Interview

«Meine Brust hat mich bedroht»

Die Gymnasiastin Maja K.* liess sich nach einem Gentest mit erst 20 Jahren beide Brüste entfernen. Sie hat den Entscheid nie bereut.

Vernünftige Entscheidung: Frauen mit einem Risiko für Brustkrebs lassen sich die Brust entfernen. (Symbolbild)

Vernünftige Entscheidung: Frauen mit einem Risiko für Brustkrebs lassen sich die Brust entfernen. (Symbolbild) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind eine gesunde 21-jährige Frau, kurz vor der Maturaprüfung, und haben sich beide Brüste amputieren lassen. Wieso?
Meine Schwester ist schon mit 27 Jahren an Brustkrebs erkrankt. Weil nur drei Prozent aller Frauen unter 30 an Brustkrebs erkranken, wurde bei ihr eine Genveränderung vermutet. Darauf liess sie sich testen. Danach entschied ich mich, den BRAC-2-Test auch zu machen.

Was hat der Gentest ergeben?
Er war positiv. Das bedeutete, dass ich ein Risiko von 80 bis 90 Prozent hatte, irgendwann im Leben an Brustkrebs zu erkranken.

Was bedeutete das für Sie?
Irgendwie hatte ich schon vorher befürchtet, dass der Test positiv sein würde und ich dieselbe Genveränderung wie meine Schwester hätte. Nach dem Testergebnis wusste ich sofort, dass ich mir meine Brüste entfernen lassen wollte.

Wieso ist Ihnen der Entscheid für die doch einschneidende Operation so leicht gefallen?
Ich war 19, als ich die Krankheit meiner Schwester miterlebte – die Chemotherapie, wie sie die Haare verloren hat, die Belastung. Sie ist jetzt zwar geheilt, aber das war auch für mich eine sehr schlimme Zeit, vor allem, weil wir uns schon immer so nahe fühlten.

Sind Sie froh, dass es diesen Gentest gibt?
Völlig. Der Test ist eine gute Möglichkeit, sich über sein Risiko klar zu werden. Das Problem ist, dass diese Mutation so gefährlich ist, dass man immer wieder erkranken kann, selbst wenn man einmal Brustkrebs hatte und er geheilt werden konnte. Ich wollte einfach nicht jedes Jahr in die Mammografie gehen müssen und dabei dauernd in Angst leben.

Verständlich.
Ich möchte so leben wie jede andere Frau auch – und nach dieser Operation habe ich das Gefühl, dass ich das kann.

Was sagten die Ärzte?
Sie machten es mir einfach, weil sie mich immer gut und umfassend informierten, sodass ich eine gute Entscheidung fällen konnte.

Wurden von ärztlicher Seite auch Zweifel geäussert?
Das gab es. Manche Ärzte sagten, dass es andere Möglichkeiten gebe, etwa eine bessere Überwachung mittels Mammografie. Ich war jederzeit über alle Möglichkeiten und Alternativen informiert.

Trotzdem haben Sie sich für die radikale Massnahme entschieden.
Ja. Ich war vor die Frage gestellt, ob ich mehr Angst davor hatte, mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 bis 90 Prozent irgendeinmal an Brustkrebs zu erkranken, oder ob ich ohne eigene Brüste leben kann und dafür operiert werden muss. Für mich war klar, dass ich viel mehr Angst vor dem Brustkrebs hatte.

Dann haben Sie Ihre gesunden Brüste amputieren lassen.
Ich hatte tatsächlich noch keinen Brustkrebs – und die Ärzte sprachen mich auch darauf an. Trotzdem war für mich der Zeitpunkt richtig. Meine Schwester hatte mit 27 Jahren Brustkrebs. Heute sagt man, dass man fünf Jahre zurückrechnen müsse und dann das Alter habe, ab dem ein Brustkrebs für Angehörige mit derselben Genveränderung kritisch werden könnte. Bei mir also mit 22.

Sie haben die Operation sogar noch zwei Jahre früher gemacht.
Für mich ist das Risiko von 80 bis 90 Prozent eine extrem hohe Zahl, die Chance, gesund zu bleiben, schien mir dagegen niedrig. Ich hätte also bei allen Frauenarztbesuchen das ganze Leben lang Angst vor einer Erkrankung haben müssen.

Wie verlief die Operation?
Weil ich noch keinen Brustkrebs hatte, war meine Operation etwas einfacher als bei meiner Schwester. In einem ersten Eingriff wurde mir bei beiden Brüsten das Gewebe entfernt und danach eine Art Ballon eingesetzt, der mit Kochsalzlösung gefüllt wurde, damit die Brust in die Originalgrösse zurückwächst. In einer zweiten Operation wurde dieser Expander dann entfernt und die definitiven Implantate eingesetzt.

Gab es keine Probleme?
Die erste Operation dauerte sieben Stunden. Danach starb auch noch die Brustwarze ab, weil die Durchblutung des Gewebes nicht mehr gut war. Sie wurde dann auch wieder rekonstruiert, sodass es jetzt wieder aussieht wie bei jeder anderen Frau auch, einfach mit Narben.

Was fühlten Sie nach der Operation?
Die Brust war für mich nach der Geschichte mit meiner Schwester und dem Gentest etwas Gefährliches geworden, das mich bedrohte. Als sie weg war, fühlte ich mich richtig erleichtert.

Fühlen Sie sich noch als Frau?
Ich hatte nie ein Problem damit. Im Bikini merkt niemand den Unterschied. Es ist zwar nicht mehr meine Originalbrust. In den neuen Brüsten habe ich natürlich auch kein Gefühl mehr. Aber das ist ein Nachteil, mit dem ich leben muss. Deswegen fühle ich mich nicht weniger fraulich als vorher.

Was war der schwierigste Moment für Sie?
Das war die Zeit, als meine Schwester die Brustkrebsdiagnose erhielt. Meine eigene Diagnose danach habe ich gar nicht als so schlimm wahrgenommen.

Hatten Sie nie Zweifel, Bedenken, Trauer?
Zweifel hatte ich nie. Doch als alles vorbei war, wurde ich traurig, musste das Ganze verarbeiten. Irgendwie war der Körper vorher in einer Art Schockzustand, der gar keine Trauerphase zuliess. Trotzdem weiss ich eines: Ich habe meinen Entscheid nie bereut.

* Name der Redaktion bekannt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2013, 11:33 Uhr

Artikel zum Thema

«Fettabsaugen ist intimer als eine Brustvergrösserung»

Die plastische Chirurgin Cynthia Wolfensberger verweigert Penisoperationen, dafür kennt sie das Geheimnis eines perfekten Augenaufschlags an Silvester und andere Schönheitsgeheimnisse. Mehr...

Jolie fühlt sich nach Brustamputation «nicht weniger Frau» als vorher

Die US-Schauspielerin Angelina Jolie hat sich vorsorglich beide Brüste abnehmen lassen – aus Angst vor Krebs. In einem Beitrag für die «New York Times» schildert sie die medizinische Behandlung detailliert. Mehr...

Studie: Brüste werden durch BH schlaff

Frauen, die keinen BH tragen, haben straffere Brüste und weniger Schwangerschaftsstreifen. Dies besagt eine neue Studie eines Arztes. Auch die Position der Brustwarze verändere sich durch das Stützen des Busens. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Schwanger dank Zyklus-App?

Mamablog Zu jung fürs Brett? Blödsinn!

Die Welt in Bildern

Ihr Kopf ist so gross wie das Junge: Das Nashhorn Baby Kiano steht im Zoo von Erfurt neben seiner Mutter. (15. Januar 2019)
(Bild: Martin Schutt) Mehr...