Ist er der Vater des ersten Designer-Babys?

Ein Chinese meldet die Geburt der ersten genetisch veränderten Menschen. Forscher und Ethiker verurteilen ihn aufs Schärfste.

Unter Beschuss: Jiankui He soll für einen wissenschaftlichen Dammbruch gesorgt haben.(Video: Tamedia/Youtube/ The He Lab)

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Der Mann spricht leise und sanft, in gebrochenem Englisch. Harmlos und verträumt wirkt er, als er von Nana und Lulu erzählt, zwei Mädchen, die vor wenigen Wochen geboren worden seien. Doch wer Jiankui He in dem Video weiter lauscht, versteht bald, dass er keine normale Geburt verkündet. Der Forscher von der South University of Science and Technology im chinesischen Shenzen will die ersten genetisch editierten Menschen erschaffen haben.

Das Erbgut der «völlig gesunden» Mädchen sei im Rahmen einer künstlichen Befruchtung mit der Genschere Crispr-Cas verändert worden. Man habe einen Rezeptor ausgeschaltet, der für eine Infektion mit dem Aidserreger HIV unentbehrlich wäre. Das berichtet auch die Nachrichtenagentur AP.

Es wäre ein ethischer und wissenschaftlicher Dammbruch ohne Beispiel – doch bisher ist völlig unklar, ob Nana und Lulu wirklich existieren. Es gibt keine Bilder von den Kindern oder ihren Eltern, geschweige denn eine wissenschaftliche Veröffentlichung. Einen Kontakt mit der Familie schliesst Jiankui He kategorisch aus.

Infografik: Crispr/Cas9 – eine Schere fürs ErbgutZum Vergrössern klicken.

AP hat von dem Forscher zwar Unterlagen bekommen, als Beleg, dass die Mädchen geboren und tatsächlich genetisch verändert wurden. Insgesamt sollen 16 Embryonen verändert und elf übertragen worden sein. Die Papiere reichen nach Angaben von Experten jedoch nicht für eine Bewertung aus. Bis zu einer unabhängigen Untersuchung der Kinder bleiben die Babys also Spekulation – wenn auch keine ganz wirklichkeitsferne. «Rein technisch halte ich das für möglich», sagt der Biomediziner Dirk Heckl von der Universität Hannover. «In Affen ist die Methode schon seit 2013 erfolgreich – und so viel unterscheidet uns dann ja nicht vom Affen». Ethisch betrachtet sei die Geburt von genetisch veränderten Kindern jedoch eindeutig zu verurteilen.

Derselben Ansicht zeigten sich am Montag Experten aus Europa und den USA. «Ich bin schockiert und enttäuscht», kommentiert Paul Freemont vom Zentrum für Synthetische Biologie am Imperial College in London die mögliche Geburt. «Es ist überhaupt nicht klar, wem diese Forschung nützen sollte». Auch der Reproduktionsmediziner Channa Jayasena, ebenfalls vom Imperial College, verurteilt die möglichen Versuche. «Meine Angst ist, dass das übereilt und ohne angemessene Erörterung der Konsequenzen stattgefunden hat».

«Bei aller Empörung muss man sich vor Augen führen, dass weltweit kein Verbot von Keimbahninterventionen existiert.»Jochen Taupitz, Rechtsexperte Universität Mannheim.

Durch Fehler im Gene Editing könnten völlig neue Erbkrankheiten entstehen. Der Vorsitzende des deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, sprach von einem «Affront gegenüber dem Ansinnen verantwortlicher Wissenschaft». Auch Dabrocks Vorgängerin im Amt, Christiane Woopen, verurteilte die mögliche Grenzüberschreitung. «Die chinesischen Forscher haben Menschenrechte verletzt und der Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft schweren Schaden zugefügt. Das sollte die internationale Gemeinschaft nicht dulden.»

Unklar ist zugleich, welchen Zweck die genetische Veränderung der Kinder erfüllen sollte. Zwar ist der vorgebliche Vater HIV-positiv, hat jedoch dank verfügbarer Therapien eine sehr geringe Viruslast. Weder für die Mutter noch für Kinder gäbe es ein Ansteckungsrisiko. Die genetische Veränderung des Rezeptors erhöht jedoch andere Risiken, zum Beispiel das einer Infektion durch das West-Nile-Virus. «Vielleicht unterschätze ich die Krankheit HIV, aber die Gene von Kindern zu verändern, damit sie sich nicht mit HIV anstecken, das käme mir nicht in den Sinn», sagt Dirk Heckl.

Video – Crispr erklärt

Mit Crispr/Cas9 lässt sich die DNA verändern und reparieren. Doch wie funktioniert? Video: Explain-it

«Bei aller Empörung muss man sich vor Augen führen, dass weltweit kein einheitliches rechtliches Verbot von Keimbahninterventionen beim Menschen existiert, sagt der Rechtsexperte Jochen Taupitz von der Universität in Mannheim. In vielen Ländern, zum Beispiel Russland und Singapur, existierten gar keine expliziten gesetzlichen Regelungen. In China, Frankreich, dem Vereinigten Königreich und in den USA existierten zwar Verbote, deren Übertretung aber offenbar nicht sanktioniert würde. «Die ‹schärfste› Grenze besteht darin, dass keine bundesstaatlichen Mittel für die Versuche eingesetzt werden dürfen», erläutert Taupitz. Viele Experten fordern daher schon länger eine internationale verbindliche Regulierung.

Aus rechtlicher Sicht wird ausserdem zu untersuchen sein, ob die Versuche, so sie denn stattgefunden haben, mit dem informierten Einverständnis – dem sogenannten informed consent – der Eltern durchgeführt wurden. Wie AP berichtet, stand auf den unterzeichneten Formularen, dass es um eine Aids-Impfstudie gehe. Unklar ist auch, ob die Chinesische Akademie der Wissenschaften von den Versuchen wusste. Die Akademie war vor drei Jahren gemeinsam mit der britischen und der US-Nationalakademie erstmals angetreten, um einen globalen Konsens über die ethischen Konsequenzen und die Zulässigkeit des Gene Editing im Menschen zu erlangen. Die nächste Konferenz findet ab dem morgigen Dienstag in Hongkong statt, viele Fachleute sehen einen Zusammenhang mit dem öffentlichen Auftritt von Jiankui He. Wie am Montag bekannt wurde, hat sich die Chinesische Akademie der Wissenschaften schon vor einem Monat aus der Allianz zurückgezogen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2018, 15:16 Uhr

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