Krisen sind sein Alltag

Als Intensivmediziner muss Marco Maggiorini blitzschnell entscheiden, was die beste Therapie ist. Mit dem Abstellen der Maschinen wartet er heute aber eher länger.

Marco Maggiorinis Tage sind lang, aber er sagt: «Mein Beruf ist mein Hobby.» Foto: Doris Fanconi

Marco Maggiorinis Tage sind lang, aber er sagt: «Mein Beruf ist mein Hobby.» Foto: Doris Fanconi

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Das Herz des Patienten hat aufgehört zu schlagen, jetzt hängt der Mann an einer Herz-Lungen-­Maschine. Er liegt auf dem Rücken, ohne Kleider, nur ein Tuch bedeckt die Lendenregion, um ihn herum Schläuche, Monitore, Pfleger und Ärzte. Marco Maggiorini zieht die Vorhänge von aussen, befestigt eine Klammer. Sie hält die Vorhänge um die Koje des Patienten zusammen. Um dem Schwerkranken auch auf der Intensivstation etwas Privatsphäre zu ermöglichen. «Wir müssen jetzt entscheiden, wie es weitergeht», sagt Maggiorini.

Für ihn ist diese Situation Alltag. Marco Maggiorini leitet die Intensivstation für Innere Medizin am Zürcher Universitätsspital seit 17 Jahren. Zwölf Betten stehen hier bereit für Menschen, die intensivste medizinische Betreuung brauchen. Die Kojen sind im Halbkreis angeordnet, in der Mitte versammelt sich das Personal, wo es den Herzschlag aller Patienten auf einzelnen Monitoren überwachen kann.

Maggiorini (62) trägt eine Gesichtsmaske, er ist stark erkältet. Auch beim Interview zuvor in seinem kleinen Besprechungszimmer zieht er sie erst auf Nachfrage runter. «Ich möchte Sie nicht anstecken», sagt er, auf die Gesundheit anderer zu achten ist für ihn selbstverständlich. Auf die Frage, warum er sich für die Intensivmedizin entschieden hat, muss Maggiorini nicht lange überlegen. «Die Intensivmedizin ist eine sehr dynamische Fachrichtung, wir müssen zehnmal schneller denken und entscheiden als in anderen Abteilungen des Spitals.» Bei den Patienten, die auf der Intensivstation landen, ist häufig das gesamte Organsystem aus dem Gleichgewicht. «Es ist faszinierend, möglichst schnell die Ursachen zu finden und den Kranken wieder in einen stabilen Zustand zu bringen.»

«Es gibt immer wieder Situationen, die man nie mehr vergisst.» 

Für Aussenstehende ist die Intensivstation ein furchterregender Ort, an dem Menschen an Schläuchen hängen und zwischen Leben und Tod schweben. «Ich habe mich nicht für die Intensivmedizin entschieden, weil ich möglichst viele Sterbende begleiten möchte», sagt Maggiorini, «sondern weil die Menschen in akuten Situationen eine möglichst umfassende Medizin brauchen. Die Geräte sind einfach da, um unsere Arbeit zu unterstützen.» Um zu be­atmen, die Körperfunktionen zu überwachen, Medikamente und Flüssigkeiten zuzuführen. Rund die Hälfte der Patienten auf Maggiorinis Intensivstation hat Herzprobleme, rund ein Drittel leidet an einer Blutvergiftung, bei der man sehr schnell reagieren muss. Bei knapp zehn Prozent hat die Leber versagt. Ab und zu kommen auch Menschen mit Lungen­embolien, die sich auf Langstreckenflügen zu wenig bewegt und zu wenig getrunken haben.

Am schwierigsten ist es, nicht zu helfen

Maggiorini war früh von der Intensivmedizin fasziniert. Schon während seiner Zeit als Assistenzarzt am Spital Locarno wollte er sich den Akutkranken widmen. Damals gab es in der Schweiz noch keinen Facharzttitel für Intensivmedizin, der wurde erst 1992 eingeführt. Also setzte Maggiorini zuerst auf die ­Innere Medizin. Aufgewachsen ist er in Locarno, die Tessiner Herkunft hört man ihm wegen seiner Deutschschweizer Mutter allerdings nicht an. Seit 1988 arbeitet Maggiorini am Unispital. Es sind lange Tage. Meist schon vor sieben ist der Intensivmediziner im Büro, um vor dem Morgenrapport um halb acht noch in Ruhe einiges zu erledigen. Nach dem Rapport geht es zu den kritischsten Fällen. Zweimal pro Woche steht eine ausführliche Visite auf dem Programm, dann überprüft der Chef auch, ob die Qualität der Betreuung stimmt. Vor acht oder neun Uhr abends verlässt Maggiorini das Spital selten. «Mein Beruf ist mein Hobby, deshalb ist das nicht so schlimm.» Die Belastung, das gibt er zu, sei allerdings manchmal schon hoch. «Vor allem den Menschen dabei zu helfen, Schicksalsschläge zu verarbeiten und Verständnis dafür zu schaffen, was passiert.»

Mit seinen Patienten kann der Intensivmediziner selten direkt sprechen, sie sind oftmals zu krank. Dafür ist der Austausch mit den Angehörigen umso intensiver. Die befinden sich meist in einer emotionalen Ausnahmesituation. «Da braucht es viel Feingefühl», sagt Maggiorini, und wie er so dasitzt und erzählt, kann man sich gut vorstellen, dass er schwierige Gespräch mit Empathie meistert. Doch wie schützt man sich, wenn man Tag für Tag mit so viel Leid zu tun hat? «Gute Frage», sagt Marco Maggiorini nach kurzem Nachdenken, genau wisse er das auch nicht. «Man entwickelt mit den Jahren eine gewisse Professionalität.» Das heisst, sich weniger auf das Leiden, sondern auf die medizinischen Fakten zu konzentrieren. «Natürlich gibt es immer wieder Situationen, die einem trotzdem nahegehen und die man nie mehr vergisst.» Vor allem für die jungen Ärzte sei dies eine Herausforderung. Er kann sich sehr gut erinnern, wie er als ­Assistenzarzt in Locarno Eltern mitteilen musste, dass ihr 15-jähriger Sohn an einem akuten Asthmaanfall gestorben war. Schrecklich sei das gewesen.

«Eigentlich ist es am schwierigsten, wenn wir nicht aus allen Löchern schiessen können», sagt Maggiorini. Ihm fällt eine Patientin ein, die sie vor einigen Jahren betreuten. Sie litt an Krebs im ­fortgeschrittenen Stadium. Ihre Freundin, die sie begleitete, erklärte, die Patientin wolle keine Be­atmung, auch wenn der Sauerstoff knapp würde. «Wir haben uns schweren Herzens entschieden, den Willen der Patientin zu respektieren, sie nicht zu beatmen, sondern nur Morphium gegen die Schmerzen zu geben.» Die Patientin starb. Es war Weihnachtsabend.

Parallelen zur Höhenmedizin

Umgekehrt komme es allerdings häufiger vor, dass Menschen, die sich zuvor gegen lebensverlängernde Massnahmen ausgesprochen hätten, plötzlich doch Hilfe möchten. «Wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht, wollen sie alle Möglichkeiten ausschöpfen.» Denn wer wolle schon sterben.

Den Angehörigen versuche er immer klarzumachen, dass nicht sie es seien, die veranlassten, dass die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt würden. «Das ist eine medizinische Entscheidung, wenn unsere Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind und keine Therapien mehr greifen.» Sonst wäre der Stress für die Angehörigen zu gross. Mit den Jahren werde man allerdings vorsichtiger. Obwohl man ein Gefühl dafür entwickle, wann ein Patient dem Tod nahe sei, gäbe es doch immer wieder Überraschungen. «Ich warte heute eher länger, bis wir abstellen.»

Sein eigenes Verhältnis zum Tod habe sich nicht verändert durch die Arbeit, und als Wissenschaftler glaube er auch nicht an ein Danach. Seine Organe würde er dereinst spenden, aber sonst verschwende er wenig Gedanken an die eigene Endlichkeit. Und obwohl man als Intensivmediziner mit Todesfällen zu tun hat, geschieht es doch seltener, als viele meinen. Maggiorinis Team kann 87 Prozent der Patienten so stabilisieren, dass sie die Intensivstation lebend verlassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2017, 18:57 Uhr

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