Jetzt kommt die Malaria-Impfung

Jedes Jahr sterben Hunderttausende an der Infektionskrankheit. Nun wird in Afrika ein neuer Impfstoff eingesetzt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mehr als drei Jahrzehnte lang wurde der Impfstoff «RTS,S» gegen Malaria entwickelt – jetzt kommt er endlich zum Einsatz. Im Rahmen des weltweit ersten Pilotversuchs sollen in Malawi, Ghana und Kenia bis 2022 jährlich rund 360'000 Kleinkinder gegen die gefährliche Krankheit geimpft werden. Denn sie sind die mit Abstand am stärksten betroffene Altersgruppe: Kinder unter fünf Jahren machen fast zwei Drittel der Todesfälle aus.

Malaria wird von der Anopheles-Mücke übertragen, die vor allem nachts zusticht, und verursacht Fieber, Anämie und neurologische Probleme. Zwar gibt es Medikamente dagegen, diese sind allerdings vielerorts nicht zugänglich. Und unbehandelt kann die Krankheit rasch tödlich verlaufen. Jedes Jahr sterben Hunderttausende Menschen an den Folgen.

Häufigste Infektionskrankheit der Welt

Wie viele Opfer es ganz genau sind, ist schwierig zu beziffern. «Todesfälle durch Malaria sind von allen am schwierigsten zu zählen», sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Denn in vielen Ländern, wo die Krankheit verbreitet sei, seien die Datenerfassungssysteme rudimentär. Zudem gebe es viele Krankheiten, die Malaria ähneln würden und zu Verwechslungen führten.

Die WHO schätzt, dass die Zahl der Malaria-Toten in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken ist. Gemäss den aktuellsten Zahlen gab es 2017 aber immer noch 435'000 Opfer, also fast eine halbe Million. 266'000 beziehungsweise 61 Prozent davon waren unter 5-Jährige, das heisst: Alle zwei Minuten stirbt ein Kind an dieser vermeidbaren und heilbaren Krankheit.

Andere Schätzungen liegen noch deutlich höher, zum Beispiel diejenigen des Institute of Health Metrics and Evaluation (IHME), einer Forschungseinrichtung an der University of Washington in Seattle. Laut dem IHME ist Malaria einer der Hauptgründe für Kindersterblichkeit. Jedes elfte Kind, das 2017 sein Leben verlor, fiel der Krankheit zum Opfer.

Insgesamt schätzt das IHME die Zahl der weltweiten Malaria-Toten auf derzeit fast 620'000 jährlich. Von 1990 bis zum Höhepunkt 2004 mit fast einer Million Opfer stellte es einen starken Anstieg fest, seither gehen die Zahlen wie bei der WHO runter. Trotzdem ist Malaria weiterhin die häufigste Infektionskrankheit der Welt.

Dass die WHO und die IHME zu verschiedenen Resultaten kommen, liegt an Unterschieden bei der Methodik und den verwendeten Quellen. Unabhängig von der Vorgehensweise bei der Datenerfassung ist aber klar: Malaria ist einer der grössten Killer in der Menschheitsgeschichte. Alleine im Zeitraum 2010–2017 starben gemäss den Schätzungen zwischen 4 und 5,6 Millionen Menschen. Seit Beginn der Zivilisation könnten es Milliarden gewesen sein.

Denn die Tropenkrankheit gibt es schon seit Tausenden von Jahren. Forscher vermuten, dass der Erreger ursprünglich von Gorillas auf Menschen übertragen wurde. Die frühesten Berichte von Malariaepidemien stammen von den Alten Ägyptern. In rund 3000 Jahre alten indischen Schriften taucht die «Königin der Krankheiten» ebenfalls auf. Historiker gehen davon aus, dass sich Malaria in der Antike rund um das Mittelmeer verbreitete und später sogar einer der entscheidenden Faktoren für den Untergang des Römischen Reiches war.

In Mitteleuropa war die Krankheit noch bis ins zwanzigste Jahrhundert verbreitet. Auch in der Schweiz verschwand sie erst mit der Trockenlegung der Sumpfgebiete wie im Seeland oder in der Linthebene. Lange wusste man nicht, wie sie sich verbreitet. Erst 1902 erkannte der englische Militärarzt Ronald Ross, dass Malaria von Stechmücken übertragen wird. Das brachte ihm den Nobelpreis ein.

Der gefährlichste Malaria-Erreger: Der Einzeller Plasmodium falciparum wird durch die Anopheles-Mücke übertragen. (Bild: Getty Images)

Jetzt wurde mit «RTS,S» ein weiterer «historischer Meilenstein» erreicht, wie es Steve Davis formulierte, Chef des britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline. Seine Firma entwickelte den neuen Impfstoff mit dem Handelsnamen Mosquirix. Er wirkt gegen den gefährlichsten Erreger, den in Afrika verbreiteten Parasit Plasmodium falciparum, der von der Anopheles-Mücke übertragen wird.

Die Impfung schützt allerdings unvollständig. In klinischen Tests mit rund 15'000 Kindern in sieben Ländern hat Mosquirix nur rund 40 Prozent der Erkrankungen und etwa 30 Prozent der schweren Malaria-Fälle verhindert. Trotzdem ist es der bislang wirksamste und am weitesten entwickelte Impfstoff. Nach Einschätzung von Wissenschaftlern könnte er Hunderttausende Leben retten, wenn er grossflächig eingesetzt wird.

«Der Anstieg der Infektionen ist ein massiver Weckruf.»Tedros Adhanom Ghebreyesus, WHO-Chef

Bis jetzt haben die WHO und andere Organisationen versucht, Malaria durch eine Kombination verschiedener Mittel einzudämmen. Als wichtigste Schutzmassnahme gelten mit Insektiziden behandelte Moskitonetze. Zudem gibt es Prophylaxe-Medikamente, die Menschen immun gegen die Folgen eines entsprechenden Moskitostichs machen sollen. In den letzten Jahren wurden so grosse Fortschritte gemacht – doch jüngst ist der Kampf gegen Malaria ins Stocken geraten.

2017 registrierte die WHO 219 Millionen Fälle und damit zum zweiten Mal in Folge einen Anstieg der Infektionen. Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus sprach von einem «massiven Weckruf». Es brauche nun neue Lösungen, der neue Impfstoff sei ein vielversprechendes Mittel dafür.

Die Verbreitung des Impfstoffs stellt die WHO vor grosse Herausforderungen. Denn Kinder müssen bis zu ihrem dritten Lebensjahr vier Injektionen erhalten, um geschützt zu sein. Viele leben aber in abgelegenen Gebieten. Mehr als 90 Prozent aller Erkrankungen und Todesfälle ereignen sich in Afrika.

Am stärksten betroffen sind Nigeria und die Demokratische Republik Kongo. Sie beklagten im Jahr 2017 gut 30 Prozent aller Malaria-Toten. Ausserhalb Afrikas ist die Krankheit vor allem in Indien sehr präsent. Auch in zahlreichen Ländern in Südostasien sowie Mittel- und Südamerika grassiert sie.

Trotz der hohen Malaria-Gefahr in den betroffenen Gebieten Afrikas schlief der WHO zufolge 2017 nur etwa die Hälfte der Bevölkerung unter einem mit Insektiziden behandelten Moskitonetz. Zudem haben immer noch zu wenig Schwangere Zugang zu Prophylaxe-Medikamenten. Deshalb liegt die Hoffnung auf dem neuen Impfstoff, dem ein riesiges Potenzial zugeschrieben wird.

Die Kampagne in Malawi, Ghana und Kenia soll nur der Anfang sein. Das globale Malaria-Programm der WHO umfasst Länder von Indien bis Brasilien. Auch in Moçambique ist eine Initiative gestartet worden, nachdem am 21. April der Zyklon Kenneth schwere Überschwemmungen verursachte. Schon Mitte März wurde nach dem Wirbelsturm Idai ein Anstieg von Malaria-Fällen gemeldet.

Federführende Rolle der Schweiz

Niemand sollte an einer Krankheit sterben, die mit den verfügbaren Behandlungen heilbar ist: So lautet das Prinzip der WHO. Um ihr Ziel der Ausrottung von Malaria zu erreichen, kann sie auch auf hiesiges Know-how zurückgreifen: Die Schweiz hat eine lange und erfolgreiche Geschichte in der Erforschung der Malaria.

Seit mehr als siebzig Jahren erforschen das Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH), Universitäten und Pharmafirmen die Tropenkrankheit. Seit zwanzig Jahren treibt die internationale «Medicines for Malaria Venture» mit Schweizer Beteiligung die Entwicklung von Medikamenten voran. Dank der Partnerschaft seien elf neue Malariamedikamente entstanden, schrieb die Swiss Malaria Group letzten Donnerstag zum Welt-Malaria-Tag.

Die Anstrengungen müssten jetzt aber nochmals verstärkt werden, angesichts der erneuten Zunahme der Infektionen. Sonst sei das globale Ziel «gefährdet», Malaria bis 2030 ganz zu eliminieren.

*mit Material der SDA

Erstellt: 30.04.2019, 18:07 Uhr

Artikel zum Thema

Eine Impfung könnte Hunderttausende Leben retten

Malaria ist in vielen Weltgegenden ein riesiges Problem. Abhilfe soll eine gezielte Infektion mit gleichzeitiger Schutzmassnahme bringen. Mehr...

Jede Impfung zählt

Reportage In Malawi ist das ganze Land auf den Beinen, um Kinder vor Masern und Röteln zu schützen. Impfgegner gibt es nicht. Die Menschen haben schon zu viele Tote gesehen. Mehr...

Mit Gentech-Mücken gegen Malaria

SonntagsZeitung Eine neue Technik ermöglicht es, die Überträger der Tropenkrankheit auszurotten. Biologen äussern Bedenken. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...