«Ich stiess in ein Wespennest»

Kinder und Jugendliche erhielten die Verdachtsdiagnose Asperger-Syndrom oder autistische Störung heute häufig zu Unrecht, sagt die Psychiaterin Alessia Schinardi – und provoziert damit ihre Kollegen.

Ist das normal? «Eltern beobachten die Entwicklung ihrer Kinder immer genauer», stellt die Winterthurer Psychiaterin Alessia Schinardi fest. Bild: Keystone

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Lange waren autistische Störungen wie das Asperger-Syndrom selbst Fachleuten kaum bekannt. Das hat sich geändert. In einem Fachartikel schrieben Sie unlängst, dass Sie sich in Ihrer Autismus-Sprechstunde wie eine «Kunstexpertin» fühlen, die nur Fälschungen einzuschätzen hat. Wie kommen Sie zu dieser Aussage?
Dieser Ausdruck ist sicher etwas plakativ, denn es geht ja im Grunde vielmehr darum, die «Richtigen» herauszufinden. Doch in den letzten paar Jahren haben die Anmeldungen für Autismus-Abklärungen spürbar zugenommen, die Anzahl Diagnosen ist dabei fast gleich geblieben. Offensichtlich ist heute die Schwelle tiefer, um uns ein Kind mit einem Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung zuzuweisen. In der Mehrzahl der Fälle kann diese Diagnose im Verlauf der Abklärung ausgeschlossen werden.

Seit wann beobachten Sie diese Zunahme?
Seit einigen Jahren. Die Bevölkerung und Fachpersonen scheinen zunehmend sensibilisiert und informiert, aber auch besorgt zu sein. Das erhöht natürlich die Nachfrage. Mir kommt es zurzeit fast so vor wie eine Mode. Noch vor fünf Jahren lag der Schwerpunkt des Interesses eher bei Kindern mit Verdacht auf das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADHS – dies scheint sich nun zu ändern.

Sollten die meisten Kinder also gar nicht zu Ihnen kommen?
Bei fast allen Kindern, die bei uns von Allgemein- oder Kinderärzten angemeldet werden, bestehen mehrere Probleme gleichzeitig. Insofern ist es absolut sinnvoll, dass sie abgeklärt werden.

Wie häufig sind denn falsche Autismus-Verdachtsdiagnosen bei Ihnen in der Sprechstunde?
Ich schätze, dass bei uns rund jedes dritte bis fünfte mit der Verdachtsdiagnose angemeldete Kind tatsächlich an einer autistischen Störung leidet. Bei den anderen können wir Eltern und involvierte Fachpersonen beruhigen.

Machen Ihre Kollegen ähnliche Erfahrungen?
Mit meinen Aussagen im «Swiss Medical Forum» stiess ich in ein Wespennest: Die einen hatten einen solchen Artikel schon lange ersehnt, die anderen fanden meine Sicht falsch. Tatsächlich sind die Erfahrungen unterschiedlich. In anderen Fachstellen leiden zwischen einem Fünftel und der Hälfte aller angemeldeten Kinder tatsächlich an einer autistischen Störung.

Wieso diese Unterschiede?
Das weiss ich nicht. Möglicherweise liegt der Grund darin, dass in Winterthur auch Kinder mit leichtem Verdacht relativ schnell einen Termin bekommen. An anderen Abklärungsstellen sind die Wartefristen zum Teil länger, möglicherweise wird auch anders selektioniert.

Werden denn die Symptome vor der Anmeldung nicht richtig erfasst?
Doch, meist stimmen die von Eltern und Lehrern beobachteten Hauptsymptome mit dem Lehrbuch überein. Diese muss jedoch eine Fachperson richtig interpretieren. Zum Beispiel hatte ich ein Kind mit Autismusverdacht, das aber eigentlich vor allem einen zu grossen Kopf hatte, eine sogenannte Makrozephalie. Der Knabe schaute den anderen Kindern nicht in die Augen, weil es für ihn zu anstrengend war, den Kopf immer oben zu halten. Zudem hatte er eine deutliche Entwicklungsverzögerung, nachdem er im ersten und dritten Lebensjahr wegen schwerer Lungenentzündungen länger im Spital gewesen war.

Bei welchen Symptomen kommt es auch zu falschen Einschätzungen?
Häufig ist dies bei der Sozialkompetenz des Kindes der Fall. Dort ist es wichtig, zwischen Autismus und einer normal erklärbaren Verzögerung der Entwicklung zu unterscheiden. Laien können hier die Feinheiten in der Regel nicht erkennen. Sie glauben schnell mal, dass ein Kind, welches zu wenig Sozialkompetenzen erworben hat, autistisch sein könnte. Einer meiner Patienten hat sich zum Beispiel entschieden, dass er in der Schule nicht spricht – im Gegensatz zu zu Hause, wo alle Italienisch reden. Er ist introvertiert, schaut nicht in die Augen und entzieht sich die ganze Zeit einer Kommunikation, macht sich unsichtbar. Er ist nicht autistisch, sondern braucht Zeit und zusätzliche Förderung, um seinen Rückstand aufzuholen.

Sind Sprachprobleme bei Migrantenkindern häufig im Spiel?
Das spielt häufig eine Rolle. Aber wir haben auch Schweizer Kinder. Bei denen sind die Eltern meistens aufmerksamer. Viele stellen die Verdachtsdiagnose selber und wenden sich an ihren Haus- oder Kinderarzt.

Was führt bei solchen Kindern zu autismusähnlichen Symptomen?
Manche Kinder lernen soziale Normen wie Hände schütteln oder Blickkontakt nicht kennen, weil sie abgelegen wohnen und keine Gleichaltrigen in ihrer Nähe haben. Oder dann gibt es die Hochbegabten, die manchmal unter den Gleichaltrigen kaum Gesprächspartner finden. Bei diesen Kindern spielt dann noch rein, dass manche Eltern und Lehrer das Asperger-Syndrom fälschlicherweise mit Hochbegabung gleichsetzen. Das ist ein Mythos. Kinder mit ADHS wiederum haben immer wieder Defizite ihrer sozialen Kompetenzen, verweigern sich und halten keine sozialen Normen ein, obwohl sie diese kennen. Auch sie sind manchmal scheu und haben wenig Freunde.

Wie steht es mit stereotypem Verhalten?
Das fehlt häufig bei den Kindern mit falscher Verdachtsdiagnose, aber auch bei autistischen Kindern ist das nicht immer vorhanden. Manche Kinder bilden von sich aus Rituale aus Verunsicherung oder wegen einer anderen psychischen Störung, um einen Anker zu haben und Stress abzubauen. Im Gegensatz zu autistischen Kindern können diese Kinder die Rituale manchmal begründen, auch wenn wir Erwachsenen das häufig nicht verstehen. Zum Beispiel kam ein Knabe zu uns mit Autismus-Verdacht, weil er unter anderem immer die gleiche Jacke für den Kindergarten tragen wollte. Doch er hatte eine Erklärung: Wenn er eine andere Jacke anziehe, würden die anderen ihn verspotten. Wir wissen nicht, wie er zu diesem Schluss gekommen war, aber aus seiner Sicht war das Verhalten einleuchtend.

Hat die Beliebtheit der Autismus-Spektrum-Störung auch damit zu tun, dass deren Image besser ist als beispielsweise von ADHS?
Nein, das glaube ich eher weniger. Es ist eher so, dass Eltern und Fachpersonen mittlerweile die Entwicklung der Kinder immer genauer verfolgen. Wie der Name bereits ausdrückt, der Ausprägungsgrad einer Autismus-Spektrum-Störung ist vielfältig. Es gibt Kinder, die praktisch normal in die Schule können, und andere, die schwer handicapiert sind. In der Bevölkerung hat sich hingegen das Bild von Autisten als Hochbegabte eingeprägt. Bücher und Filme wie «Rainman» und «Mercury Rising» mythisieren diesen Teil der Störung. Die Leute lernen die Krankheit erst langsam richtig kennen.

Erstellt: 31.03.2012, 10:12 Uhr

Alessia Schinardi

Die Kinder- und Erwachsenenpsychiaterin ist Oberärztin an der Fachstelle für Autismus des Kantonsspitals Winterthur.

Autismus-Spektrum-Störung

Unter Autismus wurden lange Zeit ausschliesslich schwere Formen verstanden, insbesondere der frühkindliche Autismus. Seit den 1990er-Jahren zählen Fachleute auch das Asperger-Syndrom als mildere Variante dazu. Dies führte mit der Zeit zu einer deutlichen Zunahme von Autismus-Abklärungen und -Diagnosen – häufig auch bei Erwachsenen, weil die Störung in der Kindheit früher zum Teil nicht erkannt wurde.

Da die Ausprägung der Symptome sehr unterschiedlich und fliessend ist, gehen Psychiater seit einigen Jahren dazu über, alle Formen unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammenzufassen. Rund ein Prozent der Bevölkerung leidet unter der Störung, die zu einem grossen Teil genetisch bedingt ist. Bei allen Betroffenen findet sich eine Beeinträchtigung des Sozialverhaltens und der Kommunikation. Hinzu kommen stereotypische Verhaltensweisen sowie Sonderinteressen.

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