Massensterben beim Raclette

Während eines Raclette-Essens fielen 36 der 41 Vögel einfach tot von ihren Ästen.

Vorsicht bei Teflon-Pfännchen: Bei hohen Temperaturen setzt dieses Polytetrafluorethylen-Gas (PTFE) frei, was für Vögel tödlich enden kann. Foto: Martin Ruetschi / Keystone

Vorsicht bei Teflon-Pfännchen: Bei hohen Temperaturen setzt dieses Polytetrafluorethylen-Gas (PTFE) frei, was für Vögel tödlich enden kann. Foto: Martin Ruetschi / Keystone

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Es hätte ein gemütliches Raclette-Essen mit lieben Gästen werden sollen. Es wurde eine Katastrophe.

Die Gastgeberin, eine Vogelliebhaberin, hatte an jenem 28. Februar 1996 zwei Freundinnen eingeladen. In der grossen Voliere in ihrer Berner Stadtwohnung zwitscherten 41 Vögel – hübsche bunte Gouldamadinen, Goldbrüstchen, Zebrafinken und weitere Gefiederte. Den kleinen Prachtfinken war sichtlich wohl in der Stube.

Das änderte sich schlagartig. Kaum hatten die Frauen die ersten Bissen getan, herrschte Unruhe im Vogelkäfig. Einige Tiere flatterten nervös, andere sassen still mit geöffneten Schnäbeln auf den Ästen – und stürzten zu Boden. Tot. Binnen kurzem verstarben 36 der 41 Vögel. Die Gäste waren entsetzt, die Gastgeberin am Boden zerstört.

Die Prachtfinken waren nicht die ersten Opfer. Bereits im Januar 1968 berichteten Tierärzte der Universität Zürich über ähnlich mysteriöse Todesfälle. Damals ereilte das Schicksal zwei Wellensittiche und einen Finken. Sogar Papageien und – das wohl bisher grösste publizierte derartige Massen­sterben – mehr als 1200 Hühner in einer Legebatterie kamen ums Leben, alle aus demselben Grund.

Den Tierpathologen, welche die verendeten Vögel untersuchten, bot sich das immer gleiche Bild: schweres Lungenödem mit Entzündung, Blutungen im Gewebe und abnorme Blutfülle. Auch die Besitzer der Vögel schilderten den Ablauf immer ähnlich: nach Luft ringende Vögel, Benommenheit, ­Koordinationsstörungen, schliesslich «terminale Zuckungen» und Ersticken – ein qualvoller Tod.

Frau auf der Notfallstation

Selten kommen die Vogelhalter selbst ebenfalls in Schwierigkeiten. In Rotterdam beispielsweise meldete sich eine 26-Jährige mit akuter Atemnot auf der Notfallstation. Sie hatte zu Hause Kartoffeln gekocht – worauf erst ihre zwei Papageien tot umfielen und eine halbe Stunde später sie selbst ein bedrohliches Engegefühl in der Brust verspürte: Lungenödem. Auch grippeähnliche Symptome mit Fieber, ­Trockenheit im Rachen und Atembeschwerden sind bei Menschen bekannt.

Alle diese Fälle hatten eines gemeinsam: Teflon. Im Fall der Berner Vogelhalterin waren es Raclette-Pfännchen, in der Legebatterie neue Wärme­lampen mit Teflonbeschichtung, und bei der 26-Jährigen war ein kleines Teflonteil im Mikrowellen-Ofen geschmolzen. Auch auf dem Herd vergessene, mit Tee gefüllte Teflonpfannen haben schon Vögel umgebracht.

Was die Vogelhalter nicht wussten: Bei hohen Temperaturen setzt Teflon Polytetrafluorethylen-Gas (PTFE) frei. Die Konzentration ist zwar niedrig, aber bei Vögeln genügt wenig. Denn ihre Lunge ist anders aufgebaut und viel anfälliger für Giftgase.

Im Vergleich zum Säugetier funktioniert der Gasaustausch hier viel effizienter. Erstens fliesst die Luft beim Vogel nicht nur beim Einatmen in die Lungen, sondern ständig. So kann er etwa dreimal so viel Sauerstoff ein­atmen wie ein gleich grosses Säugetier. Zweitens treten Gase bei ihm besser ins Blut über, weil die Barriere zwischen Lungenoberfläche und Blutkapillaren dünner ist. Überdies ist die Vogellunge besser durchblutet. Und drittens ist die Aufnahmefläche für Sauerstoff – und damit auch für toxische Gase – beim Vogel fünf- bis zehnmal grösser als beim Säugetier. Deswegen reagieren Vögel auf giftige Gase sensibler als Mäuse, Meersäuli oder der Mensch – weshalb früher im Kohlebergbau Kanarienvögel als Warnsystem für tödliche Gase eingesetzt wurden. Im Golfkrieg dienten Wellensittiche.

Am besten ist es, Hausvögel aus allen Räumen auszuschliessen, in denen Teflon erhitzt wird. Theoretisch könnten ihnen bei einer PTFE-Vergiftung sofort verabreichte frische Luft, Kortison, Flüssigkeit und Antibiotika vielleicht noch helfen. In der Praxis aber kam meist jede Hilfe zu spät.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2015, 18:15 Uhr

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