«Im Notfall ist niemand gut geschützt»

Stadtberner hätten bei einem Ernstfall im AKW Mühleberg rund eine Stunde Zeit zu reagieren. Greenpeace und Schweizer Ärzte stellen deshalb infrage, ob Jodtabletten hilfreich sind.

Schütze nicht gegen alle Gefahren einer Atomkatastrophe: Eine Frau hält eine Packung Jodtabletten in den Händen. (Archivbild)

Schütze nicht gegen alle Gefahren einer Atomkatastrophe: Eine Frau hält eine Packung Jodtabletten in den Händen. (Archivbild) Bild: Keystone

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Die Jodtablettenverteilung der Behörden für den Fall eines Atomunfalls ist umstritten. Greenpeace warnt davor, die Tabletten als Wundermittel zu betrachten: Frühzeitig geschluckt, schützten sie zwar gegen radioaktives Jod. Doch sie nützten nichts gegen die anderen schädlichen Stoffe.

«Im Notfall ist niemand gut geschützt, und wir müssten voraussichtlich ganze Städte evakuieren», sagte Florian Kasser, Atomexperte von Greenpeace Schweiz, vor den Medien in Bern. Jodtabletten seien kein Wundermittel. «Gegen die anderen Folgen einer Atomkatastrophe haben die Behörden keinerlei Antworten.»

Tabletten immer griffbereit

Die Medienkonferenz von Greenpeace, Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (Aefu) sowie den Ärztinnen und Ärzten für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges (PSR/IPPNW Schweiz) steht im Zusammenhang mit der behördlichen Verteilaktion von Jodtabletten an fünf Millionen Personen in der Schweiz, die am Montag begonnen hat.

Es sei sinnvoll, Jodtabletten bereitzuhalten und im Katastrophenfall einzunehmen, sagte der Hausarzt Alfred Weidmann. Doch müssten die Tabletten eigentlich immer griffbereit sein, da die Tabletten kurz vor dem Kontakt mit radioaktivem Jod eingenommen werden müssten.

«Extrem kurzes Zeitfenster»

Die Behörden hätten daher «ein extrem kurzes Zeitfenster zum Entscheiden». Stadtbernerinnen und -berner hätten bei einem Unfall des AKW Mühleberg je nach Windrichtung eine Stunde Zeit.

Neu werden die Tabletten an die Anwohnerinnen und Anwohner im Umkreis von 50 Kilometern rund um ein AKW verteilt. Vor Fukushima lag der Radius bei 20 Kilometern. Greenpeace kritisiert die Limitierung, denn je nach Wind könnten sich die schädlichen Stoffe weiter verbreiten als nur 50 Kilometer.

Rechtzeitige Verteilung ungewiss

Zwar lagerten die Kantone ausserhalb der Gefahrenzone Jodtabletten, doch wisse man nicht, ob diese rechtzeitig verteilt werden könnten, erklärte Kasser. Zudem gingen die Menschen im Schatten des Kühlturms von Leibstadt AG, die jenseits der Schweizer Grenze in Süddeutschland wohnten, leer aus.

Greenpeace und die Ärzte und Ärztinnen fordern daher wirksamere Massnahmen als Jodtabletten gegen Altreaktoren. Bei einem Atomunfall gefährdeten zahlreiche weitere radioaktive Substanzen die Gesundheit. Dagegen gebe es noch keine Präventionsmassnahmen.

Die Forderungen sind spätestens seit Fukushima bekannt: eine verbindliche Laufzeitbeschränkung für alle Schweizer AKW und die sofortige Stilllegung der Altreaktoren. (rar/sda)

Erstellt: 28.10.2014, 12:36 Uhr

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