Impfungen empfehlen, bis es niemanden mehr interessiert

Der Bund möchte neu, dass sich auch Knaben mit der HPV-Krebsimpfung schützen. Doch die Empfehlungen könnten das Gegenteil bewirken.

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Wird Ihr 11-jähriger Sohn häufiger mal Analsex mit Männern haben, wenn er gross ist? Oder könnte er eine ausgeprägte Vorliebe für oralen Geschlechtsverkehr entwickeln? So genau möchten das die meisten Eltern eigentlich nicht wissen. Doch mit der neuen ergänzenden Impfempfehlung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) werden sie nun dazu aufgefordert, genau dies zu tun. Nachdem sich bereits die Eidgenössischen Impfkommission (EKIF) dafür ausgesprochen hat, will uns auch der Bund schmackhaft machen, Knaben gegen Mund-, Penis- und Analkrebs zu impfen. Am Sinn dieser Empfehlung muss allerdings gezweifelt werden.

Die empfohlenen Impfstoffe wirken gegen die humanen Papillomaviren (HPV). Diese werden beim Geschlechtsverkehr übertragen und können in seltenen Fällen Krebs auslösen. Das BAG empfiehlt die HPV-Impfung seit 2007 für Mädchen und junge Frauen gegen Gebärmutterhalskrebs. Doch während Impfprogramme in Ländern wie Australien zum Erfolg wurden, stand das Vorhaben in der Schweiz von Anfang an unter einem schlechten Stern.

Verärgerte Ärzte

Die Impfung war von Beginn weg sündhaft teuer. Um Geld zu sparen, wurden in der Schweiz kantonale Impfprogramme aufgezogen. Doch diese funktionierten in den meisten Fällen nicht wie erhofft, vor allem aber sorgten sie für Verärgerung bei den Ärzten, die eigentlich die Impfungen durchführen müssten. Vorbehalte gegenüber der HPV-Impfung in der Bevölkerung tragen bis heute zusätzlich dazu bei, dass die Durchimpfungsrate mit aktuell rund 50 Prozent zu tief ist.

Vom Ziel, die Mädchen zu 80 Prozent zu durchimpfen, ist das BAG weit entfernt. Diese Rate wäre nötig, um einen so genannten Herdenschutz herbeizuführen, bei dem auch Nicht-Geimpfte Mädchen und Knaben profitieren würden. Ohne eine ausreichende Durchimpfung rechnen sich aber die hohen Kosten für die Impfprogramme nicht.

Wenige Krebsfälle betroffen

Die HPV-Impfung bei Mädchen ist in der Schweiz offensichtlich alles andere als etabliert. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass sich das BAG nun mit der Empfehlung für Knaben verzettelt. Zumal noch einige wichtige Fragen offen sind. Das BAG benennt sie in seinem Bulletin-Artikel gleich selbst:

  • Es existieren bisher keine Daten, die belegen, dass die Impfung tatsächlich dazu beitragen kann, dass es zu weniger HPV-assozierten Krebserkrankungen und – Vorstufen im Mund- und Rachenbereich und Penis kommt. Die Zahl der Krebsfälle ist dabei so gering, dass eine Wirksamkeit nur mit Hilfe grosser internationaler Studien gezeigt werden kann.
  • Eine mässige Durchimpfung von Jungen und Mädchen bringt zu wenig für einen effektiven Schutz der Bevölkerung. Besser sind hohe Impfraten bei Mädchen alleine.
  • Es existiert keine unabhängige Analyse, die zeigt, dass die HPV-Impfung von Knaben in der Schweiz unter finanziellen Gesichtspunkten sinnvoll ist.
  • Studien zeigen, dass die Bereitschaft zur Impfung bestenfalls moderat ist, selbst wenn Ärzte diese offensiv empfehlen.
  • Ob und wie viel Krankenkasse für die Impfung bezahlen, ist beim BAG noch in Abklärung

Die zuständige Behörde und auch die Impfkommission hätte wohl besser daran getan, zu warten, bis diese Fragen geklärt sind. Wenn der Bevölkerung nicht klar gemacht werden kann, wieso eine Impfung sinnvoll ist, hört sie am Ende gar nicht mehr auf solche Empfehlungen. Die eigentlich verbreitete Impfbereitschaft in der Bevölkerung könnte sinken.

Erstellt: 04.03.2015, 12:40 Uhr

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