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«Man wäre innert Wochen tot»

Experte Lukas Sommer sagt, ohne Stammzellen könne ein Mensch nicht lange leben.

Stammzellenforschung: «Der Hype um Stammzellen ist oft gross».

Stammzellenforschung: «Der Hype um Stammzellen ist oft gross». Bild: Keystone

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Der Schwanzlurch Axolotl kann geschädigte Organe wie das Auge und Teile des Gehirns erneuern. Wie regenerationsfähig ist der menschliche Körper?
All dies kann er nicht. Dennoch verfügt er über erstaunliche Fähigkeiten zur Selbstheilung. So kann sich zum Beispiel die Leber nach schweren Verletzungen selbst regenerieren. Generell erneuern sich die Zellen in unserem Körper ständig. Minute für Minute entstehen etwa 300 Millionen neue Zellen mit ganz unterschiedlichen Funktionen. Vor allem Blut-, Haut- und Darmzellen bilden sich permanent neu. Zuständig dafür sind Stammzellen, ohne die ein Erwachsener innerhalb von Wochen tot wäre.

Hat die Stammzellforschung nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki begonnen?
Im Prinzip schon. Damals starben viele Menschen ein bis zwei Wochen nach der Strahlenexposition an Blutungen und Infektionen, weil ihr Knochenmark die Blutbildung eingestellt hatte. Man hatte sich gefragt, warum dies so ist, und festgestellt, dass durch die Gabe von Knochenmarkzellen die Blutbildung wieder einsetzt. Heute ist diese Art der Stammzelltherapie Routine und wurde weltweit mehr als eine Million Mal gemacht.

In der jetzigen Ausstellung im Zoologischen Museum der Uni Zürich erfährt man auch, dass der Genfer Chirurg Jacques-Louis Reverdin schon 1869 Hautzellen transplantierte.
Er hat sie an gesunden Stellen entnommen und auf die Wunde gelegt. 1983 hat der Amerikaner Howard Green dann erstmals bei zwei Patienten mit sehr schweren Verbrennungen gezielt Hautstammzellen entnommen, im Labor gezüchtet und danach das Gewebe transplantiert. Auch diese Methode wird inzwischen oft angewendet. Allerdings enthält eine solche Ersatzhaut bisher immer noch keine Blut- und Lymphgefässe, Talg- und Schweissdrüsen, Haarfollikel und Pigmente. Daran wird weiterhin, vor allem auch in Zürich, intensiv geforscht.

Was kommt als Nächstes?
Simon Hoerstrup von der Uni Zürich stellt im Rahmen eines Projekts Herzklappen für Babys her, die mitwachsen. Damit bekämpft man nicht nur die Symp­tome, sondern behebt auch die Ursache. Vor ein paar Monaten wurde erstmals eine Patientin mit altersbedingter Makuladegeneration mit sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen) behandelt. Das heisst, dass ihr Hautzellen entnommen und in Zellen des retinalen Pigmentepithels umprogrammiert worden sind. Die Transplantation wurde in Japan gemacht, wo Shin’ya Yamanaka 2012 für die Entwicklung solcher iPS-Zellen den Nobelpreis erhielt.

Es gab aber auch Rückschläge: 2014 wurde die Japanerin Haruko Obokata mit ihrer Forschung zu verjüngten Zellen durch ein simples Säurebad schnell berühmt, gefeiert und danach als Fälscherin geächtet.
Forscher sind auch nur Menschen, und es passieren Fehler. Schlimm ist, dass der Hauptautor der Studie sich umgebracht hat. Der Hype um Stammzellen ist oft gross und der Druck zum Publizieren auch. Es ist deshalb besser, evolutionär zu arbeiten und nicht revolutionär.

Ausstellung «Stammzellen — Ursprung des Lebens», 10. 3. bis 14. 6. 2015, Zoologisches Museum, Eintritt frei.

Erstellt: 13.03.2015, 20:47 Uhr

Lukas Sommer: Der Stammzell-Experte von der Universität Zürich erforscht Stammzellen im Embryo, bei Krebs und in der Wundheilung.

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