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Kinder, die vor einem selbst sterben

Es ist der unverzeihliche Bruch mit einer Selbstverständlichkeit des Lebens: Wenn Eltern den Tod ihrer Kinder erleben müssen. Wie lässt sich damit umgehen?

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Was raten Sie mir, sollte der schlimmstmögliche Fall eintreffen und einer meiner Söhne (oder beide) vor mir sterben? Der Gedanke ist erdrückend und beängstigend. P. B.

Liebe Frau B.,

Von allen Schicksalsschlägen ist dieser auch für mich der schlimmste, den ich mir überhaupt ausmalen kann. Ich weiss nicht, ob und wie ich damit fertig werden könnte. Ich kann Ihnen, «sollte der schlimmstmögliche Fall eintreffen», gar nichts raten. Raten kann ich Ihnen nur, sich in der Gegenwart nicht vom Gedanken an eine Katastrophe, die gar nicht eingetreten ist, und die mit grosser Wahrscheinlichkeit auch nicht eintreten wird, allzu sehr in Beschlag nehmen zu lassen.

Kein Rat also, sondern nur ein paar Gedanken zu unser beider Angst-Thema: Nachdem seine Tochter Sophie 1920 27-jährig an der Spanischen Grippe gestorben war, schreibt Freud an seinen Schweizer Brieffreund Ludwig Binswanger, es sei eine «Ungeheuerlichkeit, dass die Kinder vor den Eltern sterben» – er und seine Frau hätten diesen Tod «nicht verwunden». 1929 erhält Freud von Binswanger die Nachricht, dass dessen achtjähriger Sohn Johannes gestorben ist. In dem Brief vom 12. April, mit dem er Binswanger kondoliert, schreibt er: «Gerade heute wäre meine verstorbene Tochter 36 Jahre alt geworden ... ( ... ) ... Man weiss, dass die akute Trauer nach einem solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden. Alles, was an die Stelle rückt, und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Und eigentlich ist es recht so. Es ist die einzige Art, die Liebe fortzusetzen, die man ja nicht aufgeben will.»

Wahrscheinlich trifft das ja nicht nur für den Tod eines Kindes, sondern für den jedes geliebten Menschen zu. Aber der Tod eines Kindes bleibt dennoch etwas Besonderes: Man weiss, dass es geschehen kann und geschieht; und dennoch erscheint es wie der unverzeihliche Bruch mit einer Selbstverständlichkeit des Lebens, auf die man sich verlassen können muss, damit man überhaupt Kinder in die Welt setzt. Man mag einwenden, dies sei in Zeiten hoher Kindersterblichkeit anders gewesen. Die Eltern seien damals notgedrungen indifferenter gegen solche Schicksalsschläge gewesen.

Möglicherweise war das so. Aber in diesem eilfertigen Bemühen um die Historisierung der Trauer höre ich (als gewiefter Paranoiker in solchen Dingen) auch die unterschwellige Aufforderung, sich nach dem Tod eines Kindes innert nützlicher Frist wieder dem Leben zuzuwenden, das doch schliesslich weitergehen muss. (Das Wunschkinderding hat die Leute halt ihrem früheren natürlichen Verhalten entfremdet.) Die psychiatrische Diagnose für die, die das nicht auf rechte Art und Weise schaffen, liegt schon parat: die «komplizierte Trauer» («complicated grief») bzw. «verlängerte Trauerstörung» («prolonged grief disorder»). Wer will mit seiner Trauer schon länger stören, als es normal wäre?

Erstellt: 04.07.2012, 14:27 Uhr

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