Im Schlaf SMS schreiben – oder die Schwiegermutter ermorden

Schlafwandeln betrifft in den meisten Fällen Kinder. Der Zürcher Forscher Daniel Brunner kennt aber auch Fälle von Erwachsenen.

Somnambulie: Das unterschätzte Problem des Nachtwandelns.

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Die junge Zürcherin Antoinette Winter* ging schon als Kind ab und zu im Haus auf nächtliche Wanderschaft. Viele Male wandelte das Kind mit starrem Blick in die Küche, öffnete den Kühlschrank und nahm etwas Essbares heraus. Sprachen ihre Eltern sie an, reagierte sie nicht, beendete ihre «Mahlzeit» und fand unversehrt zurück ins Bett. Eines Nachts aber fiel sie beim Schlafwandeln so ungeschickt vom Kajütenbett, dass sie den Arm brach. Einige Zeit später, sie war damals in der dritten Klasse, brach das nächtliche Herumspazieren ab. Nichts geschah mehr, bis zu ihrem 33. Geburtstag.

Winter war gerade mit Zügeln beschäftigt, hatte über Wochen kaum eine freie Stunde und ein akutes Schlafmanko. Dann kam die Nacht, die sie sich bis heute nicht erklären kann. Ihr Freund fand sie um 3 Uhr morgens auf dem ­Parkett im Wohnzimmer liegend. Erst nach zehn Minuten sei sie wieder zu sich gekommen, erinnert sich der Freund. Winter hatte die Nacht wieder einmal für einen Ausflug genutzt, mit jener vermeintlich schlafwandlerischen ­Sicherheit aus ihren Kindheitstagen. Bis ihr die Zügelkisten im Wohnzimmer im Weg standen, sie fiel und zog sich eine schwere Hirnerschütterung zu.

Stürze mit Folgen

«Solch ein nächtlicher Ausflug kann böse enden», sagt Daniel Brunner, Spezialist im Zentrum für Schlafmedizin Hirslanden Zürich. Wie im Fall des 39-jährigen Mannes aus dem st. gallischen Heerbrugg, der letztes Jahr aus dem dritten Stock sechs Meter in die Tiefe fiel. Brunner weiss: «Auch Unfälle in der Wohnung kommen vor, es gibt auch Fälle mit tödlichem Ausgang.» Die meisten Malheurs passieren, wenn jemand die Schlafwandler wecken will. «Diese wollen, wie einem inneren Programm folgend, nicht gestört werden, sodass sie entweder flüchten oder aggressiv werden», sagt Brunner. Deshalb sollte man Schlafwandelnde nur begleiten oder sanft zurück ins Bett führen und nicht wecken.

Brunner hat die Erfahrung gemacht, dass sich – «rätselhaft», wie er sagt – alle Betroffenen stereotyp verhalten, ihr Charakter spielt dabei keine Rolle. Es könne durchaus sein, dass ein Schlafwandler, der eine Waffe in die Hände bekomme, damit schiesse, obwohl er im Wachzustand ein Pazifist sei. «Also besser den Revolver nicht zwischen den Matratzen im Ehebett liegen lassen», scherzt Brunner. Das berühmte Beispiel des Kanadiers Kenneth Parks macht das deutlich. Parks fuhr 1987 schlafwandelnd mit dem Auto 23 Kilometer weit und erstach seine Schwiegermutter mit einem Küchenmesser. Als er aufwachte, konnte er sich an nichts erinnern. Er war bekannt für Wandelepisoden.

Zwischen Schlaf und Wachzustand

«Der Schlafwandler steckt zwischen Schlaf und Wachzustand fest», sagt Brunner, «die grossen Hirnareale schlafen weiter, während die basalen Hirnstrukturen wach sind.» Erreiche den Schlafwandler ein Weckreiz in einer speziellen Tiefschlafphase, so schlafe das Bewusstsein weiter, Funktionen wie Laufen, Schreien oder Harnlösen aber werden wach.

Die verwandten Phänomene Schlafwandeln und Nachtschreck gehören zu den sogenannten partiellen Aufwachstörungen. Sie entstehen meist eine bis drei Stunden nach dem Zubettgehen und dauern einige Sekunden bis Minuten. Selten sind Fälle von bis zu einer Stunde dokumentiert. Schlafwandler zeigen laut Brunner häufig kurze Episoden mit einem plötzlichen Aufsitzen im Bett, offenen Augen und suchendem Blick. Ein Facharzt in London hat aber auch schon Menschen behandelt, die im Schlaf Auto gefahren oder Pferde geritten sind. Ein Patient versuchte gar, einen Helikopter zu fliegen.

Oft eine Kinderkrankheit

Der Nachtschreck manifestiert sich durch plötzliches lautes Schreien, einen angsterfüllten Gesichtsausdruck, Herzklopfen und Schwitzen. Brunner sind Fälle bekannt, in denen dieser Zustand eine halbe Stunde angehalten hat.

Studien zeigen, dass Schlafwandeln in Familien mit mindestens einem betroffenen Elternteil gehäuft vorkommt. Besonders oft zeigt sich das Phänomen im Kindesalter. «Die meisten Ausflüge dauern nur wenige Minuten, dann legen sich die Kinder wieder hin und schlafen weiter – manchmal auch dort, wo sie gerade sind», sagt Brunner. Nach der Pubertät treten Episoden selten auf. Nur ein bis zwei Prozent der Erwachsenen machen weiterhin Nachtspaziergänge und erinnern sich nur dann daran, wenn sie dabei geweckt werden.

Auslöser für den Nachtspaziergang oder panisches Schreien gibt es viele: Schlafmangel und unregelmässige Bettzeiten sind häufige Ursachen. Auch Alkohol hat einen Einfluss, weil er zu Beginn der Nacht den Tiefschlaf intensiviert. Zudem reduziert emotionale Anspannung oder Stress vor dem Einschlafen die Weckschwelle. Wie das Beispiel einer Nachtschreckpatientin zeigt. Die 4-Jährige war tagsüber lieb und nett, gebärdete sich aber nachts während Nachtschreckepisoden wie ein wildes Tier. Brunner fragte nach dem Einschlafritual und erfuhr, dass das Mädchen mit einer Kassette von Bibi Blocksberg einschlief. «Das Kind war zu klein für diese Hexengeschichten», sagt der Schlafmediziner. Den Eltern riet er von diesem Gutenachtritual ab.

Der Erfolg gab ihm recht: Das Kind hörte sofort auf mit dem nächtlichen Panikgeschrei. Auch für erwachsene Betroffene gilt: humorvolle Lektüre, nichts Aufwühlendes vor dem Schlafengehen. Sonst kann es einem ergehen wie jenem Patienten von Brunner, der immer dann eine Nachtschreckattacke produzierte, wenn seine Lieblingsfussballmannschaft am Abend zuvor verloren hatte.

Ein Mittagsschlaf hilft

Medikamente setzt Brunner, wenn überhaupt, nur sparsam und temporär ein. «Schlafwandeln und Nachtschreck sind keine Zeichen eines psychischen Problems», sagt Brunner, «sondern Ausdruck einer genetisch mitbedingten Störung im Aufwachprozess.» Die wirksamste Behandlung für Schlafwandler sei genügend Schlaf. Brunner plädiert deshalb für einen zeitlich begrenzten Mittagsschlaf. Vor allem bei Kindern: «Geben Kinder den Mittagsschlaf auf, kommt es oft zum Schlafwandeln.»

Erwachsenen Patienten rät Brunner auch, «das Handy nachts abzuschalten». Laut australischen Wissenschaftlern schicken immer mehr Menschen nachts Texte ab, ohne dass sie sich am Morgen daran erinnern können. «Sleep-texting» nennt sich das Phänomen.

Antoinette Winter legt ihr Handy vorsichtshalber in der Nacht weg. Und ihr Freund weiss, wie er reagieren muss, falls sie wieder einmal nächtliche Aktivitäten zeigen sollte – und natürlich versichert er sich, dass unter der Matratze kein Revolver liegt.

* Name von der Redaktion geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2014, 08:04 Uhr

Beim Schlafwandeln schlafen die grossen Hirnareale weiter – die basalen Hirnstrukturen sind jedoch wach. Foto: Plainpicture

Schlafwandeln

Vorsichtsmassnahmen

Unfallverhütung ist wichtig – vor allem, wenn Schlafwandler das Zimmer verlassen. Eine Lichtschranke kann nützlich sein, damit Eltern und Partner auf die Nachtwandler reagieren können. Zudem kann man Fenster mit Schlössern versehen und spitze und scharfe Gegenstände aus der Schlaf­umgebung entfernen. Es empfiehlt sich, Stolperfallen wie Spielzeuge am Boden wegzuräumen und das Bett in Bodennähe zu legen.

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