäute und manchmal auch Teile des Gehirns entzünden. Mögliche Symptome sind starke Kopfschmerzen, Nackensteife, Lichtempfindlichkeit, Übelkeit und Verwirrtheit. Bei schweren Verläufen sind auch Bewusstseinstrübung, Krampfanfälle, Sprechstörungen oder Lähmungen möglich. «Welche Beschwerden auftreten, hängt davon ab, welche Hirnareale entzündet sind», sagt der Neurologe Andreas Gantenbein von der Reha Clinic Bad Zurzach. «Das kann von Patient zu Patient unterschiedlich sein.» Rund einer von hundert FSME-Patienten mit schweren Symptomen stirbt an den Folgen der Infektion.

Als die Entzündung langsam abklang, nahm Anna Hauser wieder Gefühle wahr.

Seit 1979 gibt es in der Schweiz eine FSME-Impfung, die vor einer Erkrankung schützt (siehe Box S. 82). Sie wird Kindern ab sechs Jahren und allen Erwachsenen empfohlen, die in Risikogebieten leben oder sich zeitweise dort aufhalten. Wer sich nicht impfen lässt und an FSME erkrankt, kann nur hoffen, dass die Krankheit mild verläuft. Denn eine Behandlung, die das FSME-Virus bekämpft, existiert nicht. «Alles, was den Ärzten übrig bleibt, ist, Symptome wie Fieber und Schmerzen zu lindern», sagt die Infektiologin Katia Boggian.

Anna Hauser bekam ein fiebersenkendes Mittel und Morphium gegen die Schmerzen. Die erste Woche im Spital verbrachte sie meist schlafend. «Trotz Medikamenten waren die Kopfschmerzen heftig. Auch essen konnte ich nichts, da ich mich regelmässig übergeben musste.» Trotz ihres miserablen Zustands fühlte sie nichts, keine Angst, keinen Ärger, keine Traurigkeit, «da war einfach nur eine grosse Leere».

Als die Entzündung langsam abklang, nahm sie wieder Gefühle wahr. «Es kam vor allem Wut auf», erinnert sie sich. «Ich war wütend auf alles und jeden. Ich erkannte mich selbst nicht wieder.» Körperlich ging es ihr immer noch schlecht. Sie hatte Mühe, Bewegungen zu koordinieren, zu sprechen und sich zu konzentrieren. «Nur schon ein kurzes Gespräch strengte mich an.» Ausserdem litt sie an Sehstörungen. «Beim Spazieren verschwamm mir alles vor den Augen, der Boden bewegte sich, und nach kurzer Zeit begannen die Bäume mitzulaufen.»

«Ziel der Neurorehabilitation ist es, verlorene Fähigkeiten wiederherzustellen»: Andreas Gantenbein, Neurologe.

Bei vielen FSME-Patienten verschwinden solche Symptome nach einigen Wochen wieder, wenn die Entzündung vollständig abgeklungen ist. Bei manchen bleiben jedoch Nervenschädigungen zurück, diese Patienten kämpfen auch noch Wochen oder Monate später mit Symptomen wie Koordinationsstörungen oder Lähmungen. Einige wenige müssen sogar mit bleibenden Folgeschäden leben. «Die Prognose hängt davon ab, wie gross das Ausmass der Schädigung ist und wie fit der Patient vor der Erkrankung war», sagt der Neurologe Andreas Gantenbein.

Nervenzellen neu verknüpfen

Anna Hauser war körperlich topfit, als die Zecke zustach. «Vielleicht wäre sonst alles noch schlimmer gekommen», sagt sie. Unser Gehirn hat die Fähigkeit, sich von entstandenen Schäden zu erholen. Unversehrt gebliebene Hirnareale können durch Bildung von neuen Netzwerken die Funktionen von zerstörten übernehmen. Experten bezeichnen dies als «Plastizität» des Gehirns. «Damit sich neue Verknüpfungen zwischen Nervenzellen bilden können, braucht es aber viel Training», erklärt Andreas Gantenbein. Deshalb kam Anna Hauser nach ihrem Spitalaufenthalt für fünf Wochen in eine Rehabilitationsklinik. «Ziel der sogenannten Neurorehabilitation ist es, verlorene Fähigkeiten wiederherzustellen», erklärt der Neurologe.

Mit einer Physiotherapeutin trainierte Anna Hauser Koordination, Balance und Kraft. Mit der Ergotherapeutin löste sie Konzentrations- und Gedächtnisaufgaben am Computer. In der Werkstatt bastelte sie ein Vogelhäuschen, um die Feinmotorik zu verbessern. Wieder zu Hause, ging sie noch monatelang in die Physio- und Ergotherapie. «Ich war anfangs noch schwach. Ein Spaziergang, bei dem ich einen Schirm hätte tragen sollen, war zu streng für mich.»

«Ab Frühling gilt die Empfehlung zum Impfen nicht mehr nur für Gebiete, sondern für Kantone»: Daniel Koch, Bundesamt für Gesundheit

Seit dem Zeckenstich sind anderthalb Jahre vergangen. Und noch immer leidet sie an den Folgen des Stichs. «Arbeite ich am Computer, bekomme ich schon nach kurzer Zeit Kopfschmerzen», sagt sie. «Ich verstehe das Gelesene nicht mehr und kann keinen klaren Gedanken fassen.» Auch ein Gespräch mit mehreren Menschen oder ein Einkauf in der Migros wird für Anna Hauser schnell unerträglich. In grossen Gebäuden verliert sie oft die Orientierung und findet den Ausgang nicht mehr. «In solchen Momenten komme ich mir vor wie eine Versagerin.» Von ihrem Umfeld fühlt sich die junge Frau oft nicht verstanden. «Da man mir äusserlich nichts ansieht, können sich die meisten nicht vorstellen, wie es mir ergeht, wenn ich zum Beispiel in einer Runde sitze und den Gesprächen nicht mehr folgen kann.»

Es gibt immer wieder Momente, in denen Anna Hauser mit ihrem Schicksal hadert. Zum Beispiel, wenn sie nach einem Restaurantbesuch fix und fertig ist, weil die vielen Reize sie überfordert haben. «Besonders ärgert mich, dass ich mein Schicksal in der Hand gehabt hätte. Ich hätte mich impfen lassen können», sagt sie. «Aber da die Krankheit selten ist, habe ich mir gedacht, mich wird es schon nicht treffen.» Die Entscheidung gegen das Impfen lässt sich nicht mehr rückgängig machen. «Aber ich kann anderen dazu raten, sich impfen zu lassen.»

Vereinfachte Impfempfehlungen

Wie viele Menschen in der Schweiz gegen FSME geimpft sind, ist nicht bekannt. Klar ist nur: «Es könnten mehr sein», sagt Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit. Eine Erhebung der Universität Zürich zeigt, dass die Impfrate im Jahr 2014 bei den 16-Jährigen 42 Prozent betrug. In der Nordostschweiz ist die Rate aufgrund der regionalen Impfempfehlung höher als in der restlichen Schweiz (immerhin 71 Prozent bei den 16-Jährigen). Da in der Schweiz die FSME-Fälle 2017 derart zugenommen haben, hat das Bundesamt für Gesundheit nun vor, die Impfempfehlungen zu vereinfachen. Bislang gilt sie nur für bestimmte Risikogebiete. «Ab dem Frühling gilt die Empfehlung nun kantonsweise, also zum Beispiel für den ganzen Kanton Zürich, St. Gallen oder Aargau», sagt Daniel Koch. «So ist es für die Bevölkerung einfacher zu wissen, ob eine Impfung nötig ist oder nicht.»

Ein langer Weg: Mit viel Training kann die Muskelkraft wieder aufgebaut werden, die durch die Krankheit verloren ging. Foto: iStockphoto

Anna Hauser hofft immer noch, ihr altes Leben zurückzubekommen. Ihre Ärzte sind sich jedoch nicht sicher, ob sie sich wieder ganz erholen wird. Kraft geben ihr die Familie und der tägliche Sport, den sie macht, Fitnesstraining und Joggen. «Durch die Krankheit habe ich viel Muskelkraft verloren. Die habe ich inzwischen wieder aufgebaut.»

Die Invalidenversicherung zahlt ihr ein Taggeld aus, da sie nur wenige Stunden am Tag arbeiten kann. «Das belastet mich. So hatte ich mir meine Zukunft nicht vorgestellt.» Eigentlich wollte die Sportartikelverkäuferin eine neue Ausbildung beginnen, «leider wurde ich eine Woche vor den Aufnahmeprüfungen ins Spital eingeliefert». Die Prüfung hat sie vor kurzem nachgeholt – und bestanden. Zweifel und Angst, ob sie das Studium packen wird, begleiten sie ständig. Trotzdem plant sie, im Herbst damit zu starten. «Ich gebe die Hoffnung nicht auf, wieder ganz gesund zu werden.

Karte mit Risikogebieten auf www.map.geo.admin.ch, «FSME-Impfempfehlung» eingeben.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 02.02.2018, 09:17 Uhr

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur FSME-Impfung

Wer soll sich impfen lassen?
Alle Menschen ab sechs Jahren, die in einem FSME-Risikogebiet leben oder sich
zeitweise dort aufhalten.

Schützt die Impfung auch vor anderen Zeckenerkrankungen?
Nein, nur gegen FSME. Zecken können auch Borreliose-Bakterien übertragen,
diese können Gelenksbeschwerden verursachen und im schlimmsten Fall die
Organe befallen. Typisch für eine Borreliose-Infektion ist eine ringförmige Rötung,
die sich in der Nähe des Stiches bildet. Borreliose kann, rechtzeitig erkannt, mit Antibiotika behandelt werden.

In welchen Abständen ist eine Impfung erforderlich?
Es braucht insgesamt drei Impfungen. Die zweite erfolgt ein bis drei Monate nach der ersten Teilimpfung. Die dritte je nach Hersteller nach fünf bis zwölf oder nach neun bis zwölf Monaten. Alle zehn Jahre braucht es eine Auffrischung.

Warum sollen Kinder erst ab sechs Jahren geimpft werden?
Die Empfehlung beruht auf dem Fakt, dass schwere FSME-Erkrankungen meist nur bei älteren Kindern und Erwachsenen auftreten. In besonderen Situationen (zum Beispiel, wenn das Kind in einen Waldkindergarten geht) kann der Arzt jedoch auch schon Kinder ab einem Jahr impfen.

Wie gut wirkt die Impfung, und was sind mögliche Nebenwirkungen?
Die Impfung bietet einen guten Schutz. Etwa ein Drittel der Menschen zeigt vorübergehende Lokalreaktionen wie Rötung, Schwellung oder Schmerzen an der Einstichstelle. Seltener kommt es zu Kopfweh, Muskel- und Gelenkschmerzen,
Erbrechen oder Fieber. Schwere neurologische Nebenwirkungen sind sehr selten (je nach Studie 1 auf 70'000 bis 1 auf 1'000'000 Dosen).

Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Impfung?
Am besten erfolgt die erste Impfung im Winter. Startet im Frühling die Zeckensaison,
ist der Patient mit zwei Dosen schon gut geschützt.

Was kann ich noch tun, um mich vor Zeckenkrankheiten zu schützen?
Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt folgende Regeln für den Waldbesuch:
Lange Hosen und geschlossene Schuhe tragen. Kleider, Schuhe und freiliegende
Haut mit einem Anti-Zecken-Spray besprühen. Berührungen mit hohem Gras und Gebüsch vermeiden. Nach dem Aufenthalt im Wald oder Unterholz möglichst schnell den Körper nach Zecken absuchen, bei Kindern Kopfhaut nicht vergessen. Falls eine Zecke gefunden wird, diese mit einer Pinzette oder mit einer Zeckenkarte herausziehen
und den Stich gut beobachten. Zeigen sich Kopf- und Gelenksbeschwerden, Hautrötungen oder grippeartige Symptome, ist ein Arzt aufzusuchen.

Mehr Informationen zu FSME und Impfung unter: www.bag.admin.ch/fsme-de

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