«Krebspatienten hatten noch nie so gute Karten»

Der Schweizer Onkologe Roger von Moos über die bahnbrechende Immuntherapie, die nun mit einem Nobelpreis geehrt wurde.

Der diesjährige Nobelpreis für Medizin geht an den US-Wissenschaftler James P. Allison und den japanischen Forscher Tasuku Honjo für ihre Forschungen zur Krebstherapie. (Video: AP/SDA)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr von Moos, die Krebs-Immuntherapie ist eine neue Entwicklung und noch Gegenstand intensiver Forschung. Ist es nicht zu früh für einen Nobelpreis?
Nein. Die Entdeckung der Immuntherapie ist bahnbrechend und hat die Onkologie völlig verändert. Sie ist bereits heute neben Chirurgie, Strahlen- und Chemotherapie die vierte Säule der Krebsbehandlung. James Allison und Tasuku Honjo haben es mehr als verdient, den Nobelpreis zu bekommen.

Die erste Immuntherapie kam 2011 auf den Markt. Wie hat sich die Krebsbehandlung seither verändert?
Immuntherapien kommen heute routinemässig bei schwarzem Hautkrebs mit Metastasen zum Einsatz. Häufig primär in Kombination mit einem anderen Checkpoint-Inhibitor. Auch bei anderen Krankheiten gehören die neuen Medikamente zum Standardrepertoire, allen voran beim Lungenkrebs. Weil Patienten dadurch länger leben, müssen wir laufend Kapazitäten ausbauen. Wir haben nicht mehr genügend Stühle, vor allem aber nicht mehr genügend Pflegende und Ärzte.

Wie erfolgreich ist die Immuntherapie?
Eine nicht unwesentliche Patientengruppe überlebt über mehrere Jahre. Oft verschwindet der Tumor dann komplett. Ob man dann von Langzeiterfolg oder einer Heilung spricht, ist eine Frage der Interpretation. Wir sehen heute Verläufe, die früher als unmöglich galten. Oder nur ganz selten alle zehn Jahre einmal vorkamen. Heute sehen wir das jedes Jahr mehrfach.

«Für eine Kombinationstherapie beim Melanom entspricht anfangs der Preis jeder Infusion einem gut ausgerüsteten VW-Golf.»

Geschieht das häufig?
Zum Beispiel bei Lungenkrebs im frühen Stadium lässt sich mit Immuntherapie das Überleben nach zwei Jahren von 55 auf 66 Prozent steigern. Das mag nicht imposant klingen, ist aber sehr wesentlich. Der eigentliche Unterschied zeigt sich aber erst später. Zwanzig oder dreissig Prozent der Patienten haben einen positiven Langzeitverlauf und sterben nach mehreren Jahren nicht am Tumor.

Die Nebenwirkungen können aber massiv sein.
Das ist so. Aber wir haben viel gelernt. Heute haben wir nur noch wenige Patienten, die in lebensbedrohliche Zustände geraten.

Massiv sind auch die Kosten.
Sie sind meiner Ansicht nach viel zu hoch. Ein sogenannter PD-1-Hemmer kostet im Jahr über 85’000 Franken. Andere sind noch teurer. Für eine Kombinationstherapie beim Melanom entspricht anfangs der Preis jeder Infusion einem gut ausgerüsteten VW-Golf.

Bahnbrechende Entwicklung: Eine Illustration der Krebstherapie-Forschung des japanischen Forschers Tasuku Honjo. (Bild: Jonathan Nackstrand, AFP)

Besteht die Gefahr, dass jetzt nach dem Nobelpreis Patienten mit falschen Hoffnungen in die Praxen drängen?
Betroffene und deren Angehörige informieren sich im Internet und wollen eine Immuntherapie. Das war schon vor zwei Jahren so. Ich erwarte deshalb keine wesentlichen Änderungen in meiner Sprechstunde. Aber es ist wie immer in der Onkologie eine Wellenbewegung: Zuerst herrscht übertriebener Enthusiasmus, danach sind alle sehr pessimistisch, weil es nicht so funktioniert hat, wie erwartet. Erst nach ein paar Jahren schafft man es, das ganze vernünftig einzuordnen. Ich habe schon mehrere dieser Wellen erlebt.

In welcher Phase sind wir jetzt?
Ich würde sagen, wir befinden uns derzeit in der Phase des abflachenden Enthusiasmus. Wir haben inzwischen einige Studien gesehen, in denen die Immuntherapie nicht funktioniert hat. Es herrscht eine gewisse Ernüchterung. Nichtsdestotrotz gibt es verschiedene Tumorarten, bei denen die Medikamente sensationell wirken. Krebspatienten hatten noch nie so gute Karten. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.10.2018, 21:51 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich war bei ihr, als sie starb»

Video Nobelpreis-Gewinner James Allison verlor als Knabe seine Mutter wegen Krebs. 60 Jahre später wird der Immunologe für seine Forschung geehrt. Mehr...

Nobelpreis für Medizin geht an Krebsforscher

James P. Allison und Tasuku Honjo werden für die Erforschung von Immun-Krebstherapien geehrt. Kurz zuvor wurde das Urteil im Vergewaltigungsskandal bekanntgegeben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Mamablog Mit Kindern über die Flüchtlingskrise reden

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...