Small Talk

«Medizin klappt auch, wenn nicht alles perfekt ist»

Nadine Gallo war für einen Hilfseinsatz in Tansania. Zuweilen ist die Ärztin dort an Banalem gescheitert.

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Sind Sie eine Weltverbesserin?
Mit diesem Vorwurf sahen wir uns vor allem vor der Abreise oft konfrontiert: Nein, wir sind nicht als naive Weltverbesserer nach Tansania gereist. Sonst wären wir wohl enttäuscht zurückgekommen.

Weshalb?
Es gab ernüchternde Momente. Etwa dann, wenn wir glaubten, etwas verändert zu haben, einen Fortschritt zu erkennen, ein System etabliert zu haben – und nach unseren Freitagen am Wochenende alles wieder beim Alten war.

Haben Sie sich je die Sinnfrage gestellt?
Klar. In diesen Momenten fragte ich mich: Was mache ich hier eigentlich? Wir sind ja manchmal an ganz Banalem gescheitert. Nach einer Operation braucht es immer einen Verband. Eigentlich logisch. Und doch mussten wir jedes Mal aufs Neue nach dem Verband fragen, er war nie vorbereitet.

Wie war die Situation vor Ort?
Wir wurden herzlich empfangen, und das Personal bemühte sich sehr. Es fehlte zu Beginn einiges an Material, und wir fragten uns, was überhaupt möglich ist. Es ging dann aber erstaunlich viel. Wir entwickelten ziemlich schnell einen gewissen Pragmatismus. Mir wurde klar: Gute Medizin ist auch mit einfachsten Mitteln möglich. Das ist ein gutes Gefühl.

Was war besonders schwierig?
Wir mussten uns daran gewöhnen, dass das Spital in Tansania nicht auf Geschwindigkeit und Leistung ausgerichtet ist. Die Mentalitäten sind so verschieden, dass wir uns anpassen mussten. Wir versuchten in kleinen Schritten die Abläufe zu verbessern.

Ist das gelungen?
Ich habe einen der beiden Operationssäle betreut, den für die Traumatologie. In der Zeit vor Ort wollten wir so viele Patienten wie möglich versorgen, also mussten wir schneller werden. Anfangs verstrich vor allem zwischen den Operationen viel Zeit. Plötzlich war das Personal nicht mehr da, der Operationssaal nicht vorbereitet, oder der nächste Patient war noch nicht bereit. Zum Schluss haben wir in dem einen Saal täglich zwischen drei und fünf grössere Eingriffe durchgeführt – durchaus ein Erfolg.

Was haben Sie für Ihre Arbeit in der Schweiz mitgenommen? Für mich war es wertvoll, zu sehen: Mit Improvisation und Kreativität lassen sich Probleme lösen. Medizin funktioniert auch, wenn nicht alles perfekt ist. Mir wurde bewusst, wie luxuriös die ­Medizin in der Schweiz ist. Ich schätze die Möglichkeiten und Mittel hier wieder mehr. Die Erfahrung hat mir eine gewisse Gelassenheit und Selbstsicherheit gegeben, ohne überheblich oder unvorsichtig zu werden.

Würden Sie noch einmal nach ­Tansania reisen? Unbedingt. Ich bin überzeugt, dass wir bereits in diesen drei Wochen etwas bewegt haben. Und dann ist da der egoistische Aspekt: Ich habe sehr viel profitiert, bin persönlich und fachlich weitergekommen. Ich glaube, wir haben mindestens genauso viel von den Afrikanern gelernt wie sie von uns.

Erstellt: 18.10.2013, 17:44 Uhr

Die Assistenzärztin Anästhesie (27) war für drei Wochen für ein Hilfsprojekt des Zürcher Waid-Spitals in Tansania.

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