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Ja, Migration ändert eine Gesellschaft!

Ein neues Mitglied in einer Gruppe bringt oft neue und frische Ideen. Doch wer muss sich wem anpassen, damit es mit der Integration klappt? Der Neuankömmling den Alteingesessenen oder umgekehrt?

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Ist Integration etwas ganz und gar Einseitiges, das vom Immigranten ausgeht, oder braucht es Interesse und Entgegenkommen (Integrationswillen) auch seitens der Bevölkerung? S. F.

Liebe Frau F.

Der Begriff der Integration umfasst beide Bewegungen: einerseits diejenige, die vom Fremden ausgeht, der sich in eine Gruppe integrieren will, und andererseits diejenige, mit der die Gruppe den Neuankömmling in sich aufnimmt. Eine Geschichte, um die man eigentlich nicht viel Aufhebens machen müsste: Der frisch angeheiratete Schwiegersohn muss sich an die Mödeli der neuen Familie gewöhnen und den Umgang mit den neuen Verwandten einüben, so wie die Familie der Braut sich an die Eigenheiten des neuen Familienmitglieds gewöhnen und gegebenenfalls auf dessen Eigenarten Rücksicht nehmen muss. Manche Schwiegersöhne können das besser als andere, und manche Familien haben mehr und ärgere Marotten, als einem gewöhnlichen Sterblichen zumutbar sind (bzw. umgekehrt) – und je nachdem pendelt sich das Verhältnis der Beteiligten zwischen intimer Nähe und kühler Distanz ein. Niemanden wundert das, und niemand raunt von der Gefahr der Bildung von Parallelfamilien. C’est la vie.

Richtig problematisch wird es mit der Integration nämlich erst, wenn sie zum politischen Kampfbegriff wird. Der Fremde hat sich gefälligst zu integrieren. Basta! Ein zweiseitiger Prozess? Wäre ja noch schöner, so ein Multikultigedöns! Das sonst Selbstverständliche wird nun plötzlich undenkbar. Dem ist dreierlei zu entgegnen. Erstens, dass der Staat keine Familie ist. Er kann auf die Einhaltung der bürgerlichen Rechte und Pflichten pochen – aber nicht auf die Einhaltung der Tischsitten. Was nicht strafbar ist, ist erlaubt. (Jeder blamiert sich auf eigene Kosten.)

Zweitens: Parallelgesellschaften sind nicht die Folge von Einwanderung, sondern ein typisches Kennzeichen liberaler und sozial inhomogener Gesellschaften. Manche dieser Parallelen schneiden sich schon ein ganzes Stück vor dem Unendlichen, manche nicht einmal dort. Die Liebe sorgt manchmal dafür, dass sich diese Parallelen sogar verknoten können; die Regel ist das nicht. Und eher kommen eine traditionell-muslimische Zahnärztin aus Ägypten und ein ungläubiger Journalist aus Luzern zusammen als eine Tochter aus dem Basler Daig mit einem Arbeitersohn aus Albisrieden.

Drittens: Alle Gesellschaften und Kulturen sind in sich heterogen und in Bewegung, und zwar sowohl die eigene als auch die fremde. Der Aufstieg der Arbeiterklasse zu einer politisch repräsentierten Gruppe z. B. war das Ergebnis einer innergesellschaftlichen «Migration», welche die Schweiz mehr durchgerüttelt hat als die Einwanderung aus den Balkanstaaten. Fazit: Wer vor der paranoiden Angst heimgesucht wird, eine Gesellschaft könnte sich durch die Integration von Einwanderern verändern, hat nichts von der Dynamik moderner Gesellschaften begriffen und sollte vorsichtshalber in Nordkorea einen Asylantrag stellen.

Erstellt: 30.05.2012, 12:10 Uhr

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