Mit 110 Minusgraden gegen Arthritis

Marie Bovet (73) konnte kaum mehr gehen. Dann machte sie eine Kältetherapie. Heute ist ihr «vögeliwohl». Ein Besuch in der Kältekammer.

Für eine Steigerung ihrer Leistung schwören auch manche Sportler auf die Kryotherapie: Eine Kältekammer. Foto: Getty Images

Für eine Steigerung ihrer Leistung schwören auch manche Sportler auf die Kryotherapie: Eine Kältekammer. Foto: Getty Images

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Minus 110 Grad – kann der Mensch eine derartige Mordskälte überhaupt aushalten? Ja, er kann. Mehr noch: Wer seinen Körper kurze Zeit solch extremen Minusgraden aussetzt, legen Studien nahe, profitiert von zahlreichen gesundheitlichen Vorteilen. Die Kälte macht ihn leistungsfähiger und unempfindlicher gegen Schmerz. Und sie heilt den Körper im besten Fall sogar von schweren Krankheiten. Die Reha- und Kurklinik Eden in Oberried BE bietet solche Frostkuren an – und erzielt Resultate, die aufhorchen lassen.

Die medizinische Behandlung mittels Kälte, genannt Kryotherapie (von griechisch «kryos», kalt), ist kein Verwöhnprogramm. Doch ihre Heilwirkungen sind seit der Antike bekannt, und seit einigen Jahren werden diese von der Medizin neu entdeckt. Eine Ganzkörper-Kältetherapie (GKKT) entfaltet ihre Wirkung durch schockartige Abkühlung der Körperoberfläche. «Durch eine Überreizung der Rezeptoren in der Haut wird beispielsweise die Schmerzweiterleitung zum Gehirn gehemmt», erklärt Christian Dragalina, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie.

An der kleinen Klinik am Brienzersee erzielt der Mediziner mit der GKKT bemerkenswerte Behandlungsergebnisse. Besonders Menschen, die an chronischentzündlichen Gelenk- oder Wirbelsäulenerkrankungen wie Polyarthritis oder Morbus Bechterew leiden, profitieren davon. Weil der Körper im Kältebad sämtliche Organe warm zu halten versucht, kurbelt er die Durchblutung in seinem Inneren an. Dies wiederum führt dazu, dass Entzündungsstoffe besser aus den Zellen abtransportiert werden.

Bei Autoimmunerkrankungen setzen Experten ebenfalls auf GKKT. Christian Dragalina erklärt: «Durch die Kälteeinwirkung wird das gesamte Immunsystem heruntergefahren und daran gehindert, gegen den eigenen Körper zu schiessen.» Auch Patienten mit chronischen Schmerzzuständen, etwa mit Fibromyalgie, sprechen meist gut auf die Kälte an. Weil unser Organismus dabei mehr Glückshormone Dopamin und Serotonin ausschüttet, werden wir unempfindlicher gegen Schmerzen. Das unterstützt auch die Rehabilitation frisch operierter Personen, die etwa ein künstliches Gelenk erhalten haben.

Kälte verbessert die Beweglichkeit

Die Kälte trägt unmittelbar nach der Anwendung zur Entspannung der Muskeln bei, weiss Eden-Physiotherapeutin Franziska Schulte: «Für manch einen Schmerzpatienten macht das eine Physiobehandlung erst erträglich. Wir können oft schon nach einer einzigen Behandlung Verbesserungen der Beweglichkeit der Gelenke von bis zu zehn Grad messen.» Für eine anhaltende Wirkung bei chronischen Erkrankungen braucht es jedoch regelmässige Gänge in die Kältekammer.

Die Wirkungen der Ganzkörper-Kältetherapie sind bei vielen Ärzten noch umstritten oder gar unbekannt.

Wie zum Beispiel bei Marie Bovet (Name geändert). Als die Patientin aus dem Kanton Waadt zum ersten Mal nach Oberried kam, hatte sie wegen ihrer Polyarthritis ganz verkrümmte Hände und Füsse. Sämtliche Gelenke ihres Körpers waren entzündet, und die vielen verschiedenen Schmerzmittel, die sie ausprobiert hatte, führten kaum zu einer Verbesserung. Die 73-Jährige war am Ende: «Ich konnte nichts mehr greifen und fast nicht mehr gehen», sagt sie. «Die Schmerzen, die ich hatte, wünscht man nicht dem schlimmsten Feind.»

Das war vor vier Jahren. Heute, über 300 Kältebehandlungen später, sagt Marie Bovet: «Mir ist vögeliwohl. Ich kann fast wieder so leben wie früher und nehme nur noch homöopathische Mittel.» Bereits nach einer «Intensivwoche» mit täglichen Behandlungen war sie wieder fähig, ein paar Schritte zu gehen, ohne sich an der Wand abstützen zu müssen. Aktuell begibt sich Marie Bovet noch alle zwei Wochen in die Kältekammer. An den Händen ist die Krankheit noch erkennbar, doch die Schmerzen sind verschwunden. «Mein Rheumatologe konnte es fast nicht glauben», freut sich die Rentnerin.

Die Wirkungen der Ganzkörper-Kältetherapie sind bei vielen Ärzten noch umstritten oder gar unbekannt. Das liegt daran, dass gross angelegte, aussagekräftige Studien fehlen. «Diverse wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass der Schmerzmittelverbrauch dank Kryotherapie bei den vorgängig genannten Krankheiten um bis zu 70 Prozent sank», sagt Christian Dragalina. «Doch die meisten Studien basieren auf zu kleinen Probandenzahlen oder weisen methodische Mängel auf, sodass man man sie nicht als eindeutige Belege verstehen kann.»

Von der obligatorischen Krankenversicherung ist die GKKT deshalb bis heute nicht anerkannt. Die Zusatzversicherung übernimmt eine Behandlung nur dann, wenn ein Arzt sie im Rahmen einer manuellen Physiotherapie verschreibt. Ohne Verordnung beträgt der Preis für Selbstzahler pro Einzelsitzung zwischen 25 und 60 Franken. Mit einem Abo sinkt der Preis leicht. Geringere Chancen auf eine Kostenübernahme haben Patienten, die die Kältekammer wegen Hautproblemen wie Neurodermitis oder Schuppenflechte aufsuchen. Auch bei Migräne, Schlafstörungen oder Depressionen soll die Kälte Abhilfe schaffen. Den «aufhellenden Effekt auf die Psyche» könne jeder an sich selbst spüren, sagt Franziska Schulte. In diesen Bereichen ist die Forschungslage zwar noch dünner als in anderen, doch die positiven Erfahrung von Patienten sprechen für sich.

Schlafstörungen behoben

Die 68-jährige Marie Beck (Name geändert) aus dem Kanton Bern etwa, die sechs Jahre lang unter zermürbender Schlaflosigkeit litt, schwört auf die Kältetherapie. Sie stiess zufällig auf die Methode, als sie vor fünf Jahren ihren Mann für eine Hüftoperation in die Kurklinik begleitete. Während eines Rundgangs wurde erwähnt, dass die Kältekammer unter anderem bei Schlafproblemen zum Einsatz komme. Da sagte sich Marie Beck: «Probieren geht über studieren» – und wagte sich noch am gleichen Tag in die extreme Kälte. Was danach passierte, kommt ihr wie ein Wunder vor: «Als mein Mann und ich am Abend im Zimmer die Nachrichten schauten, überfiel mich plötzlich eine für mich untypische Müdigkeit. Ich ging früh schlafen und wachte erst am kommenden Morgen wieder auf, als ein Pfleger meinen Mann wecken kam.»

«Mehr als ein vorübergehender Hustenreiz oder gerötete Haut ist als Nebenwirkung nicht zu erwarten.»Franziska Schulte, Physiotherapeutin

Total begeistert begann Marie Beck, die Kältekammer regelmässig aufzusuchen. Zuerst 14-täglich, später im Drei-, dann im Vierwochenrhythmus. Bis heute. Seither hat Marie Beck nach eigener Aussage keine einzige durchwachte Nacht mehr erlebt und auch nie mehr Schlafmittel benötigt. Wieso sie auf die Therapie so hervorragend anspricht, kann ihr niemand genau erklären. Auch hat die Krankenkasse die Kostenübernahme von Anfang an abgelehnt. Doch Marie Beck sagt: «Solange es mir damit so fantastisch geht, bezahlt es sich für mich aus.» Weil der Körper in der Kälte Abwehrkräfte mobilisiert und so Erkältungen vorbeugt, wird die GKKT auch gesunden Menschen empfohlen. Ausserdem können Sportler damit ihre Kraft und Ausdauer steigern und für eine schnellere Erholung sorgen. Franziska Schulte erklärt: «Weil die kalte Luft in der Kabine besonders sauerstoffreich ist, werden die Muskeln mit einer Extraportion Sauerstoff versorgt.» Im Breitensport sind Leistungssteigerungen von bis zu 20 Prozent nachgewiesen.

Eine Kryotherapie eignet sich für fast jeden. «Mehr als ein vorübergehender Hustenreiz oder gerötete Haut ist als Nebenwirkung nicht zu erwarten», sagt Franziska Schulte. Nur wenn man falsch angewiesen werde und mit nasser Haut in die Kältekammer gehe, könne es zu Kälteverbrennungen kommen. Für manche Menschen ist die Kältekammer allerdings tabu: etwa für Krebspatienten, Epileptiker oder Träger von Herzschrittmachern. Auch wer an unbehandeltem Bluthochdruck, an Herzinsuffizienz, Venenthrombosen, Blutarmut oder arteriellen Durchblutungsstörungen leidet, sollte eine Kryotherapie meiden. In gewissen Fällen empfiehlt es sich, eine Kältetherapie vorgängig mit dem Arzt abzusprechen: zum Beispiel bei Herzrhythmusstörungen und bei Angst vor engen Räumen.


Drei lange Minuten in der Kältekammer

Die Kältekabine der Reha- und Kurklinik Eden in Oberried BE ist nicht grösser als ein WC und trägt den filmreifen Namen «KryoSpace». Darin fällt das Thermometer so tief wie an keinem Ort in der Natur: auf minus 110 Grad. Mit mulmigem Gefühl betrete ich die Kabine. Ich trage meinen Badeanzug, eine Mütze, Skihandschuhe, Schuhe und Mundschutz. «Um die empfindlichsten Stellen zu schützen», sagt die Physiotherapeutin Franziska Schulte, die meinen Selbstversuch beaufsichtigt.

Anders als nach dem Sprung in einen Bergsee verschlägt es mir im blauen Nebel der Kältekammer nicht den Atem. Trotzdem durchdringt mich die trockene, windlose Kälte erbarmungslos. Ich erstarre zur Salzsäule. Mit Gesten gibt mir Franziska Schulte hinter der Glastür zu verstehen, dass ich in Bewegung bleiben soll. Also gehe ich im Kreis herum, klatsche in die Hände, hüpfe im Takt der eingespielten Latin-Pop-Musik auf und ab. Mit Schrifttafeln teilt mir die Physiotherapeutin mit, wie viel Zeit abgelaufen ist. Nach einer Minute scheinen sich tausend feine Nadeln in meine Haut zu bohren. Am ärgsten ist es an den Armen. Ich kneife die Augen zusammen, beisse auf die Zähne, zapple fleissig weiter und versuche ruhig zu atmen. Endlich. Die angeordneten drei Minuten sind um. Ich öffne die Tür und rette mich in die Wärme.

Klein wie ein WC: Eine Frau (nicht die Autorin) steigt aus der Kältekabine in der Reha- und Kurklinik Eden. Foto: pd

Unmittelbar nach meinem Selbstversuch sind meine Beine knallrot und die Haut meiner Arme zusammengeschrumpelt. Wieder in den Kleidern, breitet sich eine angenehme Wärme in mir aus. Ich fühle mich wie nach einer sportlichen Anstrengung und bin hungrig. Das erstaunt nicht: In drei Minuten Kältekammer verbraucht man etwa so viele Kalorien, wie wenn man eine halbe Stunde joggt. Ich habe die Kältkammer zwar nicht wegen eines bestimmten Leidens getestet. Doch am Abend stelle ich in der Yogastunde fest, dass ich wieder einen einwandfreien Schneidersitz hinkriege. Diese Position hatte mir monatelang wegen eines blockierten Hüftgelenks Mühe bereitet. Vielleicht sollte ich bald wieder Eisbär spielen.

Erstellt: 17.12.2018, 13:17 Uhr

Hier gibt es Kältekammern

Neben der Reha- und Kurklinik Eden in Oberried BE gibt es auf dem Bürgenstock, in Biel, Basel, Luzern und seit neustem in Lausanne Kältekammern, welche die für medizinische Anwendungen erforderliche Temperatur von minus 110 Grad anbieten.

Weitere Ganzkörper-Kältekammern gibt es in Zürich, St. Gallen, Genf und Winterthur. Mit Temperaturen um minus 85 Grad eignen sich diese vor allem für den Sport-, Wellness- und Beautybereich (z.B. für Hautstraffung und Cellulitebehandlung).

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