Künstlich gezeugte Kinder haben ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko

Berner Forscher zeigen, dass die In-vitro-Fertilisation für den Nachwuchs Spätfolgen haben kann.

Glückliche Eltern im Sommer 1978: Lesley und John Brown mit Töchterchen Louise, dem ersten Kind weltweit, das im «Reagenzglas» gezeugt wurde. Foto: «Daily Mail», Rex Features

Glückliche Eltern im Sommer 1978: Lesley und John Brown mit Töchterchen Louise, dem ersten Kind weltweit, das im «Reagenzglas» gezeugt wurde. Foto: «Daily Mail», Rex Features

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Kurz vor Mitternacht kam Louise Brown im Royal Oldham Hospital am 25. Juli 1978 zur Welt. Dies war eine medizinische Sensation, weil erstmals eine künstliche Befruchtung erfolgreich bis zur Geburt eines gesunden Kindes verlief. Reporter kürten die kleine Louise sofort zum Baby des Jahrhunderts. Und im Spital mussten Leibwächter Paparazzi zurückhalten, die über die Mauern klettern wollten.

In zwei kleinen Räumen der Privatklinik Dr. Kershaw’s Cottage Hospital begann 1977 hinter verschlossenen Türen das bis anhin Unglaubliche. Dort gelang es dem Physiologen Robert Edwards zusammen mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe, die Natur auszutricksen, um ausserhalb des Mutterleibes eine Eizelle mit einer Samenzelle zu vereinen und später in die Gebärmutter zu implantieren.

2000 Babys in der Schweiz

Mehr als drei Jahrzehnte später erhielt Edwards im Alter von 85 Jahren für die Pionierleistung den Nobelpreis. Inzwischen wurden mithilfe der Reproduktionsmedizin weltweit mehr als sechs Millionen Babys geboren. Allein in der Schweiz sind es jedes Jahr um die 2000 Neugeborene. Das bedeutet, dass hierzulande in jedem zweiten Schulzimmer der Primarschule ein Kind sitzt, das durch künstliche Befruchtung, einer In-vitro-Fertilisation (IVF) oder einer Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI), gezeugt worden ist.

Immer wieder gibt es Diskussionen darüber, ob die Techniken der modernen Repro­duk­tionsmedizin allenfalls später zu gesundheitlichen Kompli­kationen führen könnten. Nun hat eine aktuelle Schweizer Studie im Fachjournal «Journal of the American College of Cardiology» anhand von einer 24-Stunden-Blutdruckmessung gezeigt, dass die 54 untersuchten, 14- bis 18-jährigen IVF- und ICSI-Kinder später ein höheres Risiko haben, an Bluthochdruck zu erkranken.

Zu früh gealterte Arterien

«Das sollte jeden Kinderarzt wachrütteln», warnt der Herzspezialist Urs Scherrer vom Inselspital in Bern, der die Studie zusammen mit Kollegen an den Jugendlichen durchführte. Bereits vor fünf Jahren liess er die gleichen Probanden schon einmal auf ihre Herz-Kreislauf-Gesundheit genau durchchecken. Dabei stellte er Zeichen einer verfrühten Alterung der Arterien, aber noch keinen höheren Blutdruck fest.

Er wolle keine Panik verbreiten, doch das Ergebnis sei frappant. Eine arterielle Hypertonie gab es bei 16 Prozent der IVF- und ICSI-Jugendlichen und bei 2,5 Prozent der Teenager aus der Kontrollgruppe. Ein hoher Blutdruck ist ein grosser Risikofaktor für Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine vaskuläre Demenz. Es sei ratsam, bei 20-jährigen IVF- und ICSI-Personen eine 24-Stunden-Blutdruckmessung durchzuführen, sagt Scherrer.

Bekannt war bisher, dass IVF oder ICSI die Häufigkeit von kardiovaskulären Risikofaktoren wie niedrigem Geburtsgewicht, Frühgeburt und Schwangerschaftsvergiftung erhöht. Zudem verändere die Methode der künstlichen Befruchtung bereits beim Kleinkind die Herzfunktion und erhöhe bei Jugendlichen das Risiko für Diabetes, fügt der Berner Kardiologe hinzu.

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«Wir müssen die kardiovaskuläre Thematik noch genauer anschauen und unsere Methoden noch schonender machen», sagt der Reproduktionsmediziner Bruno Imthurn von der Universität Zürich. «Für viele Paare, die ungewollt kinderlos sind, ist eine Behandlung bei uns am universitären Kompetenzzentrum der letzte Schritt, wenn andere Therapien erfolglos waren.»

Ungewollt kinderlos

Imthurn betont, dass er alle seine Patienten ausführlich darüber aufkläre, dass es trotz der immer innovativeren Verfahren weiterhin auch gewisse Risiken gebe. Mit der medizinischen Unterstützung könnten sie immer mehr Paaren zum lang ersehnten Baby verhelfen. Jeder einzelne Fall sei jedoch weiterhin ein Wunder der Natur.

Zum einen besteht keine Garantie, dass es klappt. Und zum andern kann die Behandlung auch Spätfolgen für die Kinder haben. So stellte Scherrer bereits in der vorangegangenen Studie mit den damals durchschnittlich 11-Jährigen fest, dass die Arm-Arterie schwächer auf gefässerweiternde Reize reagiert, die Blutgefässe steifer sind und die Innenschicht der Halsschlagader verdickt ist.

Zudem testete der Berner Kardiologe die Lungenzirkulation der Kinder im Forschungslabor auf dem Jungfraujoch und liess dafür mit der Bahn die Messgeräte zur höchsten Eisenbahnstation Europas auf über 3450 Meter bringen. Bei der Untersuchung kam heraus, dass bei dem Höhenaufenthalt der Blutdruck in der Lungenschlagader bei den IVF- und ICSI-Kindern höher als bei den natürlich gezeugten Kindern war.

Gestresster Embryo

Doch wie kommt es dazu, dass die Herz-Kreislauf-Gesundheit der Kinder schon im frühen Alter beeinträchtigt ist? Als mögliche Ursache kommen durch Stress während der in In-vitro-Periode ausgelöste epigenetische Veränderungen infrage. Dadurch wird die Regulierung der Aktivität der Gene gestört.

«Viele dieser sogenannten Gen-Schalter werden unmittelbar nach der Befruchtung der Eizelle und kurz vor und nach der Geburt aktiviert», erklärt Scherrer. Man vermutet, dass solche falsch regulierten Gen-Schalter später im Leben zum Auftreten von Krankheiten führen.

Für IVF- und ICSI-Kinder sowie deren Eltern, aber auch für Paare, die sich den Kinderwunsch mithilfe der modernen Fortpflanzungsmedizin erfüllen wollen, sind die Berner Ergebnisse beunruhigend. «Man müsste deshalb unbedingt weitere Herz-Kreislauf-Risikofaktoren ver­meiden sowie generell gesund leben», sagt Scherrer. Das bedeute genügend Bewegung, viel Gemüse und Früchte und natürlich auf das Rauchen verzichten.

Heute selbst Mutter

Vor 40 Jahren wurde in dem kleinen Labor des alten Oldhamer Backsteingebäudes direkt neben dem Operationssaal das Unmögliche möglich gemacht und die intimste Sache der Welt in eine sterile, künstliche Umgebung verlagert. «Ich bin froh, dass Mum und Dad damals diese Möglichkeit hatten», sagte die damals noch Jugendliche Louise Brown 1995 in Paris auf einer Konferenz über Reproduktionsmedizin.

Denn ihre Mutter Lesley konnte nicht auf natürliche Weise schwanger werden, weil sie durch eine Infektion einen Eileiterverschluss hatte. Die seit ihrer Geburt berühmte Britin hatte dieses Problem später indes nicht und brachte ohne die Hilfe der Reproduktionsmedizin zwei Kinder auf die Welt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2018, 09:45 Uhr

Was gibt es für Behandlungen?

Dass ein Paar ungewollt kinderlos ist, kann viele Ursachen haben. Deshalb werden verschiedene Verfahren gewählt – oder es wird von einer Behandlung sogar ganz abgeraten. Liegt das Problem an der schlechten Samenqualität, hilft keine klassische In-vitro-Fertilisation mehr, bei der sich die Spermien in der Petrischale von selbst auf die Eizelle zubewegen.

In solchen Fällen wird das Verfahren der Intrazytoplas­matischen Spermieninjektion angewendet. Dazu wird ein einziges bewegliches Spermium ausgewählt und mit einer Hohlnadel unter dem Mikroskop
direkt in die Eizelle injiziert. Es findet also keine natürliche Selektion wie bei einer In-vitro-­Fertilisation mehr statt.

Bei beiden Methoden werden die Embryonen in die Gebär­mutterhöhle übertragen. Die Schwangerschaftsrate bei unter 35-jährigen Frau liegt bei wiederholten Embryonentransfers in guten Zentren bei 60 bis 80 Prozent. Um die Belastung für die Frau zu reduzieren, friert man befruchtete Eizellen für spätere Embryonentransfers ein. So muss nicht nochmals eine Eizellentnahme vorgenommen werden. (bry)

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