«Man warf uns vor, dass wir die Frauen vergiften würden»

Hans-Jörg Senn ist einer der führenden Krebsärzte der Schweiz und verhalf der Chemotherapie beim Brustkrebs zum Durchbruch. Was ihn stört, sind die «Preisspielchen» bei altbewährten Medikamenten.

Heute sterben weniger Frauen an Brustkrebs als vor 20 Jahren: Ein Radiologe untersucht die Ultraschallbilder einer Brustkrebs-Routineuntersuchung. (5. November 2012)

Heute sterben weniger Frauen an Brustkrebs als vor 20 Jahren: Ein Radiologe untersucht die Ultraschallbilder einer Brustkrebs-Routineuntersuchung. (5. November 2012) Bild: Reuters

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In den letzten 20 Jahren ist in Europa die Brustkrebssterblichkeit um 20 Prozent zurückgegangen. Ist dies ein Erfolg Ihres Faches?
In Holland, dem Land mit der diesbezüglich wohl besten Statistik, ging die Sterblichkeit gar um über 30 Prozent zurück. Der grösste Teil des Rückgangs ist sicher den besseren Behandlungs­methoden zu verdanken. Nicht den chirurgischen, sondern den medikamentösen, da gibt es nicht viel zu diskutieren. Insofern hat unser Fach, die medizinische Onkologie, viel zum Rückgang beigetragen. Ein Teil ist auch der Brustkrebsvorsorge zu verdanken. Wie gross dieser Anteil ist, kann ich nicht genau beziffern. Darüber wird immer noch heftig gestritten.

Der internationale Brustkrebs­kongress St. Gallen, den Sie begründet haben, war wichtig für das Etablieren der Chemotherapie. Wie ist es dazu gekommen?
Viele glaubten am Anfang nicht daran, dass eine Chemotherapie, die zusätzlich zu einer Operation und Bestrahlungen durchgeführt wird, Metastasierungen verhindern oder zumindest verzögern kann. Man warf uns vor, dass wir die Frauen unnötig vergiften würden. Doch schliesslich hat sich dieser Ansatz durchgesetzt. Das St. Galler Meeting wurde zu einem der treibenden Kräfte, welche dafür sorgten, dass die adjuvante Chemotherapie ab Mitte der 1980er-Jahre weltweit Beachtung fand. Trotzdem wird noch heute gelegentlich versucht, Brustkrebs lediglich operativ zu behandeln.

Das kommt noch vor?
Ja, das wird immer noch gemacht. Zum Teil auch in der Schweiz, in weniger reichen Ländern sowieso. Dort fehlen häufig die Infrastruktur und das Geld für Zusatzbehandlungen. Vor allem neuere Medikamente wie Herceptin, die gegen bestimmte Brustkrebs-Antigene wirken, sind sehr teuer. Da ist der Westen privilegiert.

Am World Oncology Forum in Lugano, zu dem der Tessiner Krebsarzt Franco Cavalli im Herbst einlud, kritisierten Krebsspezialisten aus aller Welt die neuen Krebsmedikamente. Sie seien kaum besser als die alten Mittel, nur massiv teurer.
Ich verstehe diese Kritik zu einem gewissen Grad. Allerdings gibt es in der Forschung immer Gnadenzeiten, in denen viel passiert, und dann wieder Durststrecken. Letzteres erleben wir wohl momentan. Wobei ich finde, dass die Durststrecke nicht sehr ausgeprägt ist. Es kommen immer neue Mittel aus der Forschung, die molekularbiologisch genau dort eingreifen, wo man sie haben will. Diese haben dann auch nicht die starken Nebenwirkungen der alten Chemotherapien. Ich finde diese Entwicklung sehr spannend.

Die neuen Medikamente greifen zwar sehr spezifisch ein, doch der Heilungserfolg ist dennoch häufig bescheiden. Für einen sehr hohen Preis verlängern sie die Lebensdauer um ein paar wenige Monate.
Das stimmt für die metastasierten Krebskrankheiten. Dort ist der Erfolg der neuen Medikamente schwach und der Preis sehr hoch. Doch neue Krebsmedikamente müssen vorschriftsgemäss immer zuerst bei Patienten geprüft werden, bei denen die Krankheit fortgeschritten ist und kaum Chancen auf Heilung besteht. Wenn eine Therapie in dieser Situation noch etwas bringt, dann wird sie auch bei aussichtsreicheren Fällen eingesetzt, das heisst bei Patienten ohne Metastasen. Es sind zurzeit einige hochinteressante Medikamente für solche Erstbehandlungen von Tumoren in Prüfung.

Aber rechtfertigt dies die hohen Preise?
Da bin ich gleicher Meinung wie mein Tessiner Kollege Franco Cavalli, mit dem ich politisch das Heu nicht ganz auf der gleichen Bühne habe. Auch als liberaler Staatsbürger regen mich die hohen Preise auf. In der Schweiz gibt es jedes Jahr 5500 neue Brustkrebsfälle. Von diesen haben vielleicht 1000 die molekularen Eigenschaften, bei denen die neuen Medikamente wirksam sind. Weil dies nicht so viele sind, kann unser Gesundheitswesen das problemlos verkraften. Bei häufigen Krankheiten wie Grippe oder Hirnschlägen könnten wir das aber nicht zahlen. Allerdings weiss ich nicht, wie man die Preise für diese speziellen Medikamente senken kann. Ich bin weder Ökonom noch Politiker.

Im vergangenen Jahr sorgte die Knappheit von altbewährten Medikamenten für Empörung. Waren Sie auch betroffen?
Bei gewissen Krebsmedikamenten haben wir es auch gemerkt. Da laufen Spielchen, bei denen wir nicht dahinter sehen.

Sind das tatsächlich Spielchen?
Ja, auf jeden Fall. Bei den alten Medikamenten werden laufend die Preise gesenkt. Die Politiker glauben, dass man so das Gesundheitswesen verbilligen kann. Die Einsparungen bewegen sich jedoch nur im 1-Prozent-Bereich. Das bringt recht wenig. Die Firmen aber fahren ihre Produktion herunter und leisten so Widerstand.

Ist das Widerstand oder einfach ökonomisches Denken?
Beides. Es kommt billiger. Aber die Firmen können so auch das System stören und politisch Druck machen.

Es gibt auch die Vermutung, dass Firmen die alten Mittel verknappen, damit die Ärzte die teuren neuen Medikamente verschreiben müssen.
Das wäre aus meiner Sicht ein Fehler. Die neuen Krebsmedikamente ersetzen die alten meistens nicht, sondern wirken oft am besten mit diesen zusammen. Die alten werden benötigt, damit die neuen ihre Wirkung entfalten können, zumindest derzeit noch.

Sie sind jetzt gut 50 Jahre in der Onkologie tätig. Hat sich in dieser Zeit Ihre Sicht auf Krebs als Krankheit verändert?
Die Angst vor der Krankheit und vor allem die Distanz zu den Betroffenen hat sich verringert. Ein Tumorpatient erinnert einen immer an die eigene Vergänglichkeit. Es ist eine Art vorgezogene Konsultation mit dem Tod. Viele Kollegen aus anderen Fachgebieten weichen dieser Konfrontation aus. Sie halten sich von Krebspatienten möglichst fern – und verteufeln dann die Onkologie.

Sind Sie religiös?
Wenn man keine gute Glaubensgrundlage hat, dann ist man im Fach Onkologie bald etwas verloren. Das gilt für die Ärzte und noch mehr für das Pflegepersonal. Ohne klare innere Haltung und das Wissen, dass man im Tod und im Leben in Gottes Hand ist, wird man in der Onkologie sehr bald einsam und überfordert. Ich stelle immer wieder fest, wie Kollegen und vor allem aber Pflegende deswegen in ein Burn-out geraten und den Patienten nicht mehr offen gegenüberstehen können. Einzelne müssen das Fachgebiet dann verlassen.

Kommt das häufig vor?
Vor allem in der Weiterbildungsphase in den Spitälern kommt dies vor. Eine klare Glaubensgrundlage ist da ein Vorteil. Zudem hat man dann mit den Patienten auch anderes zu bereden, als nur Chemotherapien und Operationen. Man wird für den Patienten ein wenig zum Lebensberater und Seelsorger.

Braucht es nicht eine Distanz zu Krebspatienten, damit einem ihr Schicksal nicht zu nahe geht?
Man sieht viel Tragisches, familiär und persönlich. Wenn die Patienten langsam schwächer werden und dem Tod entgegengehen, dann braucht es dringend gewisse Distanz. Man muss aufpassen, dass man sich mit den Patienten nicht zu identifizieren beginnt. Trotzdem: Ein Onkologe sollte zwar nicht mitleiden, aber mitfühlen.

Erstellt: 02.04.2013, 07:54 Uhr

Der Brustkrebsspezialist Hans-Jörg Senn war bis 1997 Chefarzt am Kantonsspital St. Gallen. Seither leitet er das Tumor- und Brustzentrum Zetup in St. Gallen. (Bild: PD)

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