Männer machen sich grösser, Frauen leichter

Die Sozialpsychologin Nicola Fox Hamilton erforscht die Partnersuche im Internet. Sie weiss, wie das beste Profil aussieht und wer online gerne flunkert.

Das Foto ist beim Onlinedating sehr wichtig, sagt Hamilton. Foto: Getty Images

Das Foto ist beim Onlinedating sehr wichtig, sagt Hamilton. Foto: Getty Images

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Frau Fox Hamilton, was verrät uns ein Onlineprofil über einen Menschen auf Partnersuche?
Leider nicht so viel, wie man annimmt.

Auch wenn jemand viel Mühe in den Onlineauftritt investiert?
Natürlich ist es besser, sich Zeit zu nehmen, um ein gutes Profil zu gestalten. Sehr wichtig ist nach wie vor das Foto.

Bei dem viele ein bisschen schummeln.
Ja, es gibt eine klare Tendenz: Die meisten verwenden veraltete Bilder, auf denen sie jünger sind. Das ist verständlich, aber nicht besonders ratsam.

Wobei flunkern Onlinedater sonst noch?
Männer machen sich gerne grösser. Eine US-Studie zeigte, dass die Männer auf einem Datingportal im Durchschnitt mehr als fünf Zentimeter grösser sind als die US-Bevölkerung. Nicht weil grosse Männer keine Partnerin finden, sondern weil sie ein bisschen schummeln.

Und Frauen?
Frauen schrauben am ehesten ihr Gewicht ein bisschen nach unten. Das rechtfertigen sie vor sich selbst, indem sie denken, das Gewicht kann ich vor einem allfälligen Date noch weghungern. Männer schummeln eher beim Beziehungsstatus.

Sollte man einen möglichst ausführlichen Text über sich selbst verfassen?
Zu lang sollte er nicht sein. Aber schon etwas länger als «Hallo, ich mag Spass und suche dich».

Warum sollte er nicht lang sein? Weil es die Leute nicht lesen?
Das auch. Aber wir haben vor allem festgestellt, dass Menschen auf Partnersuche in langen Texten eher Dinge finden, die sie an einem möglichen Partner irritieren könnten. Je mehr Details also vorkommen, umso eher finden wir etwas Störendes, obwohl es vielleicht im realen Leben gar kein Problem wäre.

Manche Menschen verlieben sich schon während der ­Onlinekommunikation. Sie sagen jedoch, Profile und Onlinechats würden uns sehr wenig über den Menschen hinter dem Profil verraten.
Uns fehlen viele Informationen, die wir im realen Leben hätten. Wie klingt die Stimme, wie bewegt sich jemand, wie riecht er, wie verhält er sich. Weil es so viele Lücken gibt, messen wir Details eine zu grosse Bedeutung zu. Innerlich zeichnen wir uns ein vollständiges Bild, das machen wir automatisch, und all die Lücken füllen wir mit positiven Dingen, die wir uns ausmalen. Das muss aber nicht allzu viel mit der Realität zu tun haben.

Eine rosarote Brille schon vor dem ersten Date?
Das gibts. Ich rate den Menschen, möglichst schnell miteinander zu telefonieren und sich dann an einem öffentlichen Ort zu treffen, damit sie keine Fantasiebilder aufbauen. Die Enttäuschung nach einer langen, intensiven Onlinekommunikation kann sonst gross sein. So manche wählt im Geist schon den Namen der gemeinsamen Kinder aus, bevor man irgendeine reale Ahnung vom Gegenüber hat. Auch Betrüger, die es auf das Geld von alleinstehenden Frauen abgesehen haben, profitieren von dieser Idealisierung. Vor allem wenn jemand online so charmant und aufmerksam erscheint.

Bringt es etwas, ein mögliches Profil einer Freundin, einem Freund zu zeigen?
Ja, die sind in ihrer Einschätzung vielleicht um einiges realistischer. Man sollte nicht zu hohe Erwartungen haben und immer daran denken, dass man den Menschen noch nicht wirklich kennt.

Trotzdem gibt es Menschen, die sagen, sie könnten sich online viel authentischer geben als im realen Leben.
Für schüchterne Menschen gibt es bei der Onlinekommunikation tatsächlich weniger Hürden. Trotzdem gilt auch hier: Wir wissen nie, mit welchen Erfahrungen das Gegenüber die eigenen Texte liest. Jeder bringt seine ganz eigenen Interpretationen mit. Ich lasse meine Studenten häufig ­erraten, ob ein Onlinetext von einem Mann oder einer Frau stammt.

Und?
Sie liegen nicht immer richtig. Frauen schreiben tendenziell mehr und benützen mehr ­Emojis, aber auch das ist nur ein Trend. Auch ein nüchtern verfasster, knapper Text kann von einer Frau stammen.

In Gamewelten oder Onlinecommunities verbringen ­manche lange Zeit mit ­jemandem und glauben, diese Person zu kennen. Ist auch das ein Missverständnis?
Freundschaften können online eher entstehen als Liebesbeziehungen. Besonders wenn man viel Zeit miteinander verbringt und den anderen vielleicht auch in der Gruppe erlebt, gibt das schon ein besseres Bild. Trotzdem kann es auch hier zu Enttäuschungen kommen.

Wie kamen Sie zur Forschung über Onlinedating?
Ich habe längere Zeit in den USA gelebt. Als ich nach Irland zurückkehrte, war ich Single und habe das Onlinedating ausprobiert. Da sind mir viele interessante Fragen aufgefallen.

Was beispielsweise?
Im realen Leben sprechen einen amerikanische Männer viel eher an, meist in freundlichem Ton. Iren hingegen warten, bis sie so betrunken sind, dass sie sich getrauen. (lacht) Kulturelle Unterschiede habe ich dann auch in den Profilen festgestellt.


Nach einer Karriere als Designerin hängte die Irin Nicola Fox Hamilton ein Psychologiestudium an und untersucht nun die Onlinewelt. Bild: PD


Welche?
Irische Männer betonten viel häufiger, dass sie ehrliche Menschen seien und es ernst meinten. Dabei zeigte sich, dass sie in ihren Profilen häufiger nicht ganz die Wahrheit sagten. Tinder hat meine Forschungen allerdings komplizierter gemacht.

Weil die Leute wenig schreiben?
Ja. Der durchschnittliche Mann schreibt auf Tinder zwölf Zeichen als Profiltext! Es geht fast nur noch ums Bild.

Welche Persönlichkeits­merkmale kommen gut an beim klassischen Onlinedating?
Auch hier gibt es Geschlechtsunterschiede. Die Frauen suchen nach verlässlichen Männern, das ist nicht überraschend. Erstaunlicher waren die Präferenzen der Männer. Leicht neurotische, emotional unstabile Frauen scheinen attraktiv zu sein.

Warum das?
Da kann ich bisher nur spekulieren. Vielleicht ist es der Beschützer- oder Retterinstinkt, oder sie meinen, dass diese Frauen leichte Beute sind.

Wie gut sind die Algorithmen der Datingseiten darin, ­Menschen füreinander ­auszusuchen?
Das ist sehr schwer einzuschätzen, da die Anbieter nur sehr ­wenige Informationen herausgeben. Sehr überzeugend sind sie aber keinesfalls.

Warum nicht?
Sie versuchen die Menschen nach ihren Persönlichkeiten zuzuordnen, doch in den Forschungen hat sich gezeigt, dass andere Faktoren wie eine ähnliche Bildung oder eine ähnliche kulturelle Herkunft eine viel grössere Rolle spielen. Wir suchen uns meist Menschen aus, die ähnlich sind wie wir.

Wenn das Bild immer wichtiger wird, ist das für ältere ­Menschen nicht so einfach.
Ja, vor allem für ältere Frauen. Ihre Altersgenossen suchen online viel eher nach Jüngeren, auch wenn das nicht immer sehr realistisch ist.

Was raten Sie älteren Frauen?
Es scheint erfolgreicher zu sein, zuerst einfach online nach Freundschaften zu suchen. Sie bekommen bestimmt weniger Zuschriften, aber das muss nicht immer nur schlecht sein. Sehr attraktive Frauen bekommen meist am Anfang sehr viele Zuschriften, aber es kommt gar nicht zu so vielen realen Treffen. In Zukunft will ich auch noch mehr zu sexuellen Belästigungen online forschen.

In Gaming-Voicechats bleiben Frauen oft stumm, weil die Reaktionen so negativ sind.
Ja, das ist wirklich traurig. Ich möchte auch verstehen, was Männer dazu bewegt, unauf­gefordert Fotos von ihren Geschlechtsteilen zu verschicken.

Funktioniert Onlinedating also selten?
Nein, das würde ich nicht sagen. Es ist einfach sehr zeitaufwendig, und man muss Enttäuschungen wegstecken können. Aber meist hat man wenigstens ein paar lustige Anekdoten, die man seinen Freunden erzählen kann.

Machen Sie selbst auch noch Onlinedating?
Nein. Ich habe es irgendwann aufgegeben. Ich hatte zu wenig Zeit und beschloss, mich auf meine Forschungen zu konzentrieren. Eine Woche später habe ich meinen jetzigen Mann im realen Leben kennen gelernt.

Morgen hält Fox Hamilton am aha-Festival um 17 Uhr einen Vortrag über Online-Dating, Südpol Kriens/Luzern, aha-festival.ch

Erstellt: 24.01.2019, 17:42 Uhr

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