«Je später wir zum Einsatz kommen, desto schwieriger wird es»

Nach dem Absturz von Flug MH 17 hat die Schweiz der Ukraine Hilfe bei der Identifikation der 298 Opfer angeboten. Der Kriminaltechnik-Experte erklärt das Vorgehen.

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Welche Schwierigkeiten stellen sich für die Identifikation, wenn tote Körper tagelang der Verwesung ausgesetzt sind?
Je später wir zum Einsatz kommen, desto schwieriger wird unsere Arbeit. Das heisst aber nicht, dass wir nach längerer Zeit keine Möglichkeiten mehr hätten, die Leichen zu identifizieren.

Gibt es eine kritische Grenze?
Nein, weil die Identifikation auf verschiedenen Merkmalen basiert. Fingerabdrücke, DNA-Proben und Gebissstellungen sind die wichtigsten. Nicht auf jedes Merkmal hat die Verwesung gleich gros­sen Einfluss. Die Zähne beispielsweise sind sehr beständig. Das hat uns etwa beim Einsatz nach der Tsunami-Katastrophe 2004 in Asien sehr geholfen.

Wie läuft der Verwesungsprozess eines toten Körpers ab?
Da gibt es keinen Standardablauf. Der Prozess hängt von vielen Faktoren ab wie Temperatur, Lage oder Feuchtigkeit.

Mit welchen Mitteln arbeiten Sie?
Dem Team gehören Spezialisten aus drei Fachgebieten an: Erstens aus der Kriminaltechnik. Diese Kollegen dokumentieren körperliche Merkmale, nehmen Fingerabdrücke und so weiter. Zweitens sind speziell ausgebildete Zahnärzte dabei und drittens Rechtsmediziner. Jede Disziplin hat ihre eigenen Mittel. Das Vorgehen unterscheidet sich bei grossen Einsätzen nicht gross von jenem, das auch im kriminaltechnischen Alltag der Polizei gewählt wird. Ein Team umfasst etwa zehn Personen.

Spielt es eine Rolle, ob eine Leiche an einer Unglücksstelle vor Ort identifiziert werden kann oder ob sie bereits transportiert wurde?
Grundsätzlich nicht. Die Identifikation findet in der Regel ja nicht direkt an einer Fundstelle statt, sondern in einer Leichenhalle. Die Frage ist einfach, wie das Ganze vor sich geht. Für uns ist die Nachvollziehbarkeit der Vorgänge wichtig. Normalerweise wird nach einem Flugzeugabsturz deshalb genau markiert, wo welche Leichen oder Teile davon gelegen haben, bevor man sie an einen für die Identifikation geeigneten Ort bringt. Geschieht dies nicht, erhöht sich für uns später der Aufwand, wenn es darum geht, Teile zusammenzubringen.

Haben Sie Erfahrungen mit einem Einsatz in einem Kriegsgebiet?
Ein DVI-Team stand 1999 in Kosovo im Einsatz. Allerdings gab es zu dieser Zeit keine Kriegshandlungen mehr. Es ging darum, Opfer aus Massengräbern zu exhumieren und zu identifizieren. Klar ist: Wir kommen nur dann zum Einsatz, wenn die Sicherheit unserer Leute vor Ort gewährleistet ist.

Haben Sie bereits Vorbereitungen getroffen für eine allfällige Mission in der Ostukraine?
Unsere Leute sind mehrheitlich Angehörige der Polizei, die ohnehin ständig in Bereitschaft sind. Auch Rechtsmediziner und Zahnärzte sind auf Pikett. So stehen wir innert kurzer Zeit zur Verfügung und brauchen auch in diesem Fall keine besonderen Vorkehrungen. Zur Lage in der Ukraine kann ich mich nicht äussern.

Erstellt: 20.07.2014, 21:54 Uhr

Christian Zingg

Kriminaltechniker, stellvertretender Geschäftsleiter der Disaster Victim Identification Switzerland (DVI-Team CH)

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