Mensch unter Hochdruck

Ungeahnte Malheure: Was beim Niesen, Husten und auf der Toilette alles passieren kann – und glücklicherweise nur äusserst selten geschieht.

«Fred Otts Sneeze» war einer der ersten Filme (1894), der in den USA entstand. Der Darsteller nahm Schnupftabak und musste deshalb heftig niesen. Foto: Universal History Archive

«Fred Otts Sneeze» war einer der ersten Filme (1894), der in den USA entstand. Der Darsteller nahm Schnupftabak und musste deshalb heftig niesen. Foto: Universal History Archive

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Das Leben ist ein einziges Risiko. Besonders die Verrichtungen des Alltags bergen ungeahnte Gefahren. Damit sind nicht die zahlreichen Unfälle im Haushalt gemeint, die zumeist auf eigener Ungeschicklichkeit, verborgenen Materialfehlern oder der falschen Verwendung handelsüblicher Gerätschaften beruhen. Nein, es geht um jene Malheure und Missgeschicke, wenn der menschliche Körper eigentlich routiniert vor sich hin funktionieren sollte – und dann plötzlich unversehens doch etwas schiefläuft. Oder wenn die feine englische Art zu irritierenden Komplikationen führt.

So berichtete das Fachmagazin «BMJ Case Reports» kürzlich von einem zuvor vollkommen gesunden 34-Jährigen, der mit akuten Schluckbeschwerden und starken Schmerzen im Rachenraum in die Notaufnahme der Universitätsklinik im englischen Leicester kam. Sein Hals und Nacken waren auf beiden Seiten angeschwollen, und er verspürte ein pochend-stechendes Gefühl an der hinteren Rachenwand.

180 km/h schneller Sprühnebel aus Rotz

Während des Abhörens des Körpers mit dem Stethoskop nahmen die Ärzte reibende Geräusche am Hals bis hinunter zum Brustbein wahr, die dort normalerweise nicht zu vernehmen sind. Die Untersuchung mittels Röntgen und Computertomografie ergab eine Schwellung des Weichteilgewebes rund um die Luftröhre und im Bereich hinter der Rachenwand, die sich bis in den mittig gelegenen Hohlraum zwischen den beiden Lungenflügeln auszudehnen drohte. Dort hatte sich bereits etwas Luft angesammelt, und die Ärzte fanden auch bald die Ursache: Der Patient wollte seine guten Manieren unter Beweis stellen und hatte sich beim Niesen die Nase und den Mund fest zugehalten. Dabei kam es zu einem Einriss der hinteren Rachenwand.

Bei einer Niesattacke wird der feine Sprühnebel aus Rotz und Keimen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 180 Kilometern pro Stunde aus der Nase (und manchmal dem Mund) geschleudert. Diesen Ausbruch an Energie komplett zurückzuhalten, führt akut zu einem massiven Druckanstieg im Rachen, dem das dortige Gewebe offenbar nicht immer gewachsen ist. «Das Niesen zu unterdrücken, indem gleichzeitig die Nasenlöcher und der Mund zugehalten werden, ist ein gefährliches Manöver, das besser unterbleiben sollte», warnen die britischen HNO-Ärzte um Wanding Yang, die den Fall dokumentierten. «Dabei kann es zu verschiedenen Komplikationen kommen, etwa zu einer Luftansammlung zwischen den Lungen, einer Perforation des Trommelfells oder sogar dem Riss von Blutgefässen im Gehirn.»

Nachdem der Patient Antibiotika erhalten hatte und eine Weile mittels Magensonde ernährt worden war, konnte er nach sieben Tagen wieder weiche Nahrung auf normalem Weg zu sich nehmen und wurde ohne weitere Komplikationen entlassen.

So glimpflich entwickelt sich der weitere Verlauf bei Patienten mit dem seltenen Boerhaave-Syndrom allerdings nicht immer; dabei kommt es infolge heftigen Erbrechens zu einem Riss der Speiseröhre, und der Mageninhalt gelangt in den Lungenzwischenraum und droht ihn zu infizieren. Ein Notfall, bei dem eine sofortige Operation nötig ist.

Husten kann Rippen brechen, und heftiges und langwieriges Pressen auf der Toilette kann Blut­gefässe zum Platzen bringen.

Anderen Missgeschicken kann man sich auch durch weniger manierliches Verhalten manchmal kaum entziehen. So wissen Ärzte davon, dass die heftigen ­Erschütterungen bei starkem Husten oder chronischer Bronchitis zu einem Anbruch der Rippen führen können. ­Besonders häufig sind die unteren, «freien» Rippen davon betroffen. Das lästig-schmerzhafte Bellen und Röcheln wird in der Folge noch unangenehmer. «Aber das passiert ja nicht, weil die Leute den Husten unterdrücken, sondern im Gegenteil: weil sie fortwährend husten», sagt Antonius Schneider, Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin an der Technischen Universität München. «Vor allem bei Keuchhusten lässt sich das einfach nicht unterdrücken.»

Ein weiteres – wenn auch sehr geringes – Risiko für Leib und Leben geht mit einem starken Druckanstieg im Bauchraum einher. Heftiges und langwieriges Pressen etwa auf der Toilette und nach langer Verstopfung kann bereits vorhandene Schwachstellen der Blut­gefässe zum Platzen bringen oder dazu führen, dass Aneurysmen, wie Aussackungen in der Gefässwand genannt werden, reissen und zu Blutungen führen. Besser zwischendurch ein paarmal locker durchatmen, als mit Gewalt so lange zu drücken, bis der Kopf rot wird und der Druck schon auf den Ohren zu spüren ist.

Druckempfindlich ist der Körper an verschiedenen Stellen, nicht überall hat das jedoch solche Auswirkungen wie im vorderen Bereich des Halses. Seitlich oberhalb des Kehlkopfs, wo sich die Schlagadern verzweigen, befindet sich ein kleiner, körpereigener Sensor, um den Blutdruck zu regulieren. Wird er mechanisch manipuliert, etwa durch Rangeleien, Würgespiele oder gar auch zu starken lokalen Druck beim Rasieren, sendet er die falschen Signale, die zu einem abrupten Druckabfall mit Schwindel und Ohnmachtsanfällen führen können.

In den meisten Fällen empfiehlt es sich aus medizinischer Sicht, den Regungen und Aufwallungen des Körpers weitgehend freien Lauf zu lassen und sie nicht zu unterdrücken – ohne seine Mitmenschen zu sehr damit zu belästigen: Beim Niesen werden schliesslich auch lästige Keime ausgestossen. Die zügige Darmentleerung verschafft Platz und ­befreit oftmals nebenbei von Druck und Bauchgrummeln. Ähnliches gilt für die körpereigene Flüssigkeitsentsorgung – lange «aufhalten», auch wenn man es immer noch ein bisschen länger schaffen würde, ist meistens unnötig und tut auch nicht gut.

Böse Folgen der Hofetikette

Böse enden wird ein fortgesetzter Harnverhalt allerdings nur in den seltensten Fällen. Der dänische Astronom Tycho Brahe soll der Überlieferung nach 1601 elendig gestorben sein, weil er es nicht wagte, beim Festbankett von Kaiser Rudolph II. in Prag aufzustehen und sich zu erleichtern. Die Hofetikette sah vor, dass sich niemand vor dem Kaiser von der Tafel erhob – und der hatte Sitzfleisch. Als Brahe dann doch irgendwann hinauseilte, war es zu spät. Er hatte angeblich bereits einen Blasenriss erlitten. Zehn Tage später starb Brahe an der sich ausbreitenden Infektion und deren Folgen.

Dem Hausarzt Antonius Schneider von der Technischen Universität München ist es allerdings wichtig, zu betonen, dass es sich bei den beschriebenen Fällen um absolute Raritäten handelt. «In der Hausarztpraxis sieht man das alles nicht sehr häufig», sagt der Allgemeinmediziner. «Ausserdem gehört es ja zu unseren Aufgaben, die Menschen gesund zu lassen und ihnen keine Angst vor alltäglichen Verrichtungen einzujagen. Die Leute haben eh schon so viel Angst um ihre Gesundheit.»

Und eine Sorge ist immerhin vollkommen unbegründet: Dass die Augen «so stehen bleiben», wenn Kinder sie verdrehen beim Grimassenschneiden, hat sich längst als unsinniges Ammenmärchen herausgestellt, mit dem Eltern und Grosseltern früher den Nachwuchs aus vermeintlich erzieherischen Gründen zu verschrecken pflegten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2018, 23:01 Uhr

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