«Man muss bei den Ruhigen sensibler sein»

Immer mehr Kinder leiden unter psychischen Erkrankungen. David Suter erklärt, woran das liegt und was Eltern unternehmen können.

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Die Notfälle und psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Der Fachberater für Jugend- und Schulsozialarbeit David Suter beleuchtet die Hintergründe der überlasteten Kinder und zeigt auf, wie sich Eltern und Angehörige verhalten können, um die Situation zu entspannen.

Heute haben viele Kinder mehr Freizeitangebote und Komfort als zu anderen Zeiten. Weshalb geht es vielen psychisch schlechter?
Man kann nicht generell sagen, dass es ihnen schlechter geht. Die Kinder haben einfach andere Herausforderungen. Es geht alles viel schneller, die Informationen strömen viel stärker auf sie ein. Konkret gibt es deshalb auch viele Kinder, die mit der Aufmerksamkeit Schwierigkeiten haben und unter psychischer Belastung leiden.

Hat sich die psychische Gesundheit der Kinder verschlechtert, oder werden ganz einfach mehr Diagnosen gestellt als früher?
Beides trifft zu. Obwohl effektiv noch mehr diagnostiziert wird als früher, da wir heute eine stärkere Sensibilität haben.

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Werden Kinder, die eine Diagnose wie Depression oder Burn-out haben, nicht ausgegrenzt?
Wir sind viel sensibler als früher. Unter dem Label Früherkennung werden auch schneller unschärfere Diagnosen gestellt. Das ist einerseits hilfreich, um früh zu reagieren, kann aber auch zu Ausgrenzung führen. Man muss einfach verantwortungsvoll mit der gewonnenen Erkenntnis umgehen. «Burn-out» zu sagen, finde ich eher problematisch. Ich rede nie von Burn-out als Diagnose für ein Kind. Ich denke, es ist wichtig, in diesem Fall nicht zu dramatisieren, sondern zu sensibilisieren.

Es geht um den Druck, dabei zu sein oder ausgeschlossen zu werden.David Suter

Welche Fragen werden von Eltern oft an Sie herangetragen?
Bildschirmmedien sind oft ein Thema. Und alles, was unter dem Titel Mobbing läuft. Es geht um den Druck, dabei zu sein oder ausgeschlossen zu werden. Das betrifft die soziale Ebene und die Leistungsebene. Wer keine hohe Leistung bringt, dem droht der Ausschluss aus der Gesellschaft. Wer nicht cool ist und viele Freunde hat, dem droht die Einsamkeit und auch der Ausschluss. Das ist ein ziemlicher Druck, den selbst die Eltern spüren.

Welches Beispiel aus Ihrer Zeit als Mediator ist Ihnen besonders nahegegangen?
Einmal kam ein Kind, das unter Ritalin sehr depressiv wurde. Es zog sich zurück und ass nichts mehr. Natürlich war sein Verhalten für die Umwelt erst einmal entlastend. Lange reagierte man nicht auf das depressive Verhalten. Der Rückzug stört generell weniger. Als Erwachsene baut man dabei auf die Verantwortung der Kinder, doch das kann gleichzeitig auch eine Belastung für sie sein. Es ist auffällig, dass viel mehr Buben zum Schulsozialarbeiter oder zum Schulpsychologischen Dienst geschickt werden als Mädchen. Dabei sind beide gleichermassen betroffen. Doch weil die Jungs es mehr nach aussen tragen, werden sie mehr von den Lehrpersonen geschickt. Sie rufen in den Unterricht rein, stehen auf, laufen herum, sind laut. Die Unordnung und das Chaos, das die Betroffenen machen, bringt die Lehrpersonen dazu, sie beim Psychologischen Dienst anzumelden. Mädchen reagieren dabei anders, sie tragen den Konflikt eher untereinander aus.

Der Jugendpsychologe Urs Kiener erklärt warum Kinder immer mehr überlastet sind. (Video: Tamedia)

Was sind die Alarmzeichen, bei denen man jemanden beiziehen sollte?
Besonders bei ruhigem Verhalten sollte man ein wenig sensibler sein und bei den Lauten ein bisschen toleranter. Bei einem spürbaren Rückzug muss man generell schon genauer hinschauen. Gibt es aber auch andere Anzeichen wie Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Erbrechen, sollte man achtsam sein.

Wie kann man die verschiedenen Symptome der Negativspirale von Überforderung, Depression und Burn-out erkennen?
Einerseits geht es um den Zeitraum. Wie lange hält die Verstimmung schon an? Andererseits darum, wie viel Eigenantrieb das Kind selbst noch hat. Dann ist es auch wichtig, dass ein Ausgleich besteht. Wenn das Kind in der Schule zwar abgelöscht ist, aber immer noch Freude und Energie für seine Hobbys hat, besteht immer noch eine Balance.

Wir sollten nicht immer nach dem Optimum streben. David Suter

Was empfehlen Sie den Eltern?
Mehr Gelassenheit und eine höhere Toleranz hätten eine gute Wirkung. Oft sind die Anforderungen der Eltern und des Umfelds extrem hoch. Es wäre wichtig, dass man den Kindern Zeit lässt, sich zu entwickeln, und nicht auf sie einwirkt, um sie zu verändern. Natürlich braucht es Veränderung, aber mittlerweile hat das Pendel ein wenig extrem auf die leistungsorientierte Seite ausgeschlagen. Wir sollten nicht immer nach dem Optimum streben.

Wie sollen sie umgehen mit Kindern, die gefährdet sind oder Anzeichen einer Depression zeigen?
Die Eltern sich selbst nicht unter Druck bringen lassen und gelassen bleiben. Es ist wichtig, dass man den Humor nicht verliert und nicht alles tierisch ernst nimmt. Klar soll man die Kinder ernst nehmen, aber nicht die Sache, um die es sich dreht.

Braucht jedes Kind, das zu einem Psychiater geht, ein Psychopharmakon?
Im Moment verschreibt man viel zu oft Psychopharmaka. Eigentlich sagt man, diese Medikamente solle man zusammen mit Therapie und enger Begleitung verwenden. Doch jetzt erlebe ich oft, dass Schüler schon über Jahre Ritalin nehmen, aber schon längst keine medizinische Begleitung mehr haben. Ich denke, da sind wir ziemlich leichtfertig geworden. Ich weiss nicht, ob wir das nicht später einmal noch anders anschauen werden. Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen es für das Kind und die Eltern hilfreich ist, aber momentan sind wir zu sorglos in diesem Bereich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 18:03 Uhr

David Suter arbeitet als Fachberater für Jugend- und Schulsozialarbeit sowie als Supervisor, Coach und Mediator in Zürich.

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Viele der Patienten gehen aufgrund einer akuten Eigengefährdung, eines drohenden Suizids. Doch auch andere Erkankungen wie wie Depressionen haben zugenommen.
Der Kinder- und Jugendpsychiater Gregor Berger schätzt, dass 2 bis 4 Prozent der Kinder bereits vor der Pubertät eine depressive Phase durchmachen. Nach der Pubertät steigt die Rate auf knapp 10 Prozent an.

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