Kann man Forschung wie Spitzensport betreiben?

Das Effizienzdenken an Hochschulen unterwirft die Wissenschaft der Nutzenlogik. Das tut ihr nicht gut.

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Vor mehr als 350 Jahren, im Herbst 1637, erschien im holländischen Leiden ein anonymes Buch, das eine überaus harsche Kritik am Zustand der damaligen Elite-Hochschulen enthielt. Der unbekannte Verfasser nahm kein Blatt vor den Mund. Er habe die Hohen Schulen durchlaufen, darin aber vor allem leere Gelehrsamkeit, weltferne Übungen und eine trockene Schulvernunft gefunden. Besonders angewidert ist der Autor von «Überlegungen, die ein Gelehrter in seinem Studierzimmer über wirkungslose Theorien anstellt, was einzig dazu führt, dass er umso eitler wird, je weiter sie sich vom gesunden Menschenverstand entfernen». Dem anonymen Verfasser sind die Konsequenzen seiner schneidenden Kritik klar: «Daher gab ich die wissenschaftlichen Studien ganz auf.»

Permanentes Marketing

Der kühne Kopf, der dies geschrieben hat, ist René Descartes, also just jener Philosoph, der heute als Begründer der neuzeitlichen Naturwissenschaften gilt. 1637 ist Descartes’ «Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung» erschienen. Und Descartes wusste sehr wohl, weshalb er anonym publizierte und den engen Denkraum der Universität zugunsten der Praxis verliess: Ihren Kritikern waren die Hohen Schulen noch nie gut gesinnt, obwohl sie – wenn sie klug wären – gerade den mahnenden Stimmen zum eigenen Besten doch einiges Gehör schenken sollten.

Auch Immanuel Kant, um noch einen Namen zu nennen, hat die eigene Universität, der er viel Renommee einbrachte, ganz und gar nicht vor Kritik verschont. Die Universität produziere, so Kant 1765, statt denkenden Menschen eine «frühkluge Geschwätzigkeit», die blinder sei als jeder andere Eigendünkel und «unheilbarer als die Unwissenheit». Überhaupt werde an den Hochschulen das Wissen nur von aussen an die Studierenden «angeklebt», das Selber-Denken werde nicht gefördert, dafür der eitle «Wahn von Weisheit». Dies, so Kant nicht weniger spitz als Descartes 150 Jahre zuvor, sei der Grund, «warum die Akademien mehr abgeschmackte Köpfe in die Welt schicken als irgendein anderer Stand des gemeinen Wesens».

Was wohl, erlauben wir uns diese kleine Spekulation, wären Descartes’ oder Kants Worte, wenn sie die Hochschullandschaft des 21. Jahrhunderts beurteilen sollten? Was würden sie über den neuerdings hohen Ton der wissenschaftlichen Superlativ-Kultur sagen; über das Gerede von Exzellenz-Clustern, Kompetenz-Zentren, Elite-Studierenden, Spitzen-Forschung, Flagship Projects, Ranking-Listen? Für wie «wissenschaftlich» würden sie den scharfen merkantilen Geist beurteilen, der mittlerweile an allen Institutionen umgeht und jeden Forscher dazu zwingt, sich mit Wissenschafts-Marketing, Drittmittel-Jagd, Dauer-Evaluation und permanenter Selbst-Anpreisung am Rennen um einen der wenigen Spitzenplätze im Reich der Exzellenz und der dort fröhlich fliessenden Forschungsmittel zu beteiligen?

Vielleicht gar würde Kant – der dem Geist der Ironie nicht abgeneigt war – eine kleine Nebenbemerkung darüber verlieren, dass «Exzellenz» mit demselben Buchstaben wie die «Eitelkeit» beginne und dass jemand, der ein oder zwei Jahre in einem sogenannten Exzellenz-Cluster Aufnahme findet, daraus noch nicht den Schluss ziehen dürfe, selber exzellent zu sein. So wenig ein Ethikprofessor notwendig auch ein sich ethisch verhaltender Mensch sein muss, so wenig garantiert der formale Titel «Exzellenz-Forschung» für die inhaltliche Qualität der Forschung. Forschung hat im Allgemeinen eine ganz andere Tiefenstruktur: Ihr Ziel kann nicht vorgegeben und ihr Verlauf nicht geplant werden. Dies gilt besonders auch für die Kultur der Geisteswissenschaften; für das Verstehen dessen, woher wir kommen und wohin wir – allenfalls und im besten Falle – gehen.

Je mehr man über diese neuen Superlativ-Formeln nachdenkt, die sich in der Forschungs- und Bildungspolitik wie ein böser Geist aus der Flasche breitgemacht haben, desto mehr scheint dieses «Spitzen»- und «Exzellenz»-Denken in seiner inneren Struktur fatal an die Dynamik zu erinnern, die wir unlängst bei der sogenannten Finanzblase erlebt haben: Hochgradig zertifizierte AAA-Ratings, Qualitätstests, vollmundige Gewinnchancen, Strategien und überaus viel Marketing; das Ganze liiert mit einem Effizienzdenken, das umso sicherer auftritt, je mehr es selbst ins Ungewisse geht und seine Kraft nicht aus Tatsachen, sondern aus Optionen auf die Zukunft bezieht.

Bezeichnenderweise ist der tiefste Fall der Wissenschaftskultur, den die Öffentlichkeit in der Gegenwart erlebt hat – der Fall «Guttenberg» –, just in derselben Zeit geschehen, in der die Wissenschaft auf Exzellenz getrimmt wurde. Scharlatanerie und Exzellenz (früher: Genialität) sind nicht selten Schwestern zur linken Hand. Die Wissenschaftsgeschichte lehrt: Kein Forscher ist vor dem Irrtum gefeit, auch nicht der bedeutendste. Der Mensch ist und bleibt ein Mängelwesen, nachgerade auch in Bezug auf sein Erkenntnisvermögen. Das dem Menschen mögliche Wissen wird immer fragmentarisch sein, auch wenn noch so viel Rechenleistung, Analyse und Methodik aufgebracht werden. Nicht alles, was «ist», lässt sich auf ein Datum oder einen eindeutig erfassbaren Wert reduzieren; nicht alles, was wissenswert ist, lässt sich planen, zählen und patentieren. Auch wer das menschliche Hirn in einem Supercomputer «simulieren» will, ist nicht davor gefeit, dass er sich über die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen des Denkens irrt. Es könnte sich herausstellen – was das 18. Jahrhundert übrigens noch wusste –, dass «Denken» mehr ist als eine unendlich potente Abfolge von Algorithmen.

Gelernt wird für die Prüfung

Man erlaube mir, dass ich – nochmals mit Kant – von meiner Vernunft «in allen Stücken öffentlichen Gebrauch» mache und drei Malaises benenne, an denen die gegenwärtige Bildungs- und Wissenschaftskultur (nicht nur) in der Schweiz leidet.

1. Punktedenken: Ohne Not und in einem vorauseilenden Schafsgehorsam hat die Schweiz die sogenannte Bologna-Reform eingeführt. Deren Folgen sind fatal, und sie ist, als Reform, auch nicht zu «reformieren»: Einer der letzten Lebensbereiche des Menschen, der bislang noch nicht gänzlich von Nutzenlogik und Verkaufbarkeit kolonialisiert war – nämlich das Lernen, das Studium, die Bildung –, unterzieht sich nun auch noch dem Effizienzdenken. Die Studierenden werden dazu gezwungen, Credit-Points wie Flugmeilen oder Superpunkte beim Grossverteiler zu sammeln. Hinzu kommt ein exorbitanter Verwaltungsaufwand, der die Potenziale der Lehrenden wie der Lernenden okkupiert und bei dem die Inhalte sekundär werden, sofern sie nur in ein Modul passen und abprüfbar sind. Auch hier regiert die Bezeichnung über den Inhalt: Ein sogenannt «vertiefendes» Modul ist nicht per definitionem vertiefend, sondern es heisst zunächst einmal so.

Gelernt wird, wie man Prüfungen besteht, nicht, wie man denken, handeln und urteilen soll. Nachgerade für die Geisteswissenschaften ist die vermeintliche Reform fatal. Die Bildungspolitiker haben, anstatt der Quantifizierung zu widerstehen, dieser problematischen Wende – ohne Not und als ob sie «betriebsblind» wären – auch noch zugearbeitet. Wir brauchen Bildungspolitiker, die etwas vom kostbaren Gut der Bildung und ihrer Kultur verstehen. Wer die Bildungspolitik der Betriebswirtschaft, der Technokratie, dem Marketing und dem Prestigedenken überlässt, gefährdet die Zukunft. Bildung ist ein Kulturgut, kein Verkaufsobjekt.

2. Neofeudalismus: Innerhalb der Universitäten (und neuerdings auch an den Fachhochschulen) hat sich wieder eine Mentalität von Dünkel, Obrigkeits- und Standesdenken breitgemacht, die in der Privatwirtschaft längst als schädlich und überholt gilt. Professoren, die zu Ordinarien gewählt werden, sind in der Regel nicht mehr kündbar, verfügen über einen hochprivilegierten Zugang zu Forschungsmitteln und Ressourcen und stabilisieren ihre institutionelle Macht nachgerade über ein subtiles Vasallensystem. Keiner, der in der wieder äusserst steil gewordenen akademischen Hierarchie «aufsteigen» (oder auch nur ungestört forschen) will, kommt ohne Servilität und Anpassung an die in den einzelnen professoralen Königreichen herrschenden Regeln aus.

Die Persönlichkeit (oft auch die Eitelkeit) eines Professors kann über Jahre das Klima eines ganzen Instituts prägen bzw. verderben; insbesondere heute, wo das «Spitzen»-Forschungs-Gerede und der «Besten»-Slang den eh schon virulenten akademischen Narzissmus ins Kraut schiessen lässt. Anpasser und Duckmäuser kommen vorwärts, Servilität ist karrierefördernder als Originalität, und wer sich nicht rechtzeitig in eine potente «Seilschaft» einbindet, darf schauen, wo er bleibt. Im Übrigen ist der viel gesuchte «Beste» nicht notwendig der sachlich am besten Qualifizierte, sondern derjenige, der am besten in das etablierte Milieu eines Herrschaftsbereiches hineinpasst. Zudem: Obrigkeitsmentalität und stramme – nicht selten preussische – Hierarchien befördern den Untertanengeist, vertreiben das freie Denken und können ganze Institute paralysieren.

3. Verschärfte Konkurrenz statt «universitas»: Einem Betrachter von aussen mag es eigenartig erscheinen, was zurzeit an den Hochschulen abläuft. Man vergesse nicht, dass die Universität ihren Namen vom lateinischen «universitas» hat; ein Begriff, der einst die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden meinte. Doch statt Gemeinschaft und Kooperation herrscht heute allzu oft ein akademischer Kannibalismus, der vom Ranking-Geist angeheizt wird und auf eine einzelne, einsame und gleichsam gottähnliche Figur fokussiert: der «Beste», der kommende Nobelpreisträger, der superlative Spitzenforscher, der «sein» Institut in die Welt-Top-Liste katapultiert. Wer bei diesem akademischen Renngalopp – bei dem die menschlichen Qualitäten immer weniger zählen – nicht mithalten will, gilt als Versager oder Verlierer. Ein stiller Gelehrtentypus wie Immanuel Kant, Charles Darwin oder Lise Meitner, die jahrelang ohne «sichtbare» und verwertbare Ergebnisse an ihren Werken sassen, ist in der heutigen Universitätslandschaft hochgradig gefährdet.

Was die Geschichte lehrt

Wer auf die Erfolgsgeschichte der Universitäten zurückschaut, sollte bedenken, dass sich der Geist nicht aus Flaschen ziehen lässt und dass die Kultur des innovativen Miteinanders in Forschung und Lehre jenem offenen und kosmopolitischen helvetischen Geist entspricht, der in der Vergangenheit die Schweiz international anschlussfähig und wissenschaftlich attraktiv gemacht hat.

Zum Schluss eine Bitte: Jene Forscher und kritischen Geister, denen die Lage der Wissenschaft nicht gleichgültig ist und die ihre Karriere riskieren, wenn sie das vornehme Geschäft der Kritik zum Besten der Allgemeinheit wahrnehmen, sollten von den Hochschulen nicht auch noch schikaniert werden. Auch nicht von der Universität Zürich, die in ihrem schönen Lichthof immerhin eine Athene stehen hat – Athene, die einst die Schutzgöttin der Weisheit war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2011, 19:50 Uhr

Philosophin

Ursula Pia Jauch, 1959 in Zürich geboren, ist seit 2003 Titularprofessorin für Philosophie an der Universität Zürich. Ihr Hauptinteresse gilt der Philosophie des 18. Jahrhunderts. 1992 war sie Scholar am kalifornischen Getty Center und 2007/08 Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin (beide Forschungsanstalten gelten als Elite-Institutionen). Ursula Pia Jauch hat zahlreiche Bücher verfasst – von Immanuel Kant über Julien Offray de la Mettrie bis zu Beat Fidel Zurlauben. (TA)

Ursula Pia Jauch

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